Strompreise

Spitzenreiter Zehdenick

Kosten für Energie steigen in Brandenburg rasant. Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht

Das Wohnen in Brandenburg wird von Jahr zu Jahr teurer. Als Hauptkostentreiber hat der Verband der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) die deutlich steigenden Strompreise in der Mark ausgemacht. Und: Ein Ende der Entwicklung sei vorerst nicht in Sicht, konstatierte BBU-Vorstand Maren Kern bei der Vorstellung der BBU-Preisdatenbank 2013. Für ein 30-Parteien-Mehrfamilienhaus im Land Brandenburg müssten aktuell 70.320 Euro für Fernwärme, Wasserver- und -entsorgung sowie Strom der Haushalte einkalkuliert werden. „4.240 Euro oder etwa 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr“, rechnet Kern vor. Während Fernwärme um vier Prozent teurer wurde und die Wasserpreise nahezu unverändert blieben, seien die Strompreise rasant in die Höhe geschossen.

Am kräftigsten bei den vom BBU ausgewerteten 62 brandenburgischen Orten kletterten die Strompreise in Zehdenick (Oberhavel) nach oben – um 19 Prozent auf 32 Cent pro Kilowattstunde, gefolgt von Forst (Lausitz) mit einem Anstieg um knapp 16 Prozent. Mit 34 Cent müssen die Forster nun am tiefsten für ihren Strom in die Tasche greifen. In Eisenhüttenstadt kostet die Kilowattstunde nur 29 Cent, und landesweit am günstigsten ist sie in Strausberg mit 26 Cent. Im BBU-Modellhaus wären die Mieter beim teuersten Stromanbieter im Land Brandenburg damit um 7,62 Cent je Kilowattstunde stärker belastet als beim günstigsten Anbieter – eine Differenz von 29 Prozent. Laut Vergleichsportal Verivox gehören die Strompreise in Brandenburg zu den höchsten in Deutschland. Ursache: die hohen Netzkosten, die fast ein Viertel des gesamten Preises ausmachten, erläutert Jan Lengerke, Mitglied der Verivox-Geschäftsleitung. Regionale Unterschiede erklärten sich in erster Linie aus der Bevölkerungsdichte und geografischen Gegebenheiten. Aber auch der Ausbau erneuerbarer Energien spiele eine Rolle.

Thema bei Schuldnerberatern

Dringend notwendig sei eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, fordert Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke). Zur Gestaltung der Energiewende sei ein Gesamtfinanzierungskonzept überfällig, um Kosten in wirtschaftliche und sozialverträgliche Bahnen zu lenken. Sein Vorschlag: die Stromsteuer für einen klar abgesteckten Zeitraum auf europäisches Niveau senken. Die gestiegenen Kosten hätten längst extreme Löcher ins sowieso schon schmale Haushaltsbudget von Sozialhilfeempfängern oder Menschen mit geringem Einkommen gerissen, stellen Schuldnerberatungen im Land fest. „Die Energiekosten sind immer häufiger ein Thema“, bestätigt Ingrid Trankat, Schuldner- und Insolvenzberaterin vom Diakonischen Werk Potsdam. Ähnliche Erfahrungen hat Schuldnerberater Christian Galanski aus Nauen gemacht: „Die Zahl der Hilfesuchenden ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wenn jemand bereits auf Hartz IV-Niveau lebt, bedeuten wachsende Strompreise eine extreme Belastung.“

Mieter hätten allerdings nur wenige Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, weiß Hartmut Höhne, Leiter der Geschäftsstelle des Mietervereins in Frankfurt (Oder). „Nur bei einer Preisübererhöhung, bei der Unwirtschaftlichkeit nachgewiesen werden kann, kann dem ein Riegel vorgeschoben werden“, kritisiert er. Was bleibt, sei, den Vermieter anzustacheln, sich gegen die Anbieter aufzulehnen. Der Frankfurter zählt zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. „Auf uns kommen jetzt die Generationen zu, die fünf oder gar 15 Jahre arbeitslos waren, kaum Rente zu erwarten haben.“ Problematisch: In Brandenburger Städten wie Frankfurt mangele es an bezahlbarem, altersgerechtem Wohnraum. Folge einer fehlgeleiteten Politik, wie Höhne betont. „8000 Wohnungen wurden abgerissen.“ Das habe auch Auswirkungen auf potenzielle Investoren. Die sucht die Stadt händeringend. „Aber die haben auch ein Blick aufs Umfeld, wollen ihre Mitarbeiter gut unterbringen.“ An vielen Stellen würde sich Brandenburg hier Chancen vergeben. Zumindest beim Thema Wohnen, betont Höhne. Und sieht sich bestätigt. Die Stadtverordneten sollen aktuell über die Anhebung der Grundsteuer A und B entscheiden. „Ein falsches Signal für mögliche Arbeitgeber in der Region. Dass wir in Frankfurt fürs Wasser doppelt so viel zahlen wie in München, ist unfassbar.“

Wenn auch die Kosten fürs Wasser fast unverändert blieben: Auffällig sind extreme Preis- und Gebührenunterschiede. Der Kubikmeter Trink-, Ab- und Niederschlagswasser kostete zu Jahresbeginn in Brandenburg im Schnitt fünf Euro. Am meisten müssen die Spremberger fürs Nass bezahlen: 7,47 Euro. Bad Liebenwerda mit 6,53 Euro und Elsterwerda mit 6,51 Euro schlossen nach Erhöhungen in die Spitzengruppe auf. Deutlich preiswerter wäre die Wasserversorgung für den BBU-Musterhaushalt in Erkner und Neuenhagen mit je 3,95 Euro. Am unteren Ende der Skala: Fürstenwalde mit 3,73 Euro. Preisspanne zwischen teuerstem und günstigem Anbieter: bis zu 100 Prozent.

Kommunen übervorteilt

Spitzenreiter bei der Fernwärme bleibt Beeskow. Fürs BBU-Modellhaus wurden hier im Januar 142,27 Euro für die Megawattstunde fällig, 128,53 Euro waren es in Ludwigsfelde und 128,52 Euro in Luckenwalde. In Potsdam dagegen sind es 84,29 Euro, in Angermünde ermittelte der BBU 82,41 Euro. Die Differenz liege bei mehr als 50 Prozent, hat der BBU errechnet. Über die Ursachen kann Siegfried Rehberg, Technischer Leiter beim BBU, nur spekulieren. „Das Alter der verwendeten Netze, die Länge von Zuwegungen, auch die Höhe der eingekauften Menge und damit verbundene Rabattierungen haben Einfluss auf die Kosten.“ In der Vergangenheit hätten zudem kurz nach der Wende abgeschlossene Verträge mit Laufzeiten von bis zu 20 Jahren Kommunen erheblich eingeengt. „Die Fristen enden derzeit vielfach“, sagt Kern. Aufatmen für manche Ortschaft. „Vielen ist ihre anfängliche Unkenntnis auf die Füße gefallen, Kommunen wurden regelrecht über den Tisch gezogen.“

Um drei Prozentpunkte nach oben geklettert sind im Vergleich zum Vorjahr auch die Grundsteuerhebesätze. Spitzenreiter hier weiterhin: Potsdam mit 493 Prozentpunkten vor Frankfurt (Oder) mit 460 und der Stadt Brandenburg mit 458 Punkten. Nach wie vor stelle Berlin aber die märkischen Ergebnisse in den Schatten. „Die Betriebskosten für Grundsteuer betrugen 2011 in Berlin 0,26 Euro je Quadratmeter Wohnfläche im Monat, in Potsdam dagegen mit 0,13 Euro je Quadratmeter exakt die Hälfte.“