Regional

Obst aus Omas Zeiten

Caty Schernus präsentiert die Apfel-Kulturgeschichte Berlins und Brandenburgs in einem Buch

Auf den Obstplantagen rings um Frankfurt hängen die Bäume voller Äpfel. Bald beginnt die Ernte der Sommersorten. „Den Piros verkaufen wir bereits. Er ist saftig und frisch, nicht zu sauer“, sagt Obstbäuerin Claudia Schernus. „Der Gravensteiner trägt in diesem Jahr gut, da können wir in einigen Tagen mit dem Pflücken beginnen.“

Viel Fachwissen in Sachen Äpfel hat ihr Lebensgefährte Thomas Bröcker. Zu DDR-Zeiten zuständig für die Lehrlingsausbildung des VEG Obstproduktion Frankfurt-Markendorf, entstand unter seiner Leitung ein Schaugarten mit alten Apfelsorten. Nach dem Ende der DDR kümmerte sich keiner mehr darum. Bröcker grub die Bäume aus dem verwilderten Garten aus und nahm sie mit: „Ich konnte meine jahrelange Arbeit doch nicht verkommen lassen.“

Garten mit 150 Sorten

Er will die Äpfel aus Omas Zeiten vor dem Aussterben bewahren. Sein Sortengarten mit jeweils drei Bäumen und 150Apfelsorten liegt versteckt inmitten der kommerziell genutzten Obstplantagen und diente in den vergangenen zweieinhalb Jahren vor allem Tochter Caty Schernus als Studienobjekt. Gemeinsam mit einem Ex-Kommilitonen bringt die 36-Jährige Ende August „Das Apfelbuch Berlin-Brandenburg“ heraus. Das Lesebuch stellt die typischen Sorten der Region vor, wie „Hasenkopf“, „Prinz Albrecht von Preußen“ oder „Gubener Warraschke“ und erzählt die Geschichte ihrer Herkunft und ihres Namens. Etwa 2000 Apfelsorten gibt es den Angaben nach deutschlandweit, 40 regionale werden im Apfelbuch vorgestellt (Be.bra-Verlag, 16,95 Euro).

In der Apfelgalerie Berlin an der Schöneberger Goltzstraße 3 verkauft Caty Schernus seit sechs Jahren von ihren Eltern in Frankfurt angebaute Früchte. „Ich liebe Äpfel wie den saftigen und aromatischen Gravensteiner oder den tiefroten Macoun, der zu Weihnachten besonders frisch und lieblich schmeckt“, sagt sie. Bevor sie ins elterliche Geschäft einstieg, hat sie an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina Kulturwissenschaften studiert. Eigentlich wollte sie Journalistin werden. Dann aber erschien ihr die Apfelgalerie realer. Inzwischen ist sie Apfelkennerin.

Sie bestimmt häufig Sorten, die ihr die Kunden aus alten Bauerngärten oder von Obstalleen vorbeibringen. „Das Interesse an den alten Sorten ist immens, fast jeder hat einen persönlichen Bezug. Viele kommen gerade deswegen zu uns, weil sie die Auswahl in den Supermärkten zu beschränkt finden“, sagt Schernus, die etwa 30 Sorten gleichzeitig in der Apfelgalerie zum Kauf anbietet – über das Jahr gerechnet sind es etwa 200 unterschiedliche Apfelsorten.

Wachsrenette in Pankow entdeckt

Für ihre Recherche war sie auf Apfelfesten der Region unterwegs, analysierte alte Obstalleen in Brandenburg, die nach und nach verschwinden. Und sie fand Sorten wieder wie die „Werdersche Wachsrenette“, die bereits als verschollen galt, auf einem Privatgrundstück in Pankow aber noch prächtig wächst und Früchte trägt.

Einer ihrer Kunden war 2011 der Autor eines Buches über Apfelsorten in Schleswig-Holstein, Meinolf Hammerschmidt. Angeregt durch das Gespräch mit ihm, kam Caty Schernus auf die Idee, die typisch regionalen Äpfel für Berlin und Brandenburg vorzustellen, mit Angaben zu Größe, Wachstumsbedingungen, Reifezeit und Geschmack. „Der Geschmack reicht von herbfruchtig über rosenartig, weinsäuerlich bis zuckersüß, die Farbe von fast Weiß bis Tief-Lila“, sagt die Autorin und verweist auf die Zeichnungen des Malers Walter Karberg im Buch. Zudem gibt es in dem Buch mehr als 30 Apfelrezepte wie etwa neue für Apfel-Sushi oder Apfel-Falafel.