Technikgeschichte

Knatternde Ost-Nostalgie

In seinem Oldtimer-Museum in Alt Zeschdorf stellt Detlef Pasenau DDR-Mopeds aus. Liebhaber aus aller Welt kommen bei ihm vorbei

– Wenn Detlef Pasenau jemandem erklärt, wie er Kerze oder Schlauch an einem Simson-Moped oder einem Motorroller „Troll“ wechseln muss, ist er in seinem Element. Der 72-Jährige weiß auch aus dem Stegreif, wie man an einem der Zweirad-Oldtimer aus DDR-Zeiten den Vergaser säubert oder eine Schelle am Auspuff richtig platziert. Hat der KfZ-Meister doch bis 2006 selbst eine Zweiradwerkstatt in Frankfurt (Oder) betrieben. Mittlerweile im Ruhestand, macht Pasenau nun verstärkt „Ferndiagnosen“, wie er sagt. „Mich rufen viele Zweiradfans aus ganz Deutschland an, denn die alten DDR-Maschinen stehen noch heute stark im Kurs.“ Und so beschreibt er am Telefon geduldig jeden Arbeitsschritt, „bis der am anderen Ende es begriffen hat“.

Wer es anschaulicher mag, der schaut persönlich bei Pasenau vorbei. Denn der hat sich auf seinem Grundstück in Alt Zeschdorf vor den Toren Frankfurts einen Traum erfüllt: Die bisher in Garagen und Kellern untergebrachten und nur für Ausstellungen oder Messen ans Tageslicht geholten rund 60 Zwei- und Dreiräder bekamen ein eigenes Museum auf dem Lande. Was den 72-Jährigen besonders stolz macht: 54 seiner Sammlerstücke hat er so wieder hergerichtet, dass sie fahrbereit sind. So wie die legendäre „Schwalbe“, auf der in Pasenaus Museum eine als Gemeindeschwester Agnes verkleidete Puppe sitzt. Denn er reiht die Zwei- und Dreiräder nicht einfach lieblos aneinander, sondern hat Alltagssituationen inszeniert. So steht der Motorroller „Berlin“ mit Camping-Anhänger und Kindersitz auf einer grünen Wiese, daneben ein altes „Stern“-Radio und eine Angel. Denn so fuhr die ganze Familie früher in den Urlaub. Beim Motorroller „Pitty“ auf einer simulierten Kopfsteinpflasterstraße ist die Haube heruntergeklappt, ein Schlauch hängt heraus. Das Gefährt hat offenbar eine Panne. „In dieser Situation war jeder, der einst Zweirad fuhr, irgendwann mal. Ich will, dass die Leute nicht nur schauen, sondern mit mir fachsimpeln“, erzählt der 72-Jährige. Mitreden könne dabei fast jeder, schließlich sei ein Moped als Jugendweihe-Geschenk zu DDR-Zeiten nahezu obligatorisch gewesen.

Auch wenn das Suhler Simson-Werk schon vor Jahren die Produktion eingestellt hat und die Motorrroller in den Industriewerken Ludwigsfelde lediglich bis Mitte der 60er-Jahre hergestellt wurden, seien diese DDR-Mopeds noch heute beliebt, stünden nicht nur in der Garage. Rund 6,5 Millionen motorisierte Zweiräder sind nach Angaben des Kfz-Meisters im Ruhestand zu DDR Zeiten gebaut worden. „Die Hälfte davon fährt heute noch rum“, schätzt Pasenau. Die „alten Dinger“, wie Pasenau diese Oldtimer liebevoll nennt, würden einfach mehr Fahrspaß bieten als neue gesamtdeutsche Mopeds. „Mit den Simsons kannst du richtig schalten, die sind mit maximal 60 Stundenkilometern auch sportlich und schneller als jede Vespa“, schwärmt der Fachmann, der selbst mit seiner blauen S 51 gern zum Angeln oder in die Pilze fährt.

Hühnerschreck mit Hilfsmotor

Seine Sammelleidenschaft begann erst nach der Wende – und zwar mit dem „Hühnerschreck“. So nannte sich im Volksmund ein Fahrrad mit Hilfsmotor, mit dem zu DDR-Zeiten viele knatternd durch die Dörfer fuhren und lärmend das Federvieh aufscheuchten. „Den ramponierten, rostigen Hühnerschreck bekam ich 1986 von einem Kunden“, erinnert sich Pasenau. Er tüftelte so lange, bis er den Zweirad-Oldie wieder in Gang bekam. Als der Werkstatt-Chef damals durch Zufall auch noch eine SR 1 erwerben konnte, mit der 1954 in der DDR die Zweirad-Produktion begonnen hatte, packte ihn das Sammelfieber. „Quer durch die Republik bin ich gefahren, um längst vergessene und vergammelte Maschinen aus Ställen, Scheunen und von Schrottplätzen zu retten“, erzählt der gelernte Lokomotivschlosser. Einzige Bedingung vieler Besitzer: Pasenau sollte die Zweiräder nicht weiter verkaufen. Und daran hielt er sich. Im ehemaligen Pumpenhaus des alten Zeschdorfer Wasserwerkes – die Wände sind mit teilweise 100 Jahre alten KfZ-Werkzeugen dekoriert – gibt es neben dem „Hühnerschreck“ weitere Kuriositäten wie Fahrräder mit Hilfsmotoren zu bestaunen, aber auch Exemplare der AWO-Motorräder, von denen insgesamt nur 300.000 Stück gefertigt wurden. „Die Produktion schluckte zu viel Material – aus der gleichen Menge ließen sich immerhin gleich drei Simson-Mopeds fertigen.“, sagt der Sammler, der gern Besucher kostenlos durch sein Museum führt und sie dabei nicht nur mit Fachwissen, sondern mit Anekdoten aus seinem langjährigen Schrauber-Leben unterhält.

„Nicht nur die Mopeds sind Weltklasse, sondern auch Sie und Ihre Geschichten“, haben ihm Besucher ins Gästebuch geschrieben. Chromblitzende oder frisch lackierte Maschinen sucht man in seinem Museum jedoch vergeblich. „Das wäre nicht authentisch. Der Betrachter soll sehen, dass die Maschinen schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben“, sagt der ehemalige Frankfurter. Wer sich so ein robustes DDR-Zweirad aus zweiter Hand erst jetzt zugelegt hat, ist bei Pasenau ebenfalls an der richtigen Adresse. Bereitwillig zeigt er in sogenannten „Schrauber“-Lehrgängen, wie man seine Maschine in Schuss hält. Er selbst repariert allerdings keine Zweiräder mehr. „Was aus seinem Museum später wird, weiß der leidenschaftliche Schrauber nicht, und diese Aussicht stimmt ihn traurig. Seine beiden Kinder sind bereits gestorben, insofern gibt es momentan niemanden, der Grundstück und Zweiräder später übernehmen kann.