Schausteller

Die Raubtiere von Harnekop

Die reisenden Zirkusleute Muderack haben ihr Sommerquartier im märkischen Oderland

Lautes Gebrüll erklingt vom am Ortseingang von Harnekop. Während die Dorfbewohner nicht einmal mehr mit der Wimper zucken, stellen sich bei Ortsfremden die Nackenhaare auf. Denn die Laute klingen nach gefährlichen Raubtieren.

Tatsächlich aber liegen auf dem Gelände des alten Technikstützpunktes drei Löwinnen faul in der Sonne, spielen miteinander oder planschen in einer großen Zinkwanne. Von den Schaulustigen sind sie durch eine doppelte Reihe eiserne Gitter getrennt. Im Käfigwagen dahinter beobachten zwei Tiger interessiert das Treiben der anderen Tiere, mit denen zusammen sie normalerweise in europäischen Zirkus-Manegen auftreten. Was die imposanten Vierbeiner drauf haben, wollen ihre Besitzer Knut und Yvonne Muderack vom 14. Juli an immer sonntags um 11 Uhr in kleinen Vorführungen für Anwohner und Gäste zeigen. In einer alten Scheune haben sie eine überdachte Trainingsmanege aufgebaut.

Seit 20 Jahren sind die beiden Tierlehrer mit Raubkatzen unterwegs, um Kinder wie Erwachsene mit der Grazie ihrer Schützlinge zu begeistern. Auf ihr Geheiß hin balancieren die Tiger und Löwen auf Kommando über Balken, heben in Reih und Glied die Vordertatzen oder springen übereinander hinweg. Bei der Dressur unterscheiden sich die beiden Raubtierarten deutlich, sagt Knut Muderack. „Löwen sind Rudeltiere, reagieren eher wie Hunde“, erklärt der 50-Jährige. Die Gefahr für den Tierlehrer dabei: „Wenn einer angreift, tun es ihm alle gleich.“ Tiger hingegen hätten eher das Katzenhafte. „Die sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie sich von hinten anschleichen.“

Während der Sommerpause machen Muderacks mit ihren tierischen Schützlingen stets im Landkreis Märkisch-Oderland Station. „Hier ist unsere Heimat, hier kommen wir nach anstrengenden Tourneen quasi nach Hause“, sagt Yvonne Muderack. Die 42-Jährige stammt aus der zu DDR-Zeiten berühmten Zirkusfamilie Samel. „Ich bin quasi im Zirkus aufgewachsen, war immer auf Tour“, erzählt Yvonne Muderack, der das Leben auf Rädern nichts auszumachen scheint. Sie verdiente sich ihre ersten Sporen schon als Kind mit dem Voltigieren von Ponys.

Fünf Kilo Rindfleisch mit Knochen

Nach dem Fall der Mauer hatten die Samels zunächst versucht, den einst berühmten Zirkus Aeros wiederzubeleben. Doch der Erfolg blieb aus. Seitdem ist Familie Muderack als reisende Artistentruppe unterwegs, vorwiegend in Westeuropa. Gerade Raubtiere seien eine Attraktion, die das Publikum immer wieder faszinieren. „Das merken wir auch bei unseren eigenen Vorstellungen in der Sommerpause. Viele Zuschauer bleiben noch lange, löchern uns mit Fragen und beobachten die Tiere“, erzählt die Dompteurin. Das ein Hektar große Grundstück am Ortseingang von Harnekop haben die Zirkusleute gekauft. „Wir haben es gesehen und uns darin verliebt.“ Es bietet genug Platz für Wohnwagen und Tiergehege. „Wir waren schon lange auf der Suche nach etwas Eigenem, um in unserem eher unsteten Leben einen Platz zu haben, wo man hingehört“, erzählt die zweifache Mutter. Ungestört können sie hier mit den fünf Jahre alten Raubkatzen arbeiten. Zwei- bis dreimal in der Woche müsse auch in der Sommerpause trainiert werden, damit die Tiere nicht faul werden.

Dressur erfordere einen langen Atem, eine spielerisch aussehende Darbietung müsse wachsen, erklärt sie und beweist tatsächlich erstaunliche Geduld. „Mädels, ordentlich hinsetzen“, ermahnt sie, darauf achtend, dass die imposanten Raubtierdamen wieder korrekt auf ihren Podesten Platz nehmen. Dass Muderacks ihr Handwerk verstehen und die Raubtiere im Griff haben, merkt der aufmerksame Beobachter schnell. Die Raubkatzen wuchsen bei ihren Tierlehrern quasi mit der Nuckelflasche auf. Dass im Umgang mit den Tieren auch wirklich alles stimmt, kontrolliert außerdem das Veterinäramt des Märkischen Oderlandes. Die für ihre Strenge beim Tierschutz bekannte Behörde hat nichts zu beanstanden. Kein Wunder, nach Angaben von Yvonne Muderack haben die Tiere mit 100 Quadratmeter Außengelände doppelt so viel Platz, wie in entsprechenden Leitlinien vorgeschrieben ist.

Fünf Kilo Rindfleisch mit Knochen vertilgt jedes der weiblichen Raubtiere pro Tag. Tigermann Tonga, deutlich größer und fast 300 Kilogramm schwer, frisst sieben bis acht Kilogramm Fleisch täglich. Mit ihm macht Yvonne Muderack auch die atemberaubendste Nummer jeder Vorstellung. Sie nimmt ein Stück Fleisch in den Mund, Tonga stibitzt es ihr anschließend mit seinem riesigen Maul. Das Publikum hält in diesem Augenblick merklich den Atem an. „Ich muss nur auf meine Nase etwas aufpassen“, erzählt die 42-Jährige.

Das Zirkus-Geschäft ist hart geworden. „Es ist eine aussterbende Zunft und für uns immer schwieriger, Engagements zu bekommen“, sagt Yvonne Muderack. Ende August brechen Muderacks mit ihren Tieren auf in die nächste Saison. Noch etwa zehn Jahre, so schätzen sie, werden sie mit ihren Raubtieren arbeiten können. „Dann ist für uns endgültig Schluss. Noch einmal fangen wir nicht wieder an, Jungtiere zu trainieren“, meint Knut Muderack. Dabei zeigt die jüngere der beiden Töchter Ambitionen, in die Fußstapfen der Eltern treten zu wollen. „Sie macht gerade in Berlin Abitur und soll dann einen Beruf mit Zukunft ergreifen“, sagt Mutter Yvonne.

Vorführungen finden jeden Sonntag um 11 Uhr am Ortseingang von Harnekop in der Hauptstraße statt. Der Eintritt beträgt für Kinder drei, für Erwachsene vier Euro.