Nachwuchssorgen

Auszubildende verzweifelt gesucht

Nur jeder dritte Betrieb in Brandenburg stellt noch Lehrlinge ein. Die Bewerber kommen inzwischen sogar aus Spanien

Keine rosigen Berufsaussichten für Brandenburgs Jugend: Die Zahl der Lehrstellen sinkt. 10.361 Stellen haben märkische Betriebe im Ausbildungsjahr 2012/13 angeboten, 816 weniger als im Jahr zuvor. Gleichzeitig sind derzeit 13.000 junge Menschen auf der Suche nach einer Lehrstelle. Das Problem: „Gerade mal 38 Prozent der Betriebe bilden derzeit aus“, sagt Arbeitsstaatssekretär Wolfgang Schroeder. 2011 waren es noch 42 Prozent. Schlecht auch fürs Image: Brandenburg liegt damit um fünf Prozentpunkte unter dem ostdeutschen Durchschnitt.

Halte der Trend zu immer weniger Ausbildungsbetrieben an, drohe die Jugend abzuwandern, warnte Schroeder. Seine Forderung: Schulen müssten Angebote zur Berufsorientierung verbessern, Unternehmen ihre Berufsbilder attraktiver gestalten. Dass auch die Zahl der Bewerber, bedingt durch den demografischen Wandel, sinke, sei kein Grund zum Aufatmen. Denn: „Der Bedarf an Fachkräften steigt“, sagt Steffen Heller, Potsdamer Bezirksgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburg. „Brandenburg ist innovativ, hat sich in neuen Zweigen wie der Biomedizin, Optoelektronik oder den erneuerbaren Energien gut aufgestellt.“ Neue Berufsbilder seien entstanden, dafür brauche es auch gute Mitarbeiter.

Wer künftig den Besten für sich gewinnen will, müsse sich ins Zeug legen, sagt Heller. Gerade in Brandenburg, das überwiegend vom Mittelstand geprägt sei. „Die Betriebe konkurrieren zum Teil mit großen Konzernen, die allein schon mit ihrem Sicherheit versprechenden Namen locken“, sagt Heller, der die Nöte von kleinen Firmen und Start-ups kennt. Erschwerend komme hinzu, dass in Brandenburg noch immer nach dem Ost-Tarif bezahlt werde. Trotz Unterschrift unterm Ausbildungsvertrag lassen Lehrlinge ihre Stelle sausen, sobald sich eine besser bezahlte bietet.

Bäcker bietet eine Azubi-WG

Eine Erfahrung, die Karl-Dietmar Plentz, Inhaber einer Bäckerei und Konditorei in Schwante (Oberhavel), erst vorige Woche gemacht hat. „Eine junge Frau, die Verkäuferin werden wollte, ist abgesprungen. Sicher ist sie nach Berlin gegangen“, glaubt Plentz. „Aber resignieren hilft nicht.“ Stattdessen arbeitet Plentz an der Attraktivität des seit 1877 bestehenden Familienbetriebs, der derzeit 100 Mitarbeiter hat, davon elf Auszubildende. Weil günstiger Wohnraum für Singles in der Gegend schwer zu bekommen sei, habe das Unternehmen eine Azubi-WG eröffnet. Für ihn als aktiven Christen sei der ganzheitliche Blick auf den jungen Menschen wichtig, sagt Plentz. „Wir binden sie in die Familie ein, helfen ihnen bei Behördengängen.“ Dass 18 Prozent der märkischen Auszubildenden ihre Lehre abbrechen, schreckt ihn nicht. Er will den angehenden Bäckern in der Ausbildung etwas bieten und greift dabei auf von EU, Bund und Land geförderte Programme zurück. So schickt er Lehrlinge nach der Zwischenprüfung für vier Wochen zum Praktikum nach Italien oder Frankreich. „Die kehren begeistert zurück, starten durch.“

Bei der Suche nach Bewerbern nutzt der 46-Jährige längst moderne Kommunikationskanäle. „Unser Werbevideo ist auf YouTube 300.000 Mal geklickt worden“, sagt er, selbst ein wenig erstaunt darüber. Auch über Twitter und Facebook sucht der Unternehmer Nachwuchs. Mit Erfolg: Im sozialen Netzwerk stieß er auf Guillem Xanxo aus Barcelona. Der junge Spanier wollte unbedingt Bäcker werden. Plentz lud ihn zur Probearbeit ein. Jetzt gehört der Spanier zum Team. Und ist damit der erste Jugendliche aus einem südlichen EU-Land im Zuständigkeitsbereich der Neuruppiner Arbeitsagentur. Die fördert solche Einstellungen über ein Sonderprogramm.

Obwohl aktuell 4700 junge Brandenburger noch eine Lehrstelle suchen, melden Handwerkskammer wie Industrie- und Handelskammer offene Stellen. „Es fehlen keine Ausbildungsplätze, sondern potenzielle Azubis“, sagt Ute Maciejok von der Handwerkskammer Potsdam. Vor allem im Speckgürtel bleiben Plätze unbesetzt. Beispiel Potsdam: 230 von 703 Stellen sind in der Landeshauptstadt noch unbesetzt, obwohl 175 junge Menschen einen Ausbildungsplatz suchen. Für Bert Krsynowski nicht verwunderlich. „Manche Arbeitgeber schauen nur auf Zeugnisnoten“, sagt der Inhaber des Hotels und Restaurants „Am Alten Rhin“ in Altruppin. Ein Luxus, den er sich nicht leisten will. „Wir müssen auch leistungsschwache Jugendliche mitnehmen.“ Tatsache sei, wer bei ihm durchhalte, bleibe oft in der Region und im Betrieb.

Krsynowksi baut auf sonderpädagogische Hilfsangebote. Förderbedürftige werden bei ihm ab September zum Beikoch oder in Hauswirtschaft ausgebildet. Mit dem auf 18 Monate ausgelegten Modellprojekt „Türöffner. Zukunft Beruf – Brandenburger Netzwerk für Jugendliche“ sattelt das Arbeitsministerium jetzt drauf. Von der Berufsberatung über Praktika sollen Unterstützungsmöglichkeiten aus der Region in einer lokalen Koordinierungsstelle gebündelt werden. Getestet wird das von der EU mit 120.000 Euro geförderte Projekt am Oberstufenzentrum Ostprignitz-Ruppin.