Personalien

Steinmeier: „Mein Platz ist und bleibt in der Bundespolitik“

SPD-Politiker dementiert Platzeck-Nachfolge. Sorge um den Ministerpräsidenten wächst

Eine junge Frau packt ihren Begleiter am Arm. „Ich glaube, da müssen wir mal hin.“ Die Potsdamer staunen nicht schlecht, als Frank-Walter Steinmeier an diesem Sonnabend Vormittag über den kleinen, aber feinen Wochenmarkt am Nauener Tor schlendert. Nein, ihn treiben nicht etwa Ambitionen hierher, Brandenburger Ministerpräsident zu werden. Auch wenn der frühere Bundesaußenminister und heutige SPD-Fraktionschef im Bundestag seit Tagen als möglicher Nachfolger von Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) gehandelt wird. Der 59-jährige Platzeck hatte vor anderthalb Wochen einen leichten Schlaganfall erlitten und will erst nach Konsultation seiner Ärzte nach dem Sommerurlaub entscheiden, ob er sein Amt weiter ausüben wird.

„Spekulationen unsinnig“

Frank-Walter Steinmeier, Spitzenkandidat der Brandenburger SPD für die Bundestagswahl im Herbst, ist auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Andrea Wicklein in Potsdam. Der Termin steht schon seit sechs Wochen fest. Sie will ihm einen ihrer Lieblingsplätze zeigen. Nicht nur privat. Der Wochenmarkt am Nauener Tor ist ein beliebter Wahlkampf-Platz. Wer hier am Wochenende einkauft, hat meist gute Laune und bringt ein wenig Zeit mit. Steinmeiers eigener Wahlkreis liegt in Brandenburg an der Havel. SPD-Landeschef Matthias Platzeck hatte ihm den Wahlkreis vermittelt, als Steinmeier erstmals für den Bundestag kandidieren wollte.

Keine drei Minuten dauert es, bis Steinmeier auf eine mögliche Platzeck-Nachfolge angesprochen wird. Und keine drei Sekunden, bis er unmissverständlich deutlich macht, dass „diese Spekulationen völlig unsinnig sind“. Er sagt: „Mein Platz ist und bleibt in der Bundespolitik – vor dem 22. September und nach dem 22. September.“ Angesprochen wird er nicht etwa von einem Marktbesucher. Es sind die Journalisten, die schon auf ihn gewartet haben. Ob er dann auch SPD-Fraktionschef bleibt, will ein Journalist wissen. „Ich mache nie Pläne“, antwortet Steinmeier. „So wird es auch in Zukunft sein.“ Durchaus zum Reden aufgelegt, schickt er hinterher: „Wer eine Position unbedingt erreichen will, scheitert meist daran.“

Andrea Wicklein drückt Steinmeier eine der beiden Tüten mit den gerade gekauften, frischen Brötchen in die Hand. „Wir müssen weiter.“ So richtig traut sich keiner an Steinmeier ran. Nur Herr W. Er war einer der ersten an den Bierzelt-Tischen, die am Rande des Wochenmarkts für einen späteren „Bürger-Brunch“ mit den beiden SPD-Bundespolitikern aufgestellt wurden. Ein älterer Herr, der „Frau Wicklein und die SPD liebt“ und beide ganz offensichtlich verehrt. Er überreicht Steinmeier einen Brief, handschriftlich an ihn persönlich adressiert. „Der Herr will in die SPD eintreten“, sagt Andrea Wicklein.

Dann geht es zum Spezialitätenstand aus Tirol. Steinmeier probiert den Bergkäse und lässt sich ein Stück einpacken. Dazu Hirschsalami. Mittlerweile scheint er sich wohler zu fühlen. „Ich war immer gern ein Marktgänger“, sagt er, „in den vergangenen acht Jahren kam ich aber so gut wie nie dazu.“ Es mache aber doch „mehr Spaß als beim Discounter in die Regale zu greifen“. Am Obststand kauft er Kirschen und darf in einen Pfirsich beißen. Eine Dreiviertelstunde dauert es, bis Steinmeier und Wicklein bei den letzten Ständen angekommen sind, sie haben vielleicht 200 Meter zurückgelegt. Die Bürger wollten erstaunlich wenig von ihnen wissen, vor der Bundestagswahl liegt für sie noch ein langer Sommer. Nicht einmal nach der Nachfolge von Matthias Platzeck fragen sie. Andrea Wicklein, die Landesgruppenchefin im Bundestag, findet die Nachfolge-Debatte ohnehin „völlig daneben“. Sie geht davon aus, dass Platzeck weitermacht. Es sei „brutal, wenn nicht gar unmenschlich“, sofort über die Nachfolge zu diskutieren, sobald ein Politiker krank werde. Sie hoffe, dass der Ministerpräsident sich wieder ganz erhole. „Man muss ihm jetzt einfach die Zeit geben, wieder fit zu werden.“ Frank-Walter Steinmeier hört sich da weniger optimistisch an. Er sagt: „Herr Platzeck ist ein besonnener Mensch, der verantwortungsvoll entscheidet – auch gegenüber der eigenen Gesundheit.“ Er müsse das abwägen und sich notfalls gegen den Job entscheiden.

In Potsdam wächst durchaus die Sorge, dass Platzeck nach dem dreiwöchigen Sommerurlaub, den er Ende der kommenden Woche antritt, nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt. Möglicherweise legt er noch in diesem Jahr alle Ämter nieder. Platzeck ist auch BER-Aufsichtsratschef. Er habe bei dem Schlaganfall noch Glück gehabt, heißt es. Mache er in dem aufreibenden Politikergeschäft weiter, drohten ihm weitere Schlaganfälle. Er habe in der Woche mehrfach mit seinem Freund Platzeck telefoniert, sagt Steinmeier. „Heute Abend wollen wir uns in Potsdam treffen.“ Womöglich wird Steinmeier dann mehr erfahren. Wie ernst es um Matthias Platzeck, seine Gesundheit und seine politische Zukunft wirklich steht.

Auch Innenminister Dietmar Woidke (SPD) will nichts von angeblichen Nachfolgevorbereitungen wissen. Er ist an diesem Sonnabend gar nicht in Brandenburg, sondern auf Familienbesuch in Essen. Woidke gilt als aussichtsreichster Anwärter für das Amt, sollte Platzeck abgeben müssen. „Ich hoffe sehr, dass sein Gesundheitszustand wieder so stabil ist, dass er für die Landtagswahlen 2014 zur Verfügung steht“, sagt Woidke auf Nachfrage. „Es ist aber seine Entscheidung, wir drücken ihm alle die Daumen.“