Dreharbeiten

Kinder-Aufstand mit Schlaftabletten

Seinen neuen Film „Quatsch“ dreht Regisseur Veit Helmer in Buckow. Erwachsene spielen in der Produktion nur die Nebenrollen

Sechs kleine Strolche toben über den verschlafenen Bahnhof des Kurortes Buckow. Kurzerhand klettern die drei Mädchen und drei Jungen auf eine rote Lokomotive und rasen mit ihr davon. „Los gehts“ ruft die rothaarige Charlotte noch. Dann sind die Kinder weg, liefern sich später auf der Strecke ein Wettrennen mit zwei Polizisten in einem Auto mit Blaulicht. Doch die Vier- und Fünfjährigen sind nicht wirklich allein und sich selbst überlassen. Auf der „Schnauze“ der altertümlichen E-Lok, Baujahr 1964, sind Kameras installiert. Im Fahrerhaus verstecken sich nicht nur Andreas Hauschild und Andre Maske vom Buckower Kleinbahn-Verein, die das Stahlross fachgerecht steuern, sondern auch Regisseur Veit Helmer, der seinen kleinen Hauptdarstellern mit beachtlicher Geduld Hinweise gibt. Denn, dass Kindergartenkinder Lokomotiven, Traktoren, Feuerwehrautos oder gar Kräne steuern – so etwas passiert nur im Film. Und dieser hier heißt „Quatsch“, benannt nach einem Nasenbären, der neben den Mädchen und Jungen eine Hauptrolle spielt. Er soll im Herbst nächsten Jahres ins Kino kommen. Bereits seit Anfang Juli und noch bis in den September wird für die Kinderkomödie gedreht, hauptsächlich in Buckow inmitten der Märkischen Schweiz.

Rebellion gegen den Durchschnitt

Im Film wird der Kurort Buckow allerdings zu „Bollersdorf“. Und dieses Nest ist aus der Sicht von Marktforschungsinstituten das Durchschnittsdorf schlechthin und damit gut genug, neue Produkte zu testen. „Die Kinder aber haben genug von grünen Cornflakes und blauer Nutella“, beschreibt Regisseur Helmer, „sie wollen raus aus der Mittelmäßigkeit und probieren einen Weltrekord – den größten Erdbeermilchshake.“ Für das Projekt hatte der Regisseur in ganz Deutschland nach geeigneten Motiven gesucht. „Irgendwann erkannte ich, dass ich gar nicht in die Ferne schweifen muss, weil ich den malerischsten Ort direkt vor der Nase habe“, erzählt der 41-Jährige, der in Buckow ein Wochenendhaus besitzt. Und schließlich diente die Perle der Märkischen Schweiz schon dem großen Dichter Bertolt Brecht als kreative Oase.

In Buckow, so scheint es, passt alles perfekt: Das alte Fahrgastschiff auf dem Schermützelsee, der hübsche Marktplatz, die alten, engen Gassen und nicht zuletzt die Buckower Kleinbahn nebst Bahnhof lassen sich laut Helmer gut in den Film einbauen. Denn reguläre Züge fahren hier schon seit Jahren nicht mehr – obwohl es auf den ersten Blick so aussieht. „Als die Deutsche Bahn hier 1998 alles abbauen wollte, haben wir einfach die Schlösser ausgetauscht“, erinnert sich Hauschild schmunzelnd. Denn ohne Elektrizität hätte auch die Kleinbahn nicht mehr fahren können, vom 50 Mitglieder zählenden Verein gepflegt. Das Bahnhofsgebäude beherbergt normalerweise ein Bahn-Museum. Gegenwärtig sind dort Kostüm und Maske für den Film untergebracht. Über allem wachen die beiden Bahn-Liebhaber Hauschild und Maske, die jederzeit hilfsbereit zur Verfügung stehen. So mussten sie schon als Komparsen das Bahnhofspersonal spielen, wie sie stolz berichten. „Toll mal mitzuerleben, wie ein Film entsteht und vor allem, dass bei dem scheinbaren Chaos doch alles funktioniert“, erzählt Hauschild, der hauptberuflich Lokführer ist. Über die „prima Werbung für den Ort“, frohlockt sein Kumpel Maske. „Wer das nicht begreift, tut mir leid“, grollt er später angesichts des wiederholten Unverständnisses von Autofahrern, die wegen der Dreharbeiten Umwege in Kauf nehmen müssen.

Vom Trubel auf dem Bahnhof scheinbar völlig unbeeindruckt, ist ein älteres Ehepaar mit großen Koffern mitten im Kuss eingeschlafen. Marga van Tankeren und Hans-Jürgen Scheer stammen beide aus dem benachbarten Müncheberg, spielen das Ehepaar allerdings nur. „Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass Komparsen gesucht werden und ich wollte das mal ausprobieren“, erzählt die Vorruheständlerin. Scheer, früher Requisiteur beim Fernsehen, wollte unbedingt auch einmal vor die Kamera. Inzwischen hatten beide schon drei oder vier Szenen. „Die meiste Zeit haben wir sozusagen geschlafen“, erzählt der Rentner. Denn laut Drehbuch haben die Kinder Schlaftabletten in den Wasserturm geworfen, um die Erwachsenen, die an ihrer Mittelmäßigkeit festhalten wollen, außer Gefecht zu setzen. Und so schläft nun halb Bollersdorf, wie die beiden auf dem Bahnhof.

Kinder bestimmen den Filmdreh

Die eigentliche Herausforderung für das ganze Filmteam sind jedoch die sechs sehr jungen Hauptdarsteller: Mehrere Assistentinnen kümmern sich in den Drehpausen um die Kinder, damit ihnen nicht langweilig wird oder sie die Eltern vermissen. Ein vertrautes Verhältnis haben die Mädchen und Jungen offenbar zum Regisseur, sie umarmen ihn, werden ihrerseits viel gelobt. Wie schwer diese Gratwanderung ist, offenbart eine Szene: Die vierjährige Henriette hat Angst, dass am Filmset echte Polizisten auftauchen könnten und fängt aus Angst fast an zu weinen, bis die Erwachsenen sie beruhigen können.

Nur drei Stunden pro Tag dürfen Charlotte, Pieter und die anderen Drei am Set sein, zwei Stunden davon direkt vor der Kamera. „Da heißt es, den gesamten Drehplan nach den Kleinen ausrichten“, macht Produktionsleiterin Susanne Mann deutlich.

Regisseur Helmer freut sich indes über den schönen Sommer, der das Drehteam jeden Tag arbeiten lässt, über die Kindercrew, die aus mehr als 1000 Bewerbern ausgewählt wurde und darüber, dass die erwachsenen Schauspieler sich mit Nebenrollen begnügen. Für mitwirkende Akteure wie Fritzi Haberland, Benno Fürmann und Volker Zack Michalowski heißt es nicht selten: Warten, denn mit den Kleinen muss eine Szene mehrfach wiederholt werden.