Ermittlungen

„Isolation, Fixierungen, militärischer Drill“

Einer der drei aus der Haasenburg geflohenen Jugendlichen ist wieder zurückgekehrt. Deren Anwalt erhebt weitere schwere Vorwürfe

Es ist der 3. November 2008 und dunkel. Die Erzieher im Heim am Waldrand beginnen die „Anti-Aggressionsmaßnahme“ mit der 17-jährigen Hanna. Der Name ist geändert. Laut Heim-Protokoll, das der Tageszeitung „taz“ zugespielt wurde, lief der Abend so ab:

19.30 Uhr: Verweigerung von Nahrung und Medikamenten. 20.05 Uhr: Wehrt sich. Kopf wird festgehalten. 20.07 Uhr: Wehrt sich weiter. Hanna werden beide Hände verbunden, da Sie an den Fingern pult. Kopf wird weiter festgehalten. 20.10 Uhr: Halsgurt wird gelöst, da sie sich aufreibt. Hanna fängt an, Kopf auf Unterlage zu hauen, summt lauter. 20.27 Uhr: Versucht Hand aus Fixierung zu lösen. Erzieher hält weiterhin Kopf fest. 20.39 Uhr: Hanna bewegt Kopf wieder heftiger hin und her. Erzieher hält Kopf wieder fest. 20.47 Uhr: Schlägt Kopf heftig auf Liege. Erzieher hält Kopf wieder fest. 21.25 Uhr: Stellt sich in die Mitte des Raumes, verschränkt ihre Arme. 21.28 Uhr: Gesprächsangebot. Ignoriert Angebot. 21.33 Uhr: Pult noch immer an ihren Fingern herum. Erzieher fordert sie auf, das zu unterlassen. 21.50Uhr: Erzieher verschränken ihr die Hände hinter dem Rücken. 21.54 Uhr: Wird fixiert. Klopft mit Fußspitze auf den Boden.

Erschütternde Protokolle

„Auslösende Situation“ soll gewesen sein: „Befolgte Anweisung nicht, ging selbstständig auf den Flur“. Dem Protokoll zufolge dauert die Prozedur bis ein Uhr nachts. Tausende von solchen für Außenstehende erschütternde Protokoll-Seiten aus den drei Einrichtungen der Haasenburg GmbH soll es geben. Dass die echt sind, bezweifelt die Heimleitung. Zumindest aus dem Zusammenhang sei es gerissen, heißt es. Die Mitarbeiter müssen in Konfliktsituationen allerdings tatsächlich alles notieren. So wie es die internen Regeln vorsehen.

Regeln gibt es viele in den Haasenburg-Heimen – für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für die Betreuer, die eine hohe Verantwortung tragen. Denn in den Heimen in Jessern, Neuendorf am See und Müncheberg landen die ganz harten Fälle. Kinder, denen die Pflegefamilie nicht den Halt geben und denen auch in der Psychiatrie nicht geholfen werden konnte. Jugendliche, die strafffällig wurden, sich prostituierten. Die sich ritzen. Die andere körperlich angreifen. Solche, bei denen Eltern und Behörden nicht mehr weiter wissen. Und die vielleicht auch mit sich selbst nicht weiter wissen. „Es sind nicht diejenigen, die bei Edeka um die Ecke geklaut haben“, sagt Arne Seidenstücker. Er ist der Verantwortliche für das „Qualitätsmanagement“ in der Haasenburg.

Nach den bundesweiten Schlagzeilen der vergangenen Tagen kaum vorstellbar, dass es dort so etwas wie ein Qualitätsmanagement gibt. Einstige Insassen erheben schwere Vorwürfe. Sie seien misshandelt, tagelang auf ihren Betten fixiert und wegen kleinster Verstöße drastisch bestraft worden. Es sei auch zu Knochenbrüchen gekommen. „Wir quälen keine Kinder“, sagt der Sprecher der Einrichtung, Hinrich Bernzen.

Die Methoden sind jedoch mittlerweile ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelte zunächst aufgrund der Anzeige eines 19-Jährigen und der Aussage einer jungen Frau. Mittlerweile gibt es auch zwei Strafanzeigen, die die Geschäftsführer der Beihilfe zum Mord und zu Folterungen bezichtigten. Derzeit laufen mehrere Ermittlungsverfahren. Am Donnerstag fuhren kurz vor 10 Uhr mehrere Polizeiautos in den drei Einrichtungen vor. 50 Beamte durchsuchten die Geschäfts- und Nebenräume. Sie nahmen Aktenordner und Dateien aus den Computern mit.

Inzwischen haben über ihren Anwalt Rudolf von Bracken auch die drei Jugendlichen, die in der Nacht zum Mittwoch über das Toilettenfenster aus dem Heim in Neuendorf am See geflüchtet waren, schwere Vorwürfe gegen die Betreuer erhoben. „Es gab eine Vielzahl von Gewalttaten, Fixierungen am Boden – und vor allem Demütigungen“, sagt der Hamburger Familienrechtler. Inzwischen ist einer der drei weggelaufenen Jungen zurückgekehrt. Wie eine Polizeisprecherin am Sonnabend sagte, ist der 15-Jährige aus dem Saarland seit Freitag wieder in der Einrichtung in Neuendorf im Landkreis Dahme-Spreewald.

In einem Bericht des RBB sprach ein früherer Haasenburg-Mitarbeiter von „Isolation, Fixierungen und militärischem Drill“. Die von Bildungsministerin Martina Münch (SPD) eingerichtete sechsköpfige Expertenkommission, Psychologen, Sozialpädagogen und Fachärzte, auch eine Richterin, hat ebenfalls Untersuchungen aufgenommen. „Wir sind keine Kriminalisten“, sagt der Leiter, Diplom-Psychologe Martin Hoffmann.

Willkür hat eigentlich keinen Platz in den strengen Leitlinien der Haasenburg. Die Regeln schreiben vor, dass die Erzieher nach einem Stufenplan vorgehen. Den kennen auch die Jugendlichen. Die Schritte reichen von „Wenn du die Hilfe der Erzieher annimmst, geht der Tag ganz normal für dich weiter“ bis hin zu „Du schlägst, du trittst, du machst etwas kaputt, du tust dir selber weh.“ Greift der Jugendliche den Erzieher an oder verletzt sich selbst, kann ein Betreuerteam ihn „körperlich begrenzen“. Also festhalten und in den Anti-Aggressionsraum führen. Früher stand dort eine Fixierliege, heute ist der Raum angeblich leer. Nach Aussage der Betreuer wird auch in dieser Situation immer Kontakt gehalten. Qualitätsmanager Arne Seidenstücker sagt, die Mitarbeiter kontrollierten sich gegenseitig. „Sobald eine Situation zu eskalieren droht, werden die Kollegen per Handy herbeigerufen.“ Bis Anfang 2009 durften Kinder bei Eigen- und Fremdgefährdung festgebunden werden, dann veränderte das Landesjugendamt die Betriebsgenehmigung. Es habe Fixierungen gegeben, bestätigt Haasenburg-Sprecher Bernzen. „Aber niemals über Tage.“

Jedes Fehlverhalten wird bestraft, jedes Wohlverhalten belohnt. Die pädagogische Leiterin Susanne Tscherpe sagt aber: „Das Prinzip der Haasenburg basiert nicht auf Sanktion, sondern auf positiver Verstärkung.“ Je besser sich einer einfügt, desto mehr Freiheiten bekommt er. Vor allem die Anfangsphase sehen Experten kritisch. Denn in dieser Zeit haben die Jugendlichen kaum Bewegungsfreiheit. 56 der 114 Plätze stehen für die geschlossene Unterbringung zur Verfügung. Dafür müssen die Kinder von einem Richter eingewiesen werden. Anfangs können sie sich nicht frei auf dem Gelände bewegen. Sie werden auf den Besuch einer Schule in der Umgebung vorbereitet. In dieser Phase hat jedes Kind und jeder Jugendliche einen eigenen Betreuer. „Sie sollen eine Beziehung aufbauen“, sagt Tscherpe.

Politischer Druck wächst

Anzeigen gegen die Haasenburg hatte es schon früher gegeben. Die Staatsanwaltschaft sah nie einen Anhaltspunkt für eine Straftat. Auch nicht, nachdem zwei Jugendliche starben. Nun rollt die Brandenburger Regierung die damaligen Untersuchungen wieder auf. Im Juni 2005 erhängte sich eine 15-Jährige an einer Schranktür in Neuendorf, im Mai 2008 starb in Jessern eine 16-jährige nach einem Sturz aus dem Dachgeschoss.

Ob die Haasenburg geschlossen wird, hängt von den Untersuchungen ab. Allerdings wächst auch der politische Druck. Bildungsministerin Münch will nun prüfen, ob „solche Heime im äußersten Fall notwendig sind“. Grundsätzlich verbieten könne das Land sie nicht. Münch fordert gesetzliche Veränderungen. Für die Jugendhilfe-Einrichtungen mit freiheitsentziehenden Maßnahmen gebe es anders als bei der Psychiatrie keine klaren rechtlichen Regelungen. Doch auch ein mögliches Versagen der Aufsichtsbehörden wird geprüft. Wie sich jetzt herausstellte, hat seit 2008 nur eine einzige unangemeldete Kontrolle des Landesjugendamtes in der Haasenburg stattgefunden.