Astronomie

Auf der Suche nach der Dunkelheit

Vor 100 Jahren zog die Königliche Sternwarte von Kreuzberg auf den Babelsberger Hügel. Der Himmel über Berlin war zu hell und zu verrußt

– Wenn die russische Trägerrakete Ende 2014 mit einem auf einer Plattform installierten Observatorium von der Erde abhebt und Kurs Richtung All nimmt, fliegt auch ein Stück Potsdam mit: Teile der Software des Röntgenteleskops „e Rosita“ haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Astrophysik Potsdam (AIP) auf dem Gelände der Babelsberger Sternwarte gefertigt. 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt soll das Teleskop den Röntgenhimmel abtasten. Vier Jahre lang. Um schließlich die Daten zu liefern für eine „detaillierte, hochempfindliche Karte, wie sie bislang noch nicht existiert“, schwärmt Astrophysiker Axel Schwope (54).

In Babelsberg wird an der Zukunft mitgeschrieben. Und zugleich auf die Tradition angestoßen. Exakt 100 Jahre ist es her, seit die 1700 gegründete Königliche Sternwarte aus dem heutigen Berlin-Kreuzberg auf den Babelsberger Hügel umzog. Anlass für das Institut, am Sonnabend von 13 bis 17 Uhr zu Rundgängen, Vorträgen und Sonnenbeobachtung aufs Areal einzuladen und die Schatzkiste voller historischer astronomischer Instrumente zu öffnen.

Milchstraße kaum zu sehen

Die neu errichtete Hochbahn in der industriell wachsenden Metropole Berlin ließ die Fundamente des ehemaligen Gebäudes schwingen. „Kein Astronom hatte da noch eine Chance, Sternpositionen exakt zu vermessen“, sagt Schwope mitfühlend. „Und ständig diese Wolken und der Rauch aus den Fabrikschloten und die rußigen Abgase der Automobile.“ Bei 30 Tagen klaren Himmel im Jahr liege man in Berlin und Umgebung schon gut. Aber die Milchstraße sehen? „Heute wie damals kaum möglich“, winkt Schwope ab. In Spandau sei ihm das dreimal im Leben geglückt. „Ganz zu schweigen von der Lichtverschmutzung.“ Auch daran habe sich nichts geändert. Der Schein der einstigen Bogenlampen habe jeden Stern am Himmel verblassen lassen. Also hieß es im August 1913: raus aus Kreuzberg, nach Potsdam. Ausgestattet mit Geräten von Carl Zeiss Jena war man damals technisch auf der Höhe der Zeit, methodisch ebenfalls. Astronom Paul Guthnik führte 1913 mit der lichtelektrischen Photometrie die erste objektive Methode zur Helligkeitsbestimmung ein. Spektroskopische Arbeiten am 120-Zentimeter-Spiegelteleskop brachten Babelsberg weltweite Aufmerksamkeit.

Der damalige Sternwartendirektor bewies Weitsicht. „Der setzte einen Regierungserlass durch, dass im Umkreis des neu errichteten Kuppelbaus keine Straßenlaternen, Schankwirtschaften oder große Fabriken errichtet werden dürfen“, erzählt Schwope aus der Chronik des Hauses. Ausschlaggebend dafür, dass die Astronomen dem Standort die Treue hielten. „Auch wenn mittlerweile von Chile oder Teneriffa aus durchs Teleskop geschaut wird.“ Die Orte großer Dunkelheit seien begrenzt. „In Potsdam durchs Teleskop zu schauen, ist eher nur noch eine Sache des Vergnügens.“ Längst passé sind die Zeiten, als man mit dem Auge durchs Okular schaute. Elektronische Detektoren von Hochleistungsteleskopen übernehmen den Job. Schwope und seine 184 Kollegen in Babelsberg sitzen vor Monitoren und Rechnern.

Der Sprung ins Computerzeitalter datiert bereits aus DDR-Zeiten. Ebenso wie die Neuausrichtung zum Institut für relativistische und extragalaktische Forschung. Trotz der Hürden nach dem Zweiten Weltkrieg: Drehbänke, der 40-Zentimeter-Astrograf, ein Meridian- und Vertikalkreis, Uhren und Gerätschaften waren demontiert, als Reparationsleistung von der Sowjetunion auf die Halbinsel Krim verfrachtet worden – darunter das damals größte Spiegelteleskop Nordeuropas. Obwohl hinter dem Eisernen Vorhang international weitgehend abgekoppelt, punktete Babelsberg auf dem Gebiet der extragalaktischen Astrophysik und der Kosmologie über Ländergrenzen hinaus.

Forschungen zum Erdkern

In Potsdam untersuchten die Forscher beispielsweise, wie das Magnetfeld der Erde durch innere Strömungen im Erdkern erklärt werden kann. Kompetenz, mit der sie die Wissenschaft in der Bundesrepublik abhängten. „Der Grund, warum die Einrichtung mit Befürwortung des Wissenschaftsrates nach der Wende überlebte, sich 1992 als AIP neu aufstellte“, sagt Astrophysiker Schwope. Für ihn, der damals gerade an der Technischen Universität Berlin promoviert hatte, war die Aufbruchstimmung im AIP so spannend, dass er das Angebot einer Festanstellung als Professor in Göttingen in den Wind schlug.

„Ein Risiko“, sagt Schwope. Nach mehreren Zeitverträgen gehört er seit Jahren zum festen Kern in Babelsberg. „Meine Karriere ist untypisch.“ Die Leidenschaft, für die Sterne beruflich zu leben, sei ein hartes Brot, warnt Schwope den Nachwuchs. „Astrophysik zu studieren, zu promovieren, ist leicht.“ Im Gegensatz zu dem, was danach folge. Schwope weiß vom erzwungenen Pilgerleben seiner Berufskollegen. Wegen der üblichen Zeitverträge müssten die immer wieder Koffer packen und um eine Position kämpfen. Unbefristete Stellen seien Goldstaub. „Wenige Astrophysiker schaffen es an die Spitze der Pyramide.“ Schwope hat es geschafft. Und das an einer renommierten Adresse. Denn das der Leibniz-Gemeinschaft angehörende Institut spielt weltweit vorn mit.