Fahrkartenverkauf

Der Ticket-Streit

Bahn will Verkaufsstellen weniger Provision zahlen. Verkehrsverbund kritisiert neues Vertriebsmodell

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hat das neue Vertriebsmodell der Deutschen Bahn (DB) für den Verkauf von Fahrkarten scharf kritisiert. Wegen der beabsichtigten Kürzung der Provisionen sei zu befürchten, dass ein Großteil der Verkaufsstellen wirtschaftlich nicht mehr zu betreiben sei und diese den Fahrscheinverkauf einstellen müssten. Vor allem in der Region drohe eine „Servicewüste“, warnte VBB-Chef Hans-Werner Franz am Freitag. Hintergrund des Protests ist das neue Provisionsmodell der Deutschen Bahn für sogenannte DB-Agenturen. In den privat betriebenen Geschäften werden neben Zeitungen, Reiseartikeln und Lebensmitteln auch Fahrkarten der Bahn und der Verkehrsverbünde verkauft.

Nach den Plänen der Deutschen Bahn soll ein Großteil der Agenturen ab Januar 2014 am Verkauf der VBB-Tickets nur noch mit zwei statt bislang 3,5 Prozent beteiligt werden. Betroffen sind allein in Berlin und Brandenburg bis zu 200 private Verkaufsstellen. Viele Inhaber befürchten, dass sie infolge der verringerten Provisionen ihre Kosten nicht mehr decken können und daher ihre Verkaufsstelle schließen müssen.

Laut VBB bedeutet die Neuregelung für die Fahrgäste „erhebliche Einschränkungen“ beim Erwerb eines Fahrscheins. Sollten Verkaufsstellen geschlossen werden, würden Fahrgäste keine persönliche Beratung mehr erhalten und zudem keine Möglichkeit mehr haben, an einem Schalter ein Bahnticket zu kaufen. Gerade in kleineren Orten in Brandenburg bestehe die Gefahr, dass Reisende Bahnfahrkarten ohne jede persönliche Beratung nur noch am Automaten oder im Internet kaufen können.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb teilt die Befürchtungen des VBB-Chefs. Verbandssprecher Jens Wieseke bezeichnete die Entscheidung des bundeseigenen DB-Konzerns gegenüber der Berliner Morgenpost am Freitag als „handfesten Skandal“. Bei einer Überprüfung von Aufwand und Nutzen würden sich viele Reisebüros und kleine Läden, die vor allem im ländlichen Raum als Ticketverkaufsstellen dienen, künftig aus dem Fahrkartengeschäft zurückziehen, befürchtet Wieseke. Oder gleich ganz schließen. Die Folge wäre dann sogar „eine weitere Verödung mancher Ortskerne“ in den strukturschwachen Regionen Brandenburgs.

Das Ergebnis der Bahnpolitik sei aber in jedem Fall ein massiver Qualitätsverlust beim Vertrieb. Vor allem ältere Fahrgäste seien mit Fahrscheinautomaten oft überfordert und würden auch nicht über die mobile Smartphone-Technik verfügen, über die Jüngere oft ihre Tickets kaufen. Die Bahn wälze letztlich die Vertriebskosten auf ihre Kunden ab.

Aus Sicht der Bahn ist diese Kritik unberechtigt. „Grundsätzlich ist und bleibt der Agenturvertrieb ein wichtiger Vertriebskanal, der für uns jedoch auch wirtschaftlich sein muss“, sagte ein Bahnsprecher Er verwies darauf, dass allein durch die Nutzung elektronischer Buchungssysteme der Bahn Kosten von bis zu 26 Cent pro Ticket entstehen. „Im Durchschnitt machen die Agenturen einen Umsatz von 4,10 Euro pro Nahverkehrsticket. Rund sechs Prozent der Einnahmen gehen also gar nicht an uns“, so der Sprecher. Er verwies zudem auf die geplante Differenzierung in Präsenzagenturen und in Leisure-Agenturen, zu denen vor allem Reisebüros gezählt werden. Zur ersten Kategorie gehören hingegen Verkaufsstellen, die sich in Bahnhöfen oder in deren Nähe befinden. Für deren Inhaber soll sich die Grundprovision sogar von dreieinhalb auf fünf Prozent erhöhen. In Brandenburg haben bisher 26 DB-Agenturen diesen Status, bei weiteren elf Agenturen wird die Einstufung aktuell noch überprüft.

Nach Informationen von Frank Böhnke, Landeschef des Deutschen Bahnkundenverbandes (DBV), ist bahnintern noch nicht das letzte Wort über die künftigen Provisionen gesprochen. „Wenn es so kommen sollte, wäre das aber ein enormer Rückschritt und ein Verlust an Lebensqualität“, sagte Böhnke. Seine Forderung lautet: Die Frage des Ticketverkaufs müsse bundeseinheitlich reguliert werden. So könne man beispielsweise festschreiben, dass in Orten ab einer bestimmten Einwohnerzahl ein „personalbedienter Verkauf“ angeboten werden muss. „Das ist ein Bestandteil der Daseinsvorsorge“, sagte der DBV-Landeschef. Alternativ schlug er vor, dass der VBB selber den Fahrkartenverkauf in Berlin und Brandenburg übernimmt. Damit wäre gewährleistet, dass alle VBB-Produkte flächendeckend nach bestimmten Standards vertrieben werden.