Verwaltungsgericht

Haasenburg geht in die Offensive

Betreiber wehrt sich vor Gericht gegen Belegungsstopp. Jugendliche widersprechen Vorwürfen

– Nach den schweren Misshandlungsvorwürfen von Jugendlichen und einem früheren Mitarbeiter geht die Haasenburg GmbH in die Gegenoffensive. Der Heimbetreiber wehrt sich juristisch gegen den von Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) verfügten vorläufigen Belegungsstopp. Er lässt vor dem Verwaltungsgericht Cottbus überprüfen, ob es rechtens ist, dass derzeit keine Kinder und Jugendlichen in dem Heim aufgenommen werden dürfen. Auch fordert die Haasenburg-Leitung mögliche Opfer von Misshandlungen auf, die Vorfälle anzuzeigen. Ein Sprecher sagt: „Anzeigen bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft wären das Beste, was uns passieren kann, weil die Vorwürfe dann auch umfassend und unabhängig geprüft werden können.“ Außerdem wehren sich immer mehr Mitarbeiter der Haasenburg in offenen Briefen gegen die Darstellung, dass in den drei Heimen der GmbH dort untergebrachte Kinder und Jugendliche misshandelt werden. Auch Jugendliche, die dort derzeit untergebracht sind, melden sich zu Wort. Mehrere Briefe liegen der Berliner Morgenpost vor.

So schreibt ein Mädchen: „Ich bin selber Bewohnerin der Haasenburg in Neuendorf. Die Haasenburg ist dazu verpflichtet, Jugendliche, die ausrasten, sich selber oder andere verletzten, zu begrenzen. Ich kenne Erzieher, die dabei gar nicht sanft sind, doch das ist so. Eigentlich versuchen alle, mir dabei nicht wehzutun, und ihnen selber macht das ja auch keinen Spaß.“

„Von der Gesellschaft verstoßen“

Ein Betreuer weist darauf hin, dass die Jugendlichen in der Haasenburg „vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben klare Strukturen kennengelernt haben und sich vielleicht zum ersten Mal in eine Gemeinschaft einordnen mussten“. Hier würden sie „auch Einhalt gegenüber ihrer Aggressivität, sich selbst und anderen gegenüber, erleben“. Der Mitarbeiter gibt zu bedenken: „Unsere Einrichtung ist keine Einrichtung, die arme Waisenkinder beherbergt. Es sind zum Teil verurteilte jugendliche Straftäter, die in der Haasenburg die Chance hatten und haben, die Normen und Regeln der Gesellschaft zu erlernen.“

Ein anderer Betreuer moniert, es würden „schlichtweg Unwahrheiten über die Einrichtung verbreitet, welche sich mit einer Klientel befasst, die durch die Gesellschaft verstoßen wird“. Es werde kaum hinterfragt, um was für Jugendliche es sich dabei handelt und was vorgefallen sein könnte, dass Pädagogen, Therapeuten, Psychiater und Richter keine andere Möglichkeiten mehr sehen, als diese Jugendlichen in der Haasenburg unterzubringen.

Im Gegensatz dazu belasten ehemalige Heimkinder – sowie auch zwei der aus der Haasenburg vor mehr als zwei Wochen entlaufenen drei Jugendlichen – Mitarbeiter der Haasenburg schwer. Frühere Insassen berichten von Knochenbrüchen und tagelangen Fixierungen am Bett. Selbst kleinste Verstöße seien drakonisch bestraft worden. Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt in mindestens acht Fällen, sie rollt auch die Untersuchungen zu zwei Todesfällen von 2005 und 2008 noch einmal auf. Eine 15 Jahre alte Bewohnerin war im Juni 2005 an einer Schranktür erhängt im Jugendheim Neuendorf gefunden worden. Im Mai 2008 starb im Kinderheim Jessern ein 16-jähriges Mädchen nach einem Sturz aus dem Dachgeschoss. In beiden Fällen konnte die Staatsanwaltschaft Cottbus keinen Anhaltspunkt für ein Fremdverschulden oder Pflichtverletzungen durch Erzieher feststellen. Doch nach den jüngsten massiven Vorwürfen sind alle hellhörig geworden. „Wir beleuchten deshalb die Umstände des Fenstersturzes erneut“, sagt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig.

Bei der Durchsuchung der drei Haasenburg-Heime Anfang Juli sind laut Hertwig rund 100 Aktenordner und mehrere Datenträger sichergestellt worden. Diese würden nun ausgewertet. „Für die Ermittlungen sind eine Staatsanwältin und drei Beamte abgestellt“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus. Für die Auswertung der Unterlagen und die Befragung von Zeugen sei „mindestens noch ein Monat“ nötig.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ein früherer Haasenburg-Mitarbeiter berichtet von „Isolation, Fixierungen und militärischem Drill“ in den Heimen. Von den drei aus der Einrichtung in Neuendorf am See entlaufenen Jugendlichen hat inzwischen nach Auskunft der Hamburger Sozialbehörde ein 16-Jähriger die Vorwürfe gegen derzeitige Mitarbeiter zurückgezogen. Die beiden anderen Jugendlichen bleiben bislang bei ihrer Darstellung. Einer der drei Jungen ist noch „auf der Flucht“, die anderen beiden wurden in die Haasenburg zurückgebracht. Der untergetauchte Junge, ein 14-Jähriger aus Berlin, hat über seinen Rechtsanwalt Strafanzeige erstattet. Darin behauptet er, von Erziehern getreten und gedemütigt worden zu sein. Außerdem habe er zwölf Monate lang bis zu seiner Flucht „in absoluter Isolation“ in einem Einzelzimmer gelebt und nur selten „an die frische Luft“ gedurft.

Wegen der Aussage eines der beiden zurückgekehrten Jungen hat Bildungsministerin Martina Münch inzwischen drei Mitarbeiter der Haasenburg vorläufig vom Dienst freigestellt. Auch verhängte sie bis Ende August einen vorläufigen Aufnahmestopp. Bis auf Bremen und Schleswig-Holstein schickten bislang alle Bundesländer Kinder und Jugendliche in die Haasenburg. Diese werden dort aufgrund eines richterlichen Beschlusses zur Freiheitsentziehung untergebracht. Der private Jugendhilfe-Träger betreibt in Brandenburg drei Heime mit insgesamt 114 Plätzen, darunter 56 Plätze in geschlossener Unterbringung. In der Regel haben die Kinder und Jugendlichen vor der Haasenburg bereits zahlreiche Einrichtungen durchlaufen.

Personalabbau angekündigt

Nach dem vorläufigen Belegungstopp durch das Ministerium droht nach Aussage eines Haasenburg-Sprechers ein Personalabbau. „Das Personal muss der Belegungsstärke angepasst werden“, sagte Hinrich Bernzen. Entlassungen seien die „traurige, aber logische Konsequenz“ des Belegungsstopps. Grüne, FDP und Linke im brandenburgischen Landtag fordern wegen der massiven Vorwürfe weiterhin die Schließung der Haasenburg. Bildungsministerin Münch lehnt dies ab, sie setzt auf die Ergebnisse einer von ihr eingesetzten Expertenkommission. Das Gremium soll die Misshandlungsvorwürfe prüfen – und auch das pädagogische Konzept der Haasenburg.