Datenbank

Die gefährlichsten Ecken

Brandenburg analysiert als einziges Land die Unfallschwerpunkte von Fahranfängern. Fahrschulen nutzen die Daten für die Ausbildung

Die unübersichtliche Kuppe in der Uckermark, die trügerische Allee im Barnim, die enge Kurve im Havelland oder die viel befahrene Kreuzung in der Landeshauptstadt Potsdam – zahlreiche Gefahrenstellen lauern auf die Autofahrer in Brandenburg. Und besonders heikel sind viele Straßenabschnitte für unerfahrene Fahranfänger. 29 Verkehrsteilnehmer zwischen 18 und 24 Jahren fanden im vergangenen Jahr auf den Straßen Brandenburgs den Tod. Damit war 2012 etwa jedes sechste Todesopfer bei Verkehrsunfällen in jenem Alter, das in den Statistiken unter „Fahranfänger“ geführt wird.

Im Jahr zuvor starben noch 46 Verkehrsteilnehmer dieser Altersgruppe. Der Rückgang freut zwar die Verantwortlichen im Potsdamer Infrastrukturministerium, doch sie wissen auch, dass gerade junge Auto- und Motorradfahrer noch immer zu den Risikogruppen zählen. Mit einem bundesweit einmaligen Projekt sollen die Straßen deshalb sicherer werden. Der etwas sperrige Name lautet: „Regionalisierte protektive Fahranfängervorbereitung“. Die Idee dahinter ist ebenso simpel, wie aufwendig umzusetzen. Wenn Fahranfänger schon in der Fahrschulausbildung die Unfallschwerpunkte in ihrer Umgebung kennenlernen, schwierige Straßenabschnitte trainieren – so der Grundgedanke – dann werden sie für die Gefahren sensibilisiert und steuern ihr Fahrzeug entsprechend umsichtiger durchs Land.

180 kritische Stellen

Mehr als 180 Straßenabschnitte, die für junge Fahrer besonders gefährlich sind, haben die Experten ausgemacht und in einer Datenbank zusammengetragen. Als Unfallschwerpunkte gelten Orte, an denen mindestens zwei Unfälle mit Fahranfängern die gleiche oder ähnliche Ursache hatten. Für alle brandenburgischen Landkreise und die kreisfreien Städte liegen die Daten als Karten aufbereitet im Internet (www.regio-protect-21.de) vor. Für 140 Gefahrenstellen gibt es auch Videos, die die Gefahrenpunkte erläutern. Gemeinsam mit Tüv und Dekra, Fahrlehrerverbänden, dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft und dem Institut für Prävention und Verkehrssicherheit (IPV) hat das Land sein Modellprojekt bereits 2006 gestartet. Vor wenigen Tagen wurde das Angebot mit neuen Unfalldaten aktualisiert und erheblich erweitert.

„Wir wollen alles tun, um die Unfallzahlen weiter zu senken“, sagt Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). „Es ist bekannt, dass die meisten Menschen in ihrem Heimatlandkreis verunglücken. Daher lag es nahe, für Fahranfänger schwierige Stellen zu erfassen, um sie gleich bei der Fahrschulausbildung zu üben.“

Dietmar Zimmermann, Fahrlehrer aus Lübben im Spreewald und Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Brandenburg formuliert es griffiger: „Am häufigsten knallt es vor der eigenen Haustür.“ Er nutzt die Daten von „Regio Protect 21“ schon seit Jahren regelmäßig in der Ausbildung. „Oft erkennt man die Gefahrenstellen auf den ersten Blick gar nicht“, sagt er. Umso wichtiger sei es, dass die Daten Anhaltspunkte für Theorie und Praxis liefern. „Wir fahren die Unfallschwerpunkte gezielt ab“, sagt Zimmermann. Die Botschaft an die Fahrschüler laute: „Hier hat es aus bestimmten Gründen Unfälle gegeben. Und wir wollen euch davor bewahren, dass euch das auch passiert.“

Wer sich durch die Internetseite klickt, findet die Gründe für die Unfälle. Oft geht es um falsches Verhalten an unübersichtlichen Kreuzungen, manchmal um Leichtsinn, um überhöhte Geschwindigkeit und Selbstüberschätzung. Hinter den prosaischen Angaben der Datenbank verbergen sich kleine Dummheiten und große Tragödien – wie jene vom 24. Oktober 2010 auf der Bundesstraße B101 südlich von Luckenwalde (Teltow-Fläming). „Fahrunfall: Zusammenstoß mit entgegenkommendem Fahrzeug“ führt die Datenbank aus, und als Unfallursache: „Rechtsfahrgebot missachtet“. Ein Mensch stirbt an jenem frühen Sonntagmorgen vor drei Jahren, ein weiterer wird bei dem Unfall schwer verletzt.

So etwas verhindern zu wollen, eint Macher und Nutzer des Modellprojekts. Damit das funktionieren kann, sei es vor allem wichtig, dass die Daten – wie zuletzt in der vergangenen Woche – regelmäßig aktualisiert werden, sagt Verbandschef Zimmermann. „Straßen verändern sich, werden saniert oder umgebaut“, so der Fahrlehrer. „Was heute noch eine Gefahrenstelle ist, kann im kommenden Jahr schon wieder entschärft sein.“

Eine Einstellung des Projekts ist zumindest vorerst nicht in Sicht, wie Lothar Wiegand, Sprecher von Infrastrukturminister Vogelsänger, betont. Er ist überzeugt, dass das Internetangebot – neben zahlreichen anderen Maßnahmen – dazu beigetragen hat, dass die Zahl der Unfälle, vor allem jene mit Personenschäden, in Brandenburg tendenziell sinkt. „Regio Protect 21 war eines von vielen Pilotprojekten zur Steigerung der Verkehrssicherheit“, sagt er. „Das, was funktioniert, machen wir weiter. Und Regio Protect funktioniert.“

Im vergangenen Jahr verunglückten in Brandenburg insgesamt 10.493 Verkehrsteilnehmer, 0,2 Prozent weniger als 2011. Die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr sank um 11,2 Prozent auf 166. Noch 1991 waren mehr als 900 Menschen auf den Straßen im Land gestorben. „Das ist eine äußerst positive Entwicklung“, sagt Ministeriumssprecher Wiegand. Gemessen an der Einwohnerzahl ist Brandenburg allerdings immer noch überdurchschnittlich gefährlich für Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer. Auf eine Million Einwohner kamen im vergangenen Jahr statistisch 67 Getötete im Straßenverkehr, mehr als in jedem anderen Bundesland.

Deshalb ist Wiegand überzeugt, dass nicht nur Fahranfänger häufiger mal die aktuellen Unfallschwerpunkte im Internet studieren sollen. „Jeder sollte da reingucken“, rät er.