Eid

Mit „Riesenrespekt“ und Gottes Hilfe

Dietmar Woidke (SPD) wird als Ministerpräsident vereidigt – und selbst die Opposition gratuliert

Als der Moment gekommen ist und Dietmar Woidke seinen Amtseid als Ministerpräsident des Landes Brandenburg leistet, streckt er sich ein ganz klein wenig und wächst über seine 196 Zentimeter noch ein Stückchen hinaus. Er schwört, er werde „seine ganze Kraft dem Wohle der Menschen des Landes Brandenburg widmen“. Die Eidesformel ist noch viel länger, und wie schon seine beiden Vorgänger, Manfred Stolpe und Matthias Platzeck (beide SPD), beendet Woidke sie mit dem Satz: „So wahr mir Gott helfe“. Kurz zuvor, um 10.36 Uhr, hatte Landtagspräsident Gunter Fritsch das Wahlergebnis bekannt gegeben. Es dürfte Woidkes Erwartungen übertroffen haben: 59 von 87 anwesenden Abgeordnete haben in der geheimen Wahl für ihn als neuen Ministerpräsidenten gestimmt, vier mehr als die rot-rote Koalition hat.

Der 51-jährige war der einzige Kandidat. „Das Ergebnis ist ein toller Vertrauensvorschuss“, wird Woidke später sagen. Er habe „Riesenrespekt“ vor der neuen Aufgabe. „Das sind sehr, sehr große Schuhe, in die ich da trete.“ Die Wahl von Dietmar Woidke bedeutet den Abschied von Matthias Platzeck an der Spitze des Landes. Mehr als elf Jahre war er Ministerpräsident, von 1990 bis 1998 Umweltminister im ersten Kabinett Stolpe. Es ist eine Zäsur, wie es sie bislang nur einmal gab in Brandenburg: als Manfred Stolpe im Juni 2002 das Amt an seinen Kronzprinzen Matthias Platzeck übergab. Keine vier Tage lagen damals zwischen Stolpes Rücktrittsankündigung auf einem Parteitag in Wittenberge und der Wahl Platzecks im Landtag. Matthias Platzeck gab sich, seinem Nachfolger und den Brandenburgern hingegen immerhin vier Wochen Zeit, sich auf den Wechsel einzustimmen. Ende Juli hatte er nach einem sechswöchigen Urlaub verkündet, dass er nach seinem leichten Schlaganfall seine Ämter niederlegen werde.

Seine Abschiedsrede ist kurz und ohne Pathos. Fünf Landesregierungen habe er angehören dürfen, sagt Platzeck und erinnert vor allem an den schwierigen Strukturwandel während der 90er-Jahre. „Heute ist unser Heimatland ein modernes Land mit Herz und viel Gemeinsinn“, betont er. Es gebe zwar weiterhin Probleme, aber: „Das Fundament ist stabil“. Dann überrascht der scheidende Ministerpräsident mit einer versöhnlichen Geste. Er habe sich immer bemüht, den notwendigen politischen Streit ohne persönliche Verletzungen zu führen, sagt er, und wendet sich zwei Abgeordneten der FPD und der CDU zu: „Liebe Frau Teuteberg, liebe Frau Ludwig“, sagt Platzeck, „ich bitte im Nachhinein um Nachsicht, da sind mir mal die Pferde durchgegangen“. Platzeck hatte auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Opposition und der rot-roten Regierung beide Frauen in Parlamentsdebatten scharf angegriffen. Platzeck endet mit dem Satz: „Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt, Herr Präsident.“

Mistgabel und Gummistiefel

Der Applaus will nicht aufhören, da sagt Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD): „Er bleibt uns ja erhalten.“ Platzeck nimmt auf der Abgeordnetenbank in der ersten Reihe Platz. Der 59-Jährige wird Abgeordneter bleiben, sein Wahlkreis in der Uckermark hat ihn bereits für die Landtagswahlen im Herbst 2014 nominiert. Die Grünen schenken ihm Gummistiefel, weil er seine Hochwasserstiefel seinem Nachfolger Dietmar Woidke überlassen muss. Die SPD einen roten Spielzeugtrecker. Platzeck baut in der Uckermark ein Häuschen. Die Linken übergeben dafür Schubkarre, Mistgabel, Schaufel und Spaten.

Eine lange Gratulationskette bildet sich, nachdem Dietmar Woidke zum Ministerpräsidenten gewählt ist. Auch CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski überreicht einen Blumenstrauß. Offenbar brechen nun andere Zeiten im lange verhärteten Verhältnis zwischen den einstigen Regierungspartnern an. Bei der Wahl Platzecks zum Ministerpräsidenten 2009 lief Dombrowski im gestreiften Häftlingsanzug auf und ab. Der Oppositionsführer protestierte so gegen die erste rot-rote Regierung in Brandenburg. Wie Platzeck will sein Nachfolger Woidke mindestens bis zu den Landtagswahlen 2014 mit den Linken weiterregieren.

Die wohl glücklichste Frau im Saal sitzt hinten auf der Besucherbank. Jeanette Jesorka strahlt – wie schon auf dem Parteitag der SPD am Montag, als ihr Mann den SPD-Landesvorsitz an Dietmar Woidke übergeben hatte. Weniger glücklich sieht die Frau des neuen Ministerpräsidenten aus. Susanne Woidke ahnt, was auf die Familie zukommt. Immer wieder hat Platzeck zuletzt davon gesprochen, dass das Dasein als Ministerpräsidenten eine 80-Stunden-Wochen bedeute. „Ich freue mich schon für ihn“, sagt sie zurückhaltend, „logisch“. Eine First Lady wolle sie nicht werden. „Den Begriff mag ich nicht“, sagt sie, „der passt nicht in dieses Land.“ Susanne Woidke arbeitet in der Kreisverwaltung in Forst. Das Paar kennt sich aus Jugendzeiten. Bei der „Nacht der 1000 Lichter“ trafen die beiden sich 2003 wieder. Damals war Dietmar Woidke noch einfacher Abgeordneter. 2004 ernannte Platzeck ihn zum Umwelt- und Agrarminister, 2009 wechselte er auf Posten des Fraktionschefs, 2010 übernahm er das Innenministerium. Seit 2007 sind sie verheiratetet. Susanne brachte Tochter Luise mit in die Ehe, er Anne. Alle sind sie heute da. Auch der Schwiegervater, für die gesundheitlich angeschlagenen Eltern von Dietmar Woidke war die Fahrt zu strapaziös. Die 23-jährige Anne studiert in Essen. Die 13-jährige Luise muss heute nicht in die Schule. „Ich bin schon stolz“, sagt sie. Gekommen ist auch ein alter Freund Woidkes, Peter Meyer, Keyboarder von den „Puhdys“. Die Übergabe der Amtsgeschäfte in der Staatskanzlei findet ebenfalls mit Susanne Woidke und Jeanette Jesorka statt. Dietmar Woidke nimmt seine Frau in den Arm: „Hinter jedem Mann, der eine wichtige Aufgabe erfüllt, steht meist eine sehr starke Frau“, sagt er, „meine hat viel mit mir aushalten müssen.“ Es werde nicht einfacher werden. Schon der erste Tag wird lang. Der Landtag tagt bis zum Abend. Dabei ist Woidkes Regierungserklärung für den nächsten Tag noch nicht fertig.