Aktion

Herr Schwitzke und die 250-Kilo-Bombe

In Potsdam mussten Tausende Menschen ihre Wohnung wegen einer Entschärfung verlassen

Kurz nach 11 Uhr hockt Mike Schwitzke noch immer in der Feuerwache an der Holzmarktstraße. Der Sprengmeister vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg darf noch nicht ausrücken, um die im Flussbett der Nuthe gefundene 250 Kilogramm schwere Weltkriegsbombe zu entschärfen und zusätzlich eine russische Handgranate zu sprengen. Nicht alle der 9000 Potsdamer im betroffenen Areal zwischen Hauptbahnhof und Humboldtbrücke haben rechtzeitig ihre Wohnung verlassen. Erst um 12.05 Uhr steht der Sperrkreis. Exakt eine Stunde später hat Schwitzke mit einem Rohrschlüssel den Zünder der Bombe amerikanischer Bauart herausgedreht. „Zum Glück hatte sie nur einen mechanischen Aufschlagzünder.“ Der sei allerdings völlig intakt gewesen. „Warum die Bombe beim Abwurf oder auch Tage später nicht hochgegangen ist, ist mir rätselhaft.“ Die Gefahr ist gebannt.

Sprengmeister hat Routine

„Das Putzen des völlig verdreckten Zünders hat die meiste Zeit in Anspruch genommen“, bemerkt der 42-Jährige. Der Mann hat Routine. In seinen fünf Jahren als Kampfmittelbeseitiger habe er schon an die 50 großen Fliegerbomben unschädlich gemacht. Doch Feierabend kann Schwitzke noch nicht machen. Die Handgranate soll im nahe gelegenen Nuthewäldchen in die Luft gejagt werden. Schwitzke persönlich trägt das sektflaschengroße Geschoss zur Erdkuhle. Über glitschiges Laub, glatte Äste. „Stolpern wäre nicht so gut gewesen“, sagt der gebürtige Leipziger verschmitzt. „Aber ich weiß, was ich tue“, sagt der Experte, der sein Handwerk in 20 Jahren Militärdienst gelernt hat. Frau und Kinder in Ludwigsfelde sind trotzdem froh, als er daheim Entwarnung gibt. Die kommt für die Potsdamer um 13.38 Uhr. Für Schwitzke hat Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) einen Blumenstrauß parat, für die 400 Helfer der Verwaltung Erbsensuppe.

Weit mehr haben geholfen. 157 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Hilfsdiensten, 60 Landes-, weitere 60 Bundespolizisten waren bei der Aktion gefordert. Es sind nicht wenige Potsdamer, die die sieben Einsatzteams nach der Acht-Uhr-Frist noch aus dem Haus scheuchen müssen. Einer hat verschlafen, der nächste den Termin verschwitzt. Der Dritte will in der Wohnung bleiben, bis seine für diesen Tag avisierte Waschmaschine eingetroffen ist. Der Lieferant der weißen Ware wird bei einer Eingangskontrolle zum Sperrgebiet gestoppt, der renitente Kunde zeigt schließlich Einsicht. „Bleibt freundlich“, mahnt Teamleiter Nico Rahmel immer wieder. „Das fällt nicht in jedem Fall leicht“, kommentiert Helferin Carola Böckelkamp, 43. „Viele lassen ihren Unmut an uns aus.“ Gerhard Krüger-Kühn nickt. „Hat doch keinen Sinn, Streit anzufangen“, stimmt der 78-Jährige zu. „Es geht ja um unsere Sicherheit.“ Er und seine Frau haben getrödelt, sind noch in der Wohnung in der Burgstraße, als Helferin Nadine Spur, 30, kurz nach 8 Uhr klingelt. „Obwohl wir wissen, wie es geht“, sagt Ehefrau Ursula, 80. Zum dritten Mal werden die Eheleute evakuiert. „Alles nicht so schlimm wie die Bombardierung am 14. April 1945.“ In eine der fünf Auffangstationen wollen sie nicht.

Wer kann, ist bei Familie oder Freunden untergekommen. Helene Sendler wartet mit einer auf den Rollator gestützten Nachbarin auf dem Bürgersteig. „Die hat vergessen, bei der Stadt einen Transport anzumelden.“ Sie will ausharren, bis das Rote Kreuz oder der Arbeiter-Samariter-Bund die Freundin abholen. 390 Potsdamer – darunter 97 Menschen im Rollstuhl oder gehbehindert – haben vorab einen Fahrdienst geordert. Eine Zahl, die wegen der vielen alten Menschen im betroffenen Areal nicht überrascht habe, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. Ein Drittel der 9000 zu Evakuierenden seien über 70 Jahre.

Kurz vor 9 Uhr hat die Feuerwehr Ute und Roland Eichler abgeholt, sie in den Schinkelsaal an die Schiffbauergasse gebracht. „Ich habe uns vorsorglich einen Imbiss mitgebracht.“ Unnötig, wie die 82-Jährige erfreut bemerkt. Ihr Mann, 89, probiert von den Marmeladenbroten, die Sabrina Kuhn herumreicht. Seit 7 Uhr kocht die 22-Jährige Tee, belegt Stullen, heitert die Eintreffenden auf. „Manche verbinden den Einsatz mit Kriegserinnerungen. Die Mehrheit aber ist entspannt.“ Kurz nach 9 Uhr sind alle 220 Plätze belegt. Die zentrale Adresse ist gefragt. Seniorenbetreuerin Viola Kasties, 53, sucht nach ihren Schützlingen. Ein Teil der 130 Bewohner der Wohnanlage Josephinen harrt im Schinkelsaal aus. „Die muss ich bespaßen, damit keine Ängste aufkommen.“ Ganz so voll wie dort wird es in den anderen Treffs nicht. Alles läuft perfekt. „Dass wir Vorbereitungszeit hatten, hat uns sehr genützt“, so Brunzlow. Die Fliegerbombe ist die 131. Bombe in Potsdam mit mehr als 100 Kilogramm seit 1990, die dritte allein in diesem Jahr. „Ich werde sicher wieder ran müssen“, schätzt Schwitze ein. „Luftbilder zeigen, dass gerade das Areal rund um den Hauptbahnhof stark bombardiert wurde.“