Für den guten Zweck

An die große Glocke gehängt

Frankfurter Spendenmarathon für neues Geläut in St. Marien

Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke ist optimistisch. „Das Stadtfest im Sommer 2014 werden wir mit natürlichem Glockenklang der Marienkirche eröffnen“, kündigt er an. Mit „natürlich“ meint er, dass Frankfurter und Gäste dann tatsächlich zu hören bekommen, wenn alle Viertelstunde die Klöppel gegen die Glockenkörper schlagen. Bisher kommen diese Töne vom Band. Denn das einst aus sechs Glocken bestehende Geläut der Marienkirche gibt es schon seit 1945 nicht mehr. Jetzt soll es dank einer groß angelegten und erfolgreichen Spendensammlung erneuert werden.

Im Winter 1942 erklangen die sechs Glocken des imposanten mittelalterlichen Gotteshauses in Frankfurts Innenstadt zum letzten Mal vollständig. Dann wurden zwei Glocken abgehängt, um das Metall für die Rüstungsindustrie zu nutzen. Als die Kirche, einer der größten Sakralbauten norddeutscher Backsteingotik, im April 1945 in Flammen aufging, stürzten die übrigen vier Glocken in die brennende Kirche und schmolzen. Darunter auch die „Osanna“, mit fünf Tonnen Gewicht die damals größte Glocke des Landes. Diese dramatische Geschichte war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Dem Frankfurter Förderverein von St. Marien ist es zu verdanken, dass eine mögliche Wiederherstellung des Geläuts überhaupt ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet. Dabei fiel sicherlich auch ins Gewicht, dass die sechs St-Marien-Glocken einst als das umfangreichste und historisch bedeutendste Geläut der Mark Brandenburg galten.

Aus eins mach drei

Unter dem Motto „Eine Stimme für St. Marien“ sammelt der Verein seit dem Frühjahr 2012 Spenden. Inzwischen sind etwa 114.000 Euro zusammengekommen. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung unterstützt die Aktion, in dem sie unter dem Motto „Aus 1 mach 3“ auf jeden Spenden-Euro noch zwei drauf legt. Insgesamt werden für die Anfertigung eines neuen Glockenstuhls aus Eichenholz und für den Neuguss von mindestens drei Glocken 360.000 Euro benötigt. Also fehlen an Spenden „nur“ noch 6.000 Euro – der Endspurt hat begonnen.

Noch in diesem Sommer soll es an die Umsetzung gehen. Ein renommiertes Büro aus Dresden hat bereits mit den Planungen für den Bau des Glockenstuhls begonnen. Angebote von Glockengießereien liegen für das „Vergabeverfahren“ auch bereits vor. In einer Dokumentation der bedeutendsten Glockenstühle Deutschlands hat Frankfurts oberster Denkmalschützer Ulrich-Christian Dinse Aufzeichnungen zu St. Marien gefunden, die als Vorlage für den Neubau dienen. Auch das Glockengießen soll nach historischem Vorbild erfolgen. Nach Angaben von Holger Swazinna, persönlicher Referent des Frankfurter Oberbürgermeisters, investiert die Stadt zudem 140.000 Euro in die parallel laufende, sogenannte Ertüchtigung des Kirchen-Nordturms. „Der ist es ja seit Jahrzehnten nicht mehr gewohnt, einen Glockenstuhl nebst schwingenden Glocken zu tragen“, sagt Swazinna.

Dass die Frankfurter spendenbereit sind, wenn es um das Wahrzeichen ihrer Stadt geht, haben sie bereits bei den mittelalterlichen Bleiglasfenstern von St. Marien unter Beweis gestellt. Der Kirchenschatz mit Darstellungen aus dem Alten Testament war als „Beutekunst“ vor elf Jahren aus Russland zurückgekehrt, ebenfalls mittels Spenden restauriert und fünf Jahre später wieder an ihrem angestammten Platz im Chorraum der Kirche eingesetzt worden. Damals gab es eine wahre Spendenflut von insgesamt 410.000 Euro.