Unglück

Trauer um den ältesten Sohn

Der 14-jährige David erleidet einen tödlichen Stromschlag, nachdem er in Lübbenau auf einen Kesselwagen geklettert ist

Es sollte ein schöner Familientag werden, Tino Marquard war schon am Morgen mit seiner Frau und den drei Söhnen in den Kleingarten in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) gefahren, den sie seit einem Jahr haben. Während er und seine Frau im Garten arbeiteten, spielten die Kinder. Gegen Mittag zogen die beiden älteren Jungs gemeinsam los. Sie wollten etwas durch die Gegend streifen, wie sie es schon so oft getan hatten. Tino Marquard, 51, ermahnte die beiden Jungen noch, vorsichtig zu sein und sich von den Gleisen fernzuhalten, wie er es ebenfalls schon so oft getan hatte. Eine Stunde später war nichts mehr, wie es einmal war. Der älteste Sohn tot, das Familienglück zerbrochen.

Einen Tag nach dem tragischen Unfall des 14-jährigen David, der auf einen Kesselwagen geklettert und durch einen Stromschlag der Oberleitung getötet worden war, ringt die Familie sichtlich um Fassung. „Vielleicht werden jetzt ja noch mehr Warnschilder aufgestellt, wie gefährlich das Spielen auf Gleisen ist“, sagt Tino Marquard. Er versucht, sachlich zu bleiben, weil alles andere ohnehin nicht in Worte zu fassen ist. Der Familienvater bemüht sich, die Kontrolle über sich zu bewahren und jetzt für seine Frau und Kinder da zu sein, vor allem für den zehnjährigen Mark, der mitansehen musste, wie sein Bruder starb. Seit Sonntag spricht Mark kaum mehr.

Gegen 13 Uhr waren die beiden Brüder am Sonntagmittag losgezogen. Hinter der Gartenanlage, in der der Schrebergarten der Familie liegt, führen direkt die Gleise entlang. Einen Zaun gibt es nicht. David und Mark liefen nur wenige Minuten und begaben sich dann in den Gleisbereich, vermutlich, um dort zu spielen. Auf einem Nebengleis der Hauptbahnstrecke nahe der Kraftwerkstraße stand bereits seit einer Woche ein Zug mit 30 Kesselwagen. David kletterte hinauf, sein kleiner Bruder wartete unten. Ob David die Oberleitung überhaupt berührte, ist nicht klar. „Wenn man zu nah an die Leitung kommt, gibt es einen Lichtbogen“, sagte ein Polizeisprecher am Montag. „Der verursacht den Stromschlag.“ David verbrannte.

Vater konnte nichts mehr tun

Der zehnjährige Bruder rannte zurück zum Garten, holte den Vater, der nichts mehr für seinen ältesten Sohn tun konnte. Kurz darauf waren schon viele Menschen am Unglücksort. Anwohner, Polizisten, Feuerwehrleute, ein Notarzt. Wenn ein Mensch eines unnatürlichen Todes stirbt, werden von Behördenseite immer eine ganze Reihe von Formalitäten in Gang gesetzt, auch wenn längst klar ist, was passiert ist. Der Notarzt bestätigte den Tod des 14-jährigen David. Landespolizisten und Bundespolizisten besprachen sich miteinander und leiteten ein sogenanntes Todesursachenermittlungsverfahren ein. Kriminaltechniker untersuchten den Unfallort. Und irgendwo am Rande stand Tino Marquard und wurde von einem Notfallseelsorger betreut.

Immer wieder verunglücken Kinder- und Jugendliche, die auf Gleisen spielen. Zahlen werden dazu nicht erhoben, die Bundespolizei erfasst nur sämtliche „Bahnbetriebsunfälle“, wozu unter anderm auch Suizide gehören. Zuletzt war im Mai ein neun Jahre alter Junge in Berlin-Prenzlauer Berg lebensgefährlich verletzt worden, nachdem er beim Spielen auf einem Betriebsgelände an der Greifswalder Straße auf einen Kesselwagen geklettert und einen Stromschlag erlitten hatte. Mit einem Rettungshubschrauber war er ins Unfallkrankenhaus Marzahn geflogen worden. Er liegt dort noch immer auf der Intensivstation.

Die meisten solcher Unfälle werden als tragische Unglücksfälle abgehandelt, in denen die Unerfahrenheit oder der Leichtsinn der Kinder und Jugendlichen eine Rolle gespielt hat. Ein Schuldiger wird in der Regel nicht gefunden. Die Bahn sagt, dass es unmöglich sei, die bundesweit 34.000 Kilometer Gleise so einzuzäunen, dass sie nicht betreten werden können.

Sowohl Bahn als auch Bundespolizei warnen deshalb immer wieder davor, sich in die Nähe des Oberleitungsnetzes zu begeben, das unter einer Spannung von 15.000 Volt steht. Auch im Fall von Lübbenau waren neben den Treppen des Kesselwagens deutliche Warnzeichen angebracht. Und auch Tino Marquard will seine Söhne immer wieder darauf hingewiesen und davor gewarnt haben, wie gefährlich das Spielen auf den Gleisen ist. Dass er die 14 und zehn Jahre alten Jungs an einem Sonntagmittag in einer Kleingartenanlage für kurze Zeit unbeaufsichtigt ließ, wird ihm kaum angelastet werden können.

Am Tag nach dem Unglück haben Kinder Briefe und Karten an den Gleisen niedergelegt, auf denen geschrieben steht, dass sie David vermissen. Der Sport sei seinem Sohn das Wichtigste gewesen, sagt Tino Marquard. „Er hat Fußball gespielt, ist geschwommen und Fahrrad gefahren.“ Und er sei ein Fan des FC Bayern München gewesen. Nach den Sommerferien wäre David in die neunte Klasse gekommen.