Erfahrungen

Minister im Praktikum

Günter Baaske arbeitet eine Woche mit Hort-Kindern – ein Heimspiel für den Pädagogen

„Vorsicht Läuse“ warnt ein Schild am Eingang. Günter Baaske schreckt das nicht. Brandenburgs Sozialminister (SPD) ist von Haus aus Pädagoge. Was sich auf und in Kinderköpfen bewegt, kennt der 55-Jährige aus Jahren der Praxis. Sein einwöchiges Sommer-Praktikum im kommunalen Hort in Seddiner See gleicht einem Heimspiel. Zum neunten Mal nutzt der Minister die Landtagspause für die Arbeit an der Basis.

„Das mache ich für mich“, sagt Baaske. Er spricht von „Erdung“ und dem Wunsch, wissen zu wollen, was den Bürger umtreibt. Der Bürger, das sind seit Anfang der Woche etwa 20 Jungen und Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren. „Glück für den Minister. Der große Ansturm ist vorbei“, sagt Hortleiterin Sabine Kotzte, 53. Gut 50 Kinder hätten noch zu Beginn der Ferien auf dem Gelände der Franz-Liszt-Grundschule getobt, in der Schulzeit seien es bis zu 140. Betreut werden sie von neun Erziehern, in den Ferien sind vier im Einsatz.

Die meisten aus dem Team sind älter als 50. „Ein junger Mensch kann kaum vom Gehalt leben, auf keinen Fall eine Familie gründen“, sagt Kotzte. Obwohl doch nach öffentlichem Tarif bezahlt werde. Schuld sei die begrenzte Verdienstzeit. „Maximal sechs Stunden kann ein Horterzieher pro Tag arbeiten.“ Männermangel im Job sei die Folge. Der einzige „Kerl“ in der Mannschaft müsse zusätzlich im Schulklub arbeiten. Traurig sei das, zumal von Jahr zu Jahr mehr Eltern ihren Nachwuchs in die Einrichtung schickten. „Erzieher müssen mittels spezieller Weiterbildung ins Schulsystem integriert werden“, schlägt die 53-Jährige vor. „Dann entlasten sie die Lehrer und kommen selbst auf einen besseren Stundenschnitt.“

Lob für alle

Dass die Schulen einem anderen Ministerium unterstehen als der Hort, will Kotzte nicht in den Kopf. Dass behinderte Kinder in Schulen gesundheitlich betreut und diese Leistungen finanziert würden, für Horteinrichtungen diese Möglichkeiten bislang aber ausgeklammert seien, findet sie unfassbar. Baaske stimmt ihr zu. „Das muss auf politischer Ebene gelöst werden“, sagt er.

So einiges will Kotzte dem Minister mit auf den Weg geben. „Richtig rangekommen“ sei sie an ihn aber noch nicht. Die Zeit fehle. „Für die Kinder lässt er selbst seinen Kaffee kalt werden“, sagt sie. In seine Aufgaben habe man ihn nicht einweisen müssen. „Weiß er alles“, stimmt Kollegin Regina Neumann, 62, zu. Ihre anfängliche Scheu vor dem Mann aus der Politik hat sie längst abgelegt. Ebenso wie Angela Nowark. „Der könnte eine Weile bleiben“, sagt die 60-Jährige. Zufrieden blickt die Horterzieherin auf die Traube aus Kindern, die sich um den Mann in Turnschuhen, Freizeithose und gestreiftem Kurzarm-Hemd gebildet hat.

Baaske hat im Schatten eines Anbaus einen Tisch aufgebaut. Hammer, Winkelmesser, Säge, Schraubenzieher reihen sich ordentlich nebeneinander. Seit Montag führt der Minister Regie über die Holzarbeiten, eine Spielzeugkiste nimmt Form an. „Das liegt mir“, sagt er. Das Material stellt die Einrichtung. Nur der Akkubohrer stammt aus der heimischen Werkzeugkiste des Ministers. Florian, Leon, Angelique und Marvin umgreifen schmale Leisten. Der Bohrer macht unter ihnen die Runde.

„Du, Herr Baaske, mach’ ich das so richtig?“ Geduzt wird hier nicht, Baaskes Spitzname Hugo ist nicht gefragt. Er begutachtet die frischen Bohrungen in den faserigen Latten und spart nicht mit Lob. Der Sympathie der Kinder kann sich Baaske gewiss sein. „Spätestens, seit er ihnen beim Besuch im Freibad Belzig demonstriert hat, wie ein Köpper geht“, sagt Erzieherin Doris Heise, 58.

Baaske reckt entspannt die Schultern. „Der Job als Müllmann im Vorjahr war auf jeden Fall schwerer. Physisch wie mental.“ In den Jahren davor war er in einem Altersheim, einer Behindertenwerkstatt, schnitt Hecken, pflegte Grünanlagen der Burg Eisenhardt. Auf dem Bau half er mit, schleppte Pflastersteine für den Bau eines Kreisverkehrs. In einer Kita und einer Krippe war er ebenfalls schon. Der Hort sei eine logische Folge gewesen. Sie habe ihn wieder eingeholt, die Liebe zum ursprünglich ausgeübten Beruf, der Arbeit mit Kindern. „Manchmal meint man, dass einen der politische Alltag dafür blind macht. Ist aber nicht so“, sagt der Minister.

Hungrige Kinder

Also nur gute Laune im Praktikum? Kotzte denkt an die Szenen im Speiseraum, erinnert sich, dass Baaske sich mit den essenden Kindern unterhalten hat. Nicht jeder Magen wurde gefüllt. Hungrige Kinder – auch das ist Alltag. Das soziale Umfeld sei schwierig. „Obwohl meist beide Elternteile berufstätig sind, müssen viele mittels Sozialhilfe aufstocken. Wird es knapp in der Haushaltskasse, wird meist am Geld fürs Mittagsessen des Kindes gespart“, sagt die Hortleiterin. Die Ausgelassenheit ist aus ihrer Stimme gewichen. „Bleiben Reste übrig, verteilen wir sie.“ Was nicht immer klappt. „Das dürfte dem Minister nicht entgangen sein“, ist Kotzte überzeugt. Ihr Vorschlag: „Warum nicht das Kindergeld kürzen und im Gegenzug die Schulspeisung an alle kostenlos ausreichen?“ Auch diese Idee will sie noch mit dem Minister besprechen. Der möchte sich nicht mit leeren Händen verabschieden. 5000 Euro will er in seinem Haus lockermachen, damit zwei marode Spielgeräte ausgetauscht werden.