Sanierung

Rückkehr des „Barbie-Schlosses“

Anfang September soll der rosafarbene Bau fertig sein. Der Landtag zieht Ende Dezember ein

Die Berliner haben gerade einmal mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses begonnen, da bekommen die Potsdamer ihres schon zurück. Es ist fast fertig: Anfang September will der Baukonzern „BAM Deutschland“ das Gebäude übergeben. Voraussichtlich ab 15. Dezember startet der Umzug vom alten Landtag auf dem Brauhausberg ins neue Domizil in die Stadtmitte. So können die Abgeordneten noch in diesem Jahr in die komplett neu möblierten Räume einziehen. Am 18. und 19. Januar 2014 gibt es ein Eröffnungsfest für die Bürger. Die erste Sitzung des Parlaments ist für den 21. Januar vorgesehen.

Im Hof werden gerade die letzten Pflastersteine gesetzt. Handwerker bringen im Inneren Abdeckungen an, Kabelschächte sind noch offen. Im Foyer wird auf weißem Marmor bald roter Teppich verlegt. Überall riecht es nach frischer Farbe. Peter Kulka, der Architekt des Prestige-Baus, sieht nach dem Rechten. „Es ist so schön wie erhofft“, sagt er bei seinem Rundgang. Freude schwingt mit, aber auch Erleichterung. Denn dieser Landtag war sein „bislang schwierigstes Projekt“, sagt der renommierte Dresdner Architekt. Außen Knobelsdorff, innen Kulka. Alt trifft auf Modern, üppiger Rokoko auf schlichtes Weiß. Tradition auf Hightech. Preußische Sparsamkeit auf hohen Anspruch. Herausgekommen ist ein Kompromiss. Allerdings ein sehr gelungener, wie selbst viele frühere Kritiker mittlerweile bescheinigen.

2006 entschied das Parlament den Bau eines neuen Landtags. Er sollte in den Umrissen des von 1744 bis 1751 unter Friedrich dem Großen gebauten Stadtschlosses in der Stadtmitte entstehen. Das SED-Regime hatte das im Krieg zerstörte Schloss 1959 sprengen lassen. Als Landtag war aber ein schlichter Bau geplant. Dank einer 20-Millionen-Euro-Spende des Software-Milliardärs Hasso Plattner erhielt das Gebäude dann doch die Original-Fassade. Nur die Seitenflügel wurden dem Platzbedarf angepasst, dadurch fällt der Innenhof etwas kleiner aus. Von knapp 1000 geborgenen Reststücken des Stadtschlosses wurden etwa 300 Elemente in die Fassade integriert. Das Gebäude bekam einen rosafarbenen Anstrich. „Barbie-Schloss“ sagen deshalb einige dazu. Doch die Farbe gleicht dem Original zu Zeiten des Alten Fritz.

Der Weg in den neuen Landtag führt durch das Fortunaportal. Dessen Wiederaufbau hatte der Wahl-Potsdamer Günther Jauch schon in den 1990-Jahren über Spenden ermöglicht. Nachdem der Besucher den Hof durchquert hat, kommt er durch eine Tür aus gebürsteter Bronze ins Innere. Dort erwartet ihn das historische Knobelsdorffsche Treppenhaus. Für Kulka ist das Treppenhaus der „Übergang in die lichte Welt der Moderne“. Der Raum ist so geworden, wie er ihn sich vorgestellt hat: hell, weiß, ein Gedenkraum mit den versehrten Torsi. Die vier Atlanten stützen in den Ecken wieder das Gesims. Um die 260 Jahre sind die aus schlesischem Marmor gefertigten Figuren alt. 43 Jahre wurden sie bei der Stiftung Schlösser und Gärten gelagert. Peter Kulka setzte die moderne Variante des Aufgangs durch: die Treppen weißer Marmor, statt des historischen Geländers eine skulptural geschwungene Wand. Die drei fragilen Reststücke des alten Geländers ließen sich nicht integrieren, so Kulka. Der Stadtschlossverein und die Initiative Mitte Schön hatten vergeblich leidenschaftlich um die Wiederherstellung nach originalem Vorbild gekämpft.

Vor allem ohne das Deckengewölbe wäre für den Architekten Kulka das Treppenhaus nicht vorstellbar gewesen. Deshalb hätte er fast kapituliert. Aus Kostengründen sollte das Gewölbe erst später eingebaut werden. Die Folge: ein öffentlicher Wutausbruchs Kulkas – vor Landtagspräsident Gunter Fritsch, Ministerpräsident Matthias Platzeck und Oberbürgermeister Jann Jakobs. Sie wollten mit Mäzen Plattner im Februar auf der Terrasse die Fertigstellung des mit einer zusätzlichen 1,6 Millionen-Spende ermöglichten Kupferdachs feiern. In einer emotionalen Rede beklagte Kulka, Architekt und Projekt würden zwischen den Auseinandersetzungen um die Kosten zerrieben. Die BAM Deutschland baut und betreibt das Haus, der Landtag mietet. Nach 30 Jahren geht es in seinen Besitz über. Vor dem Schiedsgericht wird um Mehrkosten von rund 16,5 Millionen Euro gestritten. „Im Vergleich zu anderen Projekten ist das nicht viel“, sagt BAM-Architektin Daniela Dünnemann. Und Kulka gibt zu bedenken: „Das Berliner Schloss kostet – bezogen auf die Kubatur wesentlich mehr. “

Landesadler in weiß

Im Plenarsaal wird noch emsig gewerkelt. Arbeiter schleifen zurzeit den Parkettboden ab. 472 Quadratmeter misst der Raum – genug Platz für 88 Abgeordnete. Sollte es doch noch zur Länderfusion kommen, passen auch die Berliner in das Schloss. Zunächst wird der Rechnungshof deren Büroräume nutzen. Bald werden die Stühle eingebaut – in Rot. Die Tische weiß. Die Landesfarben Rot und Weiß sollen sich durch das ganze Gebäude ziehen.

Noch fehlt auch der „Brandenburger Adler“ an der Wand. Brandenburgs Wappentier wird allerdings weiß statt rot sein. Diese künstlerische Freiheit gefällt nicht jedem. Eine Online-Petition läuft dagegen. Peter Kulka lässt seinen Blick über den fast fertigen Saal schweifen. „Es war nicht nur das schwierigste Projekt, das ich je hatte“, sagt er. „Es war auch das Aufregendste“. Plötzlich klingt alles versöhnlich. Auch das Finanzministerium als Bauherr scheint zufrieden. Ministeriums-Sprecherin Ingrid Mattern sagt: „Brandenburg bekommt den tollsten Landtag Deutschlands.“