Streit

Altstadttour mit Polizei

Klaus Ahrendt bietet Führungen in Küstrin an. Doch der polnische Verwalter der Festung verlangt Geld von ihm

– Wenn Klaus Ahrendt über das Gelände der ehemaligen Altstadt von Küstrin spaziert, muss er jederzeit damit rechnen, jäh gestoppt zu werden. Hat sich der 47-Jährige doch mit der Leitung des im Aufbau befindlichen Festungsmuseums angelegt. „Wir sind Verwalter des Geländes und bestimmen laut polnischem Gesetz die Regeln“, sagt dessen Direktor Ryszard Skalba. Dem ist erst einmal nichts entgegenzusetzen, denn tatsächlich liegt das gut 40 Hektar große Areal direkt am östlichen Oderufer heute auf polnischem Territorium. Seine interessante Geschichte hingegen ist eng mit Preußen verbunden.

Und hier beginnt die Sache kompliziert zu werden. Denn der gebürtige Berliner Ahrendt ist inzwischen ein Experte in Sachen Historie der einstigen preußischen Residenz und Garnison Küstrin, die im 18. und 19. Jahrhundert zu den schönsten Orten der Mark Brandenburg zählte und in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges schließlich in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Trümmer wurden zum Wiederaufbau Warschaus abtransportiert Noch erkennbar und teilweise sogar saniert sind die früheren Bastionen der Festung Küstrin. Von der früheren Küstriner Altstadt können Besucher die alten gepflasterten Straßenzüge, heute zweisprachig beschriftet, ausmachen. Von den einstigen Gebäuden, die sie säumten, gibt es nur noch Grundmauern, Teile von Säulen und Sockeln, geheimnisvolle Torbögen und Treppenstufen, die ins Nichts führen. „Wer da keine Vorkenntnisse hat, sieht hier nichts und ist enttäuscht“, ist Ahrendt überzeugt.

Staatlich geprüft

Der gelernte Versicherungskaufmann hat historische Quellen studiert, nebenbei eifrig Polnisch gelernt und eine Ausbildung zum staatlich geprüften Reiseleiter gemacht, seit er das auch polnisches Pompej genannte Gelände im Jahr 2000 erstmals gesehen hat. Mit diesem Wissen arbeitet er seit sechs Jahren als Gästeführer und hat gut zu tun. Denn das geschichtsträchtige Gelände wird jährlich von mehr als 20.000 Touristen hauptsächlich aus Deutschland besucht.

Ohne einen ortskundigen Reiseleiter erfahren sie allerdings herzlich wenig über das Schicksal Küstrins, das auf brisante Weise mit der Geschichte Preußens verstrickt ist. Immerhin war der spätere Preußenkönig Friedrich II. hier zwei Jahre lang interniert und musste vom Schloss aus zu sehen, wie sein Jugendfreund Hans Hermann von Katte im Auftrag von Friedrichs Vater, dem damals regierenden Soldatenkönig 1730 hingerichtet wurde. Der Grund: Katte soll die Flucht des Kronprinzen nach England vorbereitet haben.

Ahrendt kennt diese historischen Fakten und die sich darum rankenden Geschichten bis ins Detail. Gegen 7,50 Euro pro Person ist er auch gern bereit, sie seinen Gästen zu erzählen. Womit er jedoch nicht einverstanden ist – die Museumsleitung verlangt von jedem externen Fremdenführer der Küstriner Altstadt eine Gebühr, wenn sie ihr Gewerbe hier ausüben und sozusagen davon profitieren. Sein deutsches Gästeführer-Zertifikat hat er per Anerkennungsverfahren auch von den zuständigen Stellen in Polen legitimieren lassen und pocht nun auf sein angebliches EU-Recht der freien Berufsausübung. „Das Areal ist frei zugänglich, also nicht umzäunt. Da kann dort jeder spazieren gehen und andere fachkundig begleiten“, glaubt er.

Für Touristen träfe das auch zu, nicht aber für kommerziell tätige Reiseleiter, hält Skalba dagegen. „Wir pflegen und unterhalten das Gelände. Die externen Reiseleiter profitieren von unserem Vermögen und wir dürfen sie dafür zur Kasse bitten.“ Und: „Wir haben zehn externe Touristenführer, außer Ahrendt zahlen alle.“ Es geht um fünf Zloty pro Gast, umgerechnet 1,20 Euro, den der 47-Jährige an die Museumsleitung abführen müsste. Der Deutsche sieht das aber nicht ein.

Handfester Streit

Und so entbrennt fast jedes Mal ein handfester Streit vor den Augen von deutschen Touristen, sobald Ahrendt und Skalba aufeinandertreffen. In den meisten Fälle hatte einer der beiden auch noch die Polizei hinzugerufen. Der polnische Museumsleiter stört lautstark die Führungen des Deutschen, beschimpft dessen Angebote als „illegal“ und fordert die Gebühren ein. Da sich beide nicht einigen können, muss Ahrendt notgedrungen seine Touren abbrechen und enttäuschte Gäste zurücklassen. Schon ein paar Mal haben sich beide vor Gericht getroffen. Zu einem Ende des Streits hat das noch nicht geführt. Ahrendt hat sich inzwischen hilfesuchend an die Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg (IHK) in Frankfurt gewandt. Iwona Kucharska, bei der IHK zuständig für Geschäftskontakte nach Polen, ist sichtlich empört. „Ich finde es unglaublich: Zwei erwachsene Männer benehmen sich so lächerlich und führen einen Machtkampf sogar vor Gericht“, sagt die Referentin, die nun über den IHK-Vorstand die Außenhandelskammer Gorzow in den Fall einschalten will. „Möglicherweise können wir zusammen zwischen beiden Seiten vermitteln“, hofft sie. Bis zum Ende des Sommers tue sich aufgrund der Urlaubszeit aber wohl nichts.

Bis dahin hat auch Skalba andere Sorgen, nämlich dass sein Museum pünktlich zu den traditionellen Küstriner Festungstagen am 31. August und 1. September fertig wird. Klein beigeben will er in dem Streit jedoch nicht. Ungeachtet der Auseinandersetzung sprüht der frühere Berliner Ahrendt vor neuen Ideen. „Gäste meiner Führungen sind häufig Leute auf den Spuren ihrer Vorfahren. Das betrifft nicht nur einstige Bewohner von Küstrin, sondern auch Insassen eines nahe gelegenen Kriegsgefangenenlagers, das zwischen 1939 und 1945 von den Nazis betrieben worden war.“ Das Areal nördlich von Kostrzyn sei heute ein Friedhof mit Gedenkstein. Eine historische Aufarbeitung habe es bisher aber nicht gegeben, sagt er. Nahezu unbeachtet sind auch die gut erhaltenen, aber zugewachsenen drei Forts, die einst zur Festung Küstrin gehörten. „Es gibt hier noch genügend touristisches Potenzial.“ Der Hobby-Historiker träumt zudem von einem tatsächlichen Museum zur Geschichte des alten Küstrins und der einstigen Neumark Brandenburgs. Er hat bereits begonnen, sich einen Fundus historischer Unterlagen und Fotos anzulegen.