Reise

Der schwimmende Grenzübergang

Die Fähre bei Güstebieser Loose im Oderbruch entwickelt sich zu einer Touristenattraktion

– Brütende Hitze liegt über dem Oderbruch bei Güstebieser Loose. In dem kleinen Örtchen gleich hinter dem Deich ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber auf dem asphaltierten Oder-Neiße-Radweg strampeln Fahrradfahrer mit großen Satteltaschen tapfer durch die heiße Sonne. „Die Radwander-Touristen schrecken echt vor nichts zurück, selbst betagte schwingen sich hier, ohne mit der Wimper zu zucken, in den Sattel“, erzählt Kerstin Siefert. Die 44-Jährige aus dem nahe gelegenen Dörfchen Karlshof muss es wissen. Sitzt sie doch in einem Holzhüttchen dort, wo Deichweg und die Straße nach Güstebieser Loose aufeinandertreffen.

Besuch von Politikern

Eigentlich hatte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hier schon vor fünf Jahren den ersten Spatenstich für einen repräsentativeren Radwander- und Infoservicepunkt inklusive Sanitäranlagen gesetzt. Mehr ist augenscheinlich aber nicht passiert. „Das kommt noch“, sagt Siefert. Bei ihr erhalten vorbei kommende Touristen Flyer und Broschüren mit Infos zu Unterkünften, Künstlern im Oderbruch, Cafe´s und Restaurants, Museen sowie andere Sehenswürdigkeiten. Außerdem zählt Siefert die Radler. „Im Sommer und bei schönem Wetter sind das 2000 bis 3000 im Monat“, erzählt sie. Viele von ihnen seien „ganz wild“ auf die einzige Oderfähre, zu der der asphaltierte Weg auf der anderen Seite des Deiches über die Oderwiesen führt.

Halbstündlich bringt der von der polnischen Kommune Mieszkowice betriebene kleine Raddampfer mit dem bezeichnenden Namen „Bez Granic“ (Keine Grenzen) jährlich etwa 15.000 Ausflügler von einem an das andere Oderufer. „Wenn sie denn fährt“, gibt Siefert zu bedenken. Denn da hat sie schon so einiges erlebt. Beispielsweise zum Saisonauftakt im April. „Auf der polnischen Internetseite stand, die Fähre fährt. Die Leute verlassen sich drauf, reisen von sonst woher an, buchen sogar eine Übernachtung in einer polnischen Pension und gucken dann ins Leere – keine Fähre weit und breit“, erzählt sie.

In der Tat musste der diesjährige Saisonstart monatelang wegen des Frühjahrshochwassers verschoben werden. Normalerweise ist die Oder an der Fährstelle 160 Meter breit. Das Wasser flutete über die Oderwiesen und die Straßen und machte den Grenzfluss um ein vielfaches breiter und auch schneller. Die starke Strömung hätte die Fähre mit ihren nur 65 Zentimetern Tiefgang möglicherweise mitgerissen. Lediglich im Juni verkehrte sie über die Oder – ganze vier Tage lang, dann blieb sie aus Sicherheitsgründen erneut in ihrem Hafen am polnischen Oderufer. Dorthin zieht es auch die Deutschen verstärkt, wie Kapitän Jerzy Fitas bestätigt, der mit einem Maschinisten und einer Kassiererin über die Oder pendelt. „Die Deutschen kommen zum Einkaufen, Essen und Tanken. Die Polen fahren umgekehrt zur Arbeit als Erntehelfer auf deutschen Feldern und in Obstplantagen.“ Bis zu sechs Autos passen auf die Fähre, plus 20 weitere Personen, zu Fuß oder mit Fahrrädern. An den Wochenenden, erzählt der Kapitän, sei der kleine Raddampfer immer voll. Es gebe sogar Wartezeiten. Wer auf der polnischen Seite etwas erleben will, muss weiter fahren. Das Grenzdörfchen Gozdowice (bis 1945 Güstebiese) bietet außer ein paar Imbissbuden und einem von Deutschen betriebenen Kunst-Café im ehemaligen Zollabfertigungsgebäude nicht viel. Und dass auch nur an den Wochenenden.

Immerhin: Oben auf dem bewaldeten Hügel östlich von Gozdowice gibt es ein Ausflugsrestaurant, von dem aus die Gäste einen Panoramablick über die malerische Oderlandschaft haben. „Auf die Anhöhe fahren auch Anwohner aus dem Oderbruch immer mal wieder“, erzählt Gerd Papke aus Eichwerder, der an einem Tümpel an den Oderwiesen angelt. Die Fähre sei schon wichtig. „Da ist hier mal ein bisschen was los“, meint der Angler und blickt über die idyllischen Oderwiesen, wo sich gleich mehrere Graureiher und Störche tummeln.

Die meisten Fähren-Nutzer, hat auch Kerstin Siefert beobachtet, seien Touristen „von weiter her“. „Ich treffe erstaunlich viele aus Westdeutschland stammende Paare, die schon alle möglichen Flusslandschaften Mitteleuropas bereits haben und sich nun endlich auch hierher in den Osten trauen“, meint sie ein wenig spöttisch. Zu ihnen gehören offenbar auch Eva Harting und Ludger Velmerig aus Hamm in Nordrhein-Westfalen. „Wir fahren den gesamten Oder-Neiße-Radweg ab, von Zittau im Süden bis hoch zur Ostseeinsel Usedom“, erzählen sie. Inzwischen ist ihnen der kaum mit schattigen Bäumen bewachsene Oderdeich auf deutscher Seite zu eintönig geworden. Deswegen setzen sie mit der Fähre nach Polen über und fahren von dort bis nach Osinow Dolny, um dann über die Grenzbrücke bei Hohenwutzen wieder auf die deutsche Seite zurückzukehren.

Zwischen Hohenwutzen und dem 50 Kilometer weiter südlich gelegenen Grenzübergang Küstrin-Kietz gibt es außer dieser Fähre keine weitere Möglichkeit, um an das jeweils andere Flussufer zu gelangen. „Schön, dass es so eine Möglichkeit gibt, hier schnell überzusetzen. Wir sind neugierig auf die polnische Seite“, sagt Harting.

Die Fähre verkehrt zwischen April und Oktober, außer montags, täglich zwischen 8 und 19 Uhr. Die Zeiten erfahren Sie unter www.guestebieser-loose.de. Pro Person kostet eine Überfahrt 75 Cent. Für Autos müssen 2,50 Euro bezahlt werden, Fahrräder dürfen kostenlos mit. Von Berlin aus fährt mit dem Auto über die B1 bis nach Seelow, von dort weiter über die B167 nach Gusow-Platkow. Ab Neulewin ist der Weg ausgeschildert.