Porträt

Ein Mann vom Dorf

Zu Besuch im Heimatort des künftigen Brandenburger Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Wahl am 28. August

Den Dietmar, den kennen sie hier alle. Naundorf hat 123 Einwohner, eine kleine Kirche und zwei Gasthäuser. Auf dem Turm des Feuerwehrhauses lebt ein Storch. Bescheiden sind die Menschen in diesem Landstrich direkt an der Neiße, man lebt von der Landwirtschaft und vom Bergbau. Viele der Jüngeren sind weggezogen. Wenn Dietmar Woidke gefragt wird, wo er herkommt, sagt er gern: „Aus Forst, das ist drei Bäume vor Moskau.“ Naundorf gehört seit einigen Jahren zur Kreisstadt Forst an der polnischen Grenze. Seine Eltern wohnen immer noch hier, in einem gelb gestrichenen Häuschen aus den 40er-Jahren. Direkt an der holprigen Landstraße, gleich nebenan hat sich ihr zweiter Sohn Thomas ein Haus gebaut. Thomas arbeitet auf dem Bau und ist Ortsvorsteher – und Dietmar, der Politiker, soll nun Ministerpräsident werden.

Auch wenn Dietmar Woidke längst ein paar Kilometer weiter in Forst wohnt und als Innenminister und Landtagsabgeordneter nur wenig Zeit für Privates hat, kommt er noch oft in sein Heimatdorf. Er kehrt dann gern auch bei seinem alten Freund Gerhard ein. Der führt seit 22 Jahren einen Gasthof. „Wir sind alle stolz auf Dietmar“, sagt Gerhard Weber. „Der Dietmar, der ist ein prima Kumpel.“ In Webers Gasthof hat Dietmar Woidke auch seinen 50. Geburtstag im Oktober 2011 gefeiert. Gerhard Weber hätte gerne noch erzählt, aber er muss zurück in die Küche. Eine gut aufgelegte Seniorengruppe sitzt schon hinten im Saal, die Gäste wollen nicht nur kegeln, sondern auch zu Mittag essen. „Na klar kennen wir den Dietmar“, sagt Christel Rubin. „Er wird ein guter Ministerpräsident werden.“ Neben ihr sitzt Helene Sellmer. Die 88-Jährige ist kürzlich beim Tanzen gestürzt, sie kegelt trotzdem, mit Krücke. „Ich hab ihm schon die Haare geschnitten, als er noch klein war“, erzählt die ehemalige Friseurin aus Forst. „Er ist ein einfacher Mensch.“ In der Gegend ist das ein Kompliment. Walter Pösz (70) ruft über den langen Tisch: „Der bleibt auch Mensch.“

Verständnis für Platzeck

Dass Matthias Platzeck aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Ministerpräsident an seinen bisherigen Innenminister am 28. August weitergeben will, finden sie hier alle richtig. „Der Platzeck hat doch noch eine junge Frau“, sagt eine. „Die will doch auch noch was von ihm haben.“ Am Tag vor seinem leichten Schlaganfall noch hatte Matthias Platzeck im Juni in Forst mit Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) und Woidke die Deutsche Rosenschau eröffnet. „Es war heiß und schwül“, sagt Woidkes langjähriger Heimat-Freund Egon Rattei. „So richtig gut ging es uns allen an dem Tag nicht.“ Der 66-Jährige wohnt nur einige Häuser neben den Woidkes. Er kennt Dietmar Woidke, den künftigen Regierungschef, schon seit dessen Kindheit, hat seinen Werdegang begleitet. Zu DDR-Zeiten war Rattei ökonomischer Leiter der LPG, danach Leiter der neu gegründeten Agrargenossenschaft und Mitglied des Landesbauernverbandes. „Woidkes Vater war Schlosser, die Mutter arbeitete bei uns als Hauptbuchhalterin“, sagt Egon Rattei. „Der Dietmar ist sehr gut erzogen und hatte weniger Flausen im Kopf als andere Jungen im Dorf.“ Fröhlich sei er immer gewesen. Machte mit bei Festen, beim Karneval. „Obwohl er mit seinen 196 Zentimetern überall sofort auffiel, war er kein Draufgänger“, sagt der langjährige Freund. Dafür ging er „leidenschaftlich gern zur Schule und lernte gut“. So machte er 1980 in Forst Abitur. Leistete mit 18 anderthalb Jahre den Grundwehrdienst bei der Armee ab. Fuhr zu Hause Trecker, kann auch melken. An der Humboldt-Universität in Berlin studierte er Landwirtschaft und Tierproduktion mit dem Schwerpunkt Ernährungsphysiologie. Von 1987 bis 1990 war er wissenschaftlicher Assistent. Die nächsten drei Jahre war Woidke für einen bayerischen Mineralfutter-Hersteller europaweit unterwegs. 1993 promovierte er zum Thema: „Laboruntersuchungen zur Strohkonservierung mittels Harnstoff-Saccharose-Zusatz und zum Trockensubstanzabbau der Konservate nach der Nylonbeutel-Methodik“.

Schließlich kehrte er als „Herr Doktor Woidke“ ganz in die Lausitz zurück. Dort arbeitete er bis zur Kreisgebietsreform bei der Kreisverwaltung als Amtsleiter für Landwirtschaft. „Der Dietmar war gut ausgebildet, konnte zuhören und suchte immer eine Lösung – in kleinen Schritten“, sagt Rattei. „Er war lange unsicher, geht er in die Wirtschaft oder in die Politik? Anfang der Neunziger habe dann die Frage angestanden: „Was machen wir mit unserem Dietmar?“ Ein bisschen habe dieser in Richtung CDU geguckt. „Die SPD war aber schneller und besser aufgestellt“, sagt Rattei.

So trat Woidke 1993 in die SPD ein. Selbst CDU-Mitglied, ist Rattei sich sicher: „Wenn die CDU sich unter ihrem neuen Landeschef Michael Schierack berappelt, könnte der Dietmar nach der Landtagswahl 2014 auf sie als Koalitionspartner zurückgreifen.“ Als Platzeck sich 2009 überraschend mit den Linken verbündete, gehörte Dietmar Woidke zu den Kritikern von Rot-Rot.

Zum zweiten Mal verheiratet

Seit 1994 sitzt er nun im Landtag. In dem Jahr wurde er von seiner ersten Frau geschieden, mit der er eine Tochter hat. Wie Platzeck ist er zum zweiten Mal verheiratet, seine Frau brachte eine Tochter mit in die Ehe. Dass Platzeck ihn 2004 zum Minister für ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz ernannte, war für die Naundorfer „eine ganz tolle Sache“.

2009 sollte Woidke seinen Platz wieder frei machen. „Daraufhin sind wir als Bauernverband mit 3500 Protest-Unterschriften nach Potsdam gefahren“, erinnert sich Rattei. „Aber Platzeck sagte: Die Minister ernenne immer noch ich.“ So übernahm Woidke auf Platzecks Wunsch die SPD-Fraktion. Nach dem Rücktritt von Rainer Speer als Innenminister im Herbst 2010 holte Platzeck ihn in die Regierung zurück. „Mal Dietmar ja, mal Dietmar nein und dann wieder Dietmar ja“ fasst Egon Rattei zusammen. „Aber jetzt wird er Ministerpräsident, unser Dietmar.“