Lebensformen

Eine Försterei, vier Generationen

Es ist ein Wohnprojekt der besonderen Art: In Kolpin leben Familien, Demenzkranke und verhaltensauffällige Jugendliche zusammen

Ingeborg Anders sitzt vor ihrer Wohnung und blinzelt in die Sonne. „Ich lebe gern hier, mitten im Grünen und trotzdem nicht einsam“, sagt die alleinstehende Rentnerin. In ihrer Nachbarschaft sei immer etwas los, ohne dass man sich gegenseitig störe, so die 73 Jahre alte Dorfbewohnerin. Was die Seniorin so beiläufig erwähnt, ist ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt, wie es gerade im ländlichen Raum alles andere als alltäglich ist. Wohl auch deshalb hat Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) das Projekt „Alte Försterei Kolpin“ kürzlich ausgezeichnet.

Auf dem acht Hektar großen Gelände in dem Dorf bei Storkow (Oder-Spree) gibt es neben den vier Seniorenwohnungen, wie sie Frau Anders bewohnt, zwei Wohngemeinschaften für Demenzkranke mit jeweils acht Plätzen, zwei Wohnungen, in denen junge Familien leben, ein Gästehaus für Jugendgruppen sowie ein Jugendwohnprojekt für Mädchen und Jungen aus Problemfamilien.

Villa und Luftschutz-Bunker

Hohe alte Bäume erinnern an einen forstbotanischen Garten, den es hier einst gab, das Gelände wirkt gepflegt – eine ruhige und beschauliche Welt. Seit 2008 hatte das einst von der Forstverwaltung bebaute und bewirtschaftete Areal leer gestanden. Die Villa des früheren Oberförsters sowie einige Wirtschaftsgebäude stammen noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In den 70er-Jahren hatte schließlich die DDR-Wasserwirtschaft hier ihren Sitz, das Gelände wurde aber auch für Übungen zur sogenannten Zivilverteidigung genutzt. Weitere Gebäude entstanden damals, unter einem zweistöckigen Mehrzweckbau, den früheren Unterkünften für Schulungsgäste, gibt es sogar einen Luftschutz-Bunker.

Nach der Wende hatte die Justizakademie Brandenburgs hier ihren Sitz. Als auch die fortzog, wurde das Gelände zum Verkauf ausgeschrieben. Diese Gelegenheit kam Benno Stephan aus dem Nachbarort Rauen gerade recht. „Ich war als Elektrohandwerksmeister ständig auf Achse und wollte endlich sesshaft werden“, erinnert sich der 55-Jährige, der mit seiner Frau Dorit begann, ein Konzept für die alte Försterei zu entwickeln. „Das bot die Gelegenheit, unsere Familie wieder näher zueinander zu bringen“, sagt die 53 Jahre alte Physiotherapeutin. Sohn Bob (32) kam zwar nicht wieder zurück aus Berlin, unterstützte das Projekt aber finanziell und planerisch.

Sein Bruder Bastian, gelernter Tischler, hingegen bezog mit seiner Freundin die erste Wohnung gleich im Eingangsbereich. Im April 2009 kaufte Familie Stephan die alte Försterei, ohne zu ahnen, welche Hürden sich vor ihnen noch auftun würden. „Wir dachten erst, wir finden einen freien Träger, der den Komplex wieder für Schulungen nutzt“, erinnert sich Dorit Stephan an die Anfänge. Zahlreiche Interessenten hätten die alte Försterei besichtigt, doch keiner blieb. Also begann die Familie, die Gebäude Schritt für Schritt zu sanieren, um sie wieder zu vermieten.

Ingeborg Anders, die das Areal noch aus ihrer Arbeitszeit bei der Forstverwaltung kennt, kehrte als einer der ersten Mieter zurück. „Es sah zunächst schlimm aus nach dem zeitweisen Leerstand“, erinnert sich die 73-Jährige. Allein die Oberförster-Villa hat 400 Quadratmeter Wohnfläche. „Zu groß für beispielsweise nur eine Familie“, sagt Benno Stephan. So entstand die Idee einer Wohngemeinschaft. Der Handwerksmeister erkundigte sich bei Pflegediensten und Reha-Kliniken – und hörte immer wieder vom großen Bedarf an Unterbringungen für Demenzkranke.

„Die ersten neuen Bewohner kamen im Februar 2010.“ Und weil das Angebot ankam, entstand in diesem Jahr eine zweite, ebenerdige und damit behindertengerechte Demenz-Wohngemeinschaft im Anbau des früheren Kinosaals. Um allerdings nicht „zu alterslastig“ zu werden, verhandelte Familie Stephan mit Trägern der Jugendarbeit für einen auf einem Hügel gelegenen DDR-Mehrzweckbau. Auch ein Kindergarten wäre passend gewesen, doch gibt es in der Gegend genügend Kita-Plätze. Die Kinder- und Jugendhilfe GmbH Juko zog schließlich mit ihrem Wohnprojekt für verhaltensauffällige Mädchen und Jungen ein. Sofort ging im Ort die Angst um, kriminelle Jugendliche könnten für Unruhe sorgen. Doch nichts dergleichen geschah. „Zwei der Jugendlichen wollen sogar in die Ortsfeuerwehr von Kolpin eintreten“, sagt Stephan stolz.

Gerade sind Bewohner und Betreuer dabei, das Außengelände mit Beeten und Blumenrabatten zu gestalten. Im Winter halfen sie bereits beim Schneeschieben. Bei ihren Nachbarn in der alten Försterei haben sie sich bei einem Tag der offenen Tür vorgestellt. „Da hatten wir eine große Kaffeetafel unter freiem Himmel. Dazu Musik – es war sehr nett“, sagt Mieterin Anders. Mehr aber habe sie von den „jungen Leuten“ noch nicht mitbekommen. Ziel des Wohnprojekts ist laut Familie Stephan das generationsübergreifende Zusammenleben.

Das gemeinsame Wohnen klappt problemlos. Ein tatsächliches Zusammenleben ist es nach Einschätzung von Familie Stephan allerdings noch nicht. „Wir wollen einen Verein gründen, mit Vertretern aller Mietparteien, um die Leute besser zusammenzubringen und Ideen zu entwickeln“, sagt Dorit Stephan. Zudem soll der alte Kinosaal als Treffpunkt für alle Mieter der alten Försterei und auch als Veranstaltungsort für die Gemeinde Kolpin saniert werden. Denn gerade die älteren Bewohner des Dorfes hätten keinerlei Berührungsängste, kamen bereits zu Kaffee und Kuchen mit den Demenzkranken.

650.000 Euro investiert

„Verloren gehen kann hier keiner“, ist Frau Stephan sicher. Aufmerksame Kolpiner hätten sie schon mehrfach angerufen, wenn einer der Patienten scheinbar unbeaufsichtigt unterwegs war. „Nun müssen wir schauen, wie wir die Umgestaltung des letzten unsanierten Gebäudes auf dem Gelände finanziell gestemmt bekommen“, sagt Benno Stephan, dessen Angaben nach bisher rund 650.000 Euro inklusive Fördermitteln in die Umgestaltung geflossen sind.

Dabei hätte er anfangs beinahe das Handtuch geworfen. „Unsere Anträge wurden als nicht förderfähig abgelehnt, keine Bank wollte uns mitten in der Wirtschaftskrise einen Kredit geben, vom Landkreis Oder-Spree gab es überhaupt keine Unterstützung“, sagt er. Einen langen Atem hätte die Familie gebraucht. „Jetzt, da es an die Ausgestaltung des Projekts geht und alle Mieter sich sichtbar wohlfühlen, macht es endlich wieder Spaß.“

Informationen unter www.alte-försterei-kolpin.de