Interview

„Komm, es gibt noch ein anderes Leben“

Matthias Platzeck über seine ersten Tage als einfacher Abgeordneter und welche Tipps er für seinen Nachfolger im Amt hat

Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident sagt Matthias Platzeck: „Der Sonntag gehört künftig der Familie.“ Mit ihm sprachen Christine Richter und Gudrun Mallwitz.

Berliner Morgenpost:

Herr Platzeck, wie war der erste Morgen als einfacher Abgeordneter?

Der Wecker hat geklingelt wie immer. Nach dem Aufstehen bin ich gelaufen, wie jeden Morgen, halb 9 dann in den Landtag gefahren, in mein Büro und hab da ein kleines Interview gegeben. Punkt 10 Uhr saß ich auf meinem neuen Platz in der zweiten Abgeordnetenreihe und hörte die Regierungserklärung. Danach hab ich meinem Ministerpräsidenten gesagt, dass ich ganz stolz auf ihn bin.

Manche fragen sich: Warum hört der nicht ganz auf, stattdessen will er 2014 sogar noch mal für den Landtag kandidieren?

Die Sechs-Tage-Woche als Abgeordneter traue ich mir zu. Ich hab zu Hause auch lediglich versprochen, dass der Sonntag künftig Frau, Kindern und Enkeln gehört. Das Problem war der Dauerdruck, der aus den drei Ämtern erwächst. Dieser Druck ist künftig weg. Außerdem fühl ich mich mit der Uckermark und meinem Wahlkreis eng verbunden.

Ist Politik eine Droge?

Wenn es eine Droge wäre, hätte ich jetzt zitternde Hände. (lacht) Ich habe mir ganz bewusst Haltepunkte geschaffen: Seit DDR-Zeiten wohne ich im selben Haus, hab dieselben Nachbarn, bin mit der Wirtin meiner Stammkneipe hier in Babelsberg zusammen alt geworden. Stehe im Stadion seit den 70er-Jahren auf demselben Platz. Auch der Freundeskreis ist stabil, zum Teil seit DDR-Zeiten. Es ist mir immer gelungen, bei aller Beobachtung Freiräume zu schaffen. Ich fahre oft selber Auto. In der Familie bin ich der Allein-Einkäufer, weil ich zu Hause der Küchenmensch bin.

Was gefällt Ihnen so an der Politik?

Ich kenne keinen anderen Beruf, in dem man so viel unterschiedliche Menschen in so unterschiedlichen Situationen auf so unterschiedlichen Ebenen kennenlernt. Und ich bin gern mit Menschen zusammen.

Für viele sind Sie ein Vorbild – weil Sie als Spitzenpolitiker loslassen konnten.

Es war eine Risikoabwägung. Wenn dir die Ärzte sagen: Einen Schritt kürzertreten verringert das Risiko deutlich, dass noch so ein Schlaganfall kommt. In einer solchen Situation kannst du auch der Frau und den erwachsenen Kindern nichts mehr vormachen. Zumal die eine Tochter Ärztin ist. Wenn das alles zusammenkommt, dann ist es nicht mehr so ein großer Schritt zu sagen: Komm, es gibt noch anderes im Leben.

Als Sie ins Krankenhaus kamen, ahnten Sie da schon, wie schlimm es war?

Im ersten Moment hab ich schon gedacht, wenn das jetzt so bleibt, bin ich dem lieben Gott böse. Und das bin ich selten.

Sie haben schwer mit sich gerungen, die Konsequenzen zu ziehen.

Es war ja auch eine schwierige Abwägung. Wenn man ein Amt übernimmt, muss man es ganz ausfüllen. Ein Jahr voll weiterzumachen und dann ein paar Monate vor den Wahlen aus den Latschen zu kippen, das wollte ich meiner Partei nicht zumuten. Mir war ein geordneter Rückzug wichtig. Ich wollte auch das Risiko nicht eingehen, dass meine Frau mich irgendwann im Rollstuhl in meine Stammkneipe fahren muss. Das hätte sie nicht verdient. So nach dem Motto: Die ersten zehn Jahre hatte sie nichts von mir und die nächsten zehn Jahre auch nicht.

Wann war Ihnen klar, dass Sie Ihre Ämter niederlegen werden?

Mir war zunächst nur klar: Wenn ich aus dem Urlaub wiederkomme, muss ich eine Entscheidung getroffen haben. Zu meiner Frau hatte ich zunächst gesagt: Lass mir zwei Wochen Zeit. Dann waren wir in Radebeul in den Weinbergen, und nach langem Nachdenken hab ich mich dann entschieden.

Wann haben Sie es Dietmar Woidke gesagt?

Wir waren die ganze Zeit über in Kontakt. Er hat die ganzen „Aufs und Abs“ mitbekommen. Ich glaube, bis kurz vor meiner Rückkehr aus dem Urlaub hoffte er, dass ich weitermache …

War der Gedanke denn ganz neu für ihn, einmal Ministerpräsident zu werden?

Vor etwa zwei Jahren saßen wir mal in der Kneipe, er hat ja hier um die Ecke eine Zweitwohnung, und haben beredet: Was ist, wenn ich vor den Baum fahre oder sonst was mit mir passiert? Das Prinzip war also klar, der Zeitpunkt kam überraschend.

Lange Zeit galt Rainer Speer als Ihr Kronprinz – bis er nach einer privaten Unterhaltsaffäre 2010 als Innenminister zurücktrat. Sind Sie noch befreundet?

Wir hatten danach zwei, drei schwierige Monate. Danach haben wir uns ausgesprochen und dann noch mal, und seitdem ist alles wieder gut. Wir sind Freunde geblieben.

Sie haben in Ihrem politischen Leben viel gemacht – Oberbürgermeister in Potsdam, Umweltminister unter Stolpe, Ministerpräsident, zwischenzeitlich sogar SPD-Bundesvorsitzender. Was war der beste Job?

Es war ein Steigerungsprogramm. Ich durfte ja sogar mal kurzzeitig DDR-Minister sein. Das war spannend, da das halbe Kabinett Bürgerrechtler und das halbe Kabinett alte SED-Leute waren. Es saßen Leute von der alten Regierung am Tisch, die hätten uns sechs Wochen vorher noch verhaftet, und jetzt mussten sie uns Kollegen nennen. Ich weiß noch, ich hatte damals keinen Anzug. So ging ich zur Wahl im Pullover. Da rief meine Mama an, und ich dachte, sie freut sich wie Bolle, dass zum ersten Mal in der Familie einer Minister geworden ist. Doch sie sagte nur: Musste das im Pullover sein?

Und nach 1990?

Ich war gerne Umweltminister, weil ich mich als Ingenieur vom Fach im Thema sicher gefühlt habe. Oberbürgermeister meiner Stadt Potsdam zu sein hat mir zunehmend Freude gemacht, das war oft ein Heimspiel. Ich kannte ja fast jeden. Ministerpräsident, finde ich, ist viel schöner, als Bundesminister zu sein. Man hat keinen Chef und kann sich mit allen Politikbereichen beschäftigen.

Den SPD-Vorsitz haben Sie vermutlich nicht in so guter Erinnerung …

Das stimmt so nicht. Das Gefühl, Vorsitzender dieser Partei zu sein, ist schon galaktisch, irgendwie nicht von dieser Welt. In dem Moment, als ich da oben stand, beim Bundesparteitag in Karlsruhe, und in diesen Riesensaal guckte, fielen mir August Bebel und Willy Brandt ein. Es war irgendwie unwirklich. Damals habe ich mir aber zu viel zugemutet. Als pflichterfüllter Preuße waren für mich die beiden Rücktritte – als SPD-Bundeschef und jetzt als Ministerpräsident – schon sehr schwierig. Zu sagen: Es geht nicht mehr, fällt mir überhaupt nicht leicht.

Wurmt es Sie denn sehr, dass der Flughafen BER in Ihrer Amtszeit nicht wie geplant eröffnet werden konnte? Immerhin ist er das wichtigste Infrastrukturprojekt der Region.

Es gibt wohl nichts, was mich in meinem Leben mehr geärgert hat und immer noch ärgert als die mehrfach verschobene Eröffnung des Flughafens.

Hätten Sie die Probleme beim Flughafen BER nicht sehen müssen? Waren Sie vielleicht doch zu gutgläubig?

Hinterher weiß man immer, was man hätte besser machen können. Aber: Ein Aufsichtsrat ist kein Bauingenieur. Und wir waren von der damaligen Geschäftsführung in Teilen falsch informiert worden. Wir haben auch explizit nachgefragt vor der geplanten Eröffnung, hörten aber immer nur: Wir werden alle Kräfte bündeln, ihr müsst uns noch einmal Geld geben, damit wir rechtzeitig fertig werden.

Gehören Politiker in den Aufsichtsrat?

Es ist Quatsch, wenn gesagt wird, statt der Politiker müssten Industrielle in den Aufsichtsrat. Die Thyssen-Gruppe hat gerade fünf Milliarden Euro in den Sand gesetzt. In deren Aufsichtsrat sitzen nur hochrangige Industriemanager. Oder nehmen Sie die Bankenkrise. Die ist verursacht worden unter den Augen von Aufsichtsräten, in denen oftmals gar kein Politiker saß. Auch die Elbphilharmonie wird nicht vom Staat gebaut wie der BER. Trotzdem ist alles schiefgegangen, was schiefgehen kann.

Wann geht der BER denn nun in Betrieb?

Für diese Antwort ist der Flughafen zuständig …

Was raten Sie Ihrem Nachfolger? Soll er Rot-Rot fortsetzen?

Dies wird Dietmar Woidke genauso souverän entscheiden wie andere Fragen. Wir haben eine Regel in der SPD, und er hat sie schon bestätigt: Wir gehen seit 1990 immer ohne Koalitionsaussage in die Wahlen.

Ist die CDU unter ihrem neuen Landeschef Michael Schierack 2014 wieder eine Option?

Das hat Dietmar Woidke zu beurteilen. Ich kann nur sagen, dass man nicht fünf Jahre erfolgreich arbeiten kann, wenn man nicht ein Grundvertrauen hat. SPD und die CDU unter Jörg Schönbohm hatten in der Zeit der gemeinsamen Regierung bis 2009 gute Jahre. Als ich 2009 der neuen CDU-Riege gegenübergesessen habe, mit Frau Ludwig an der Spitze, habe ich nach zwei Sondierungsgesprächen gesagt: Das wird nichts.

Wie wird Ihr neues Leben als ehemaliger Ministerpräsident denn nun aussehen?

Ich hoffe, endlich auch Zeit für Dinge zu haben, zu denen ich in den 23 Jahren Regierungstätigkeit so gut wie nicht gekommen bin. Ich war zum Beispiel jahrelang Regattasegler, seit 20 Jahren hab ich keine Leine mehr in der Hand gehabt, auch im Theater war ich nur noch selten. Selbst im Urlaub wurden früh um 9 Uhr und nachmittags um 4 Uhr Telefonkonferenzen abgehalten. Damit wird es jetzt vorbei sein.