Tiere

Arche Noah für Hochwasser-Opfer

Pferde und Kühe aus Sachsen-Anhalt sind auf Höfen in Brandenburg untergekommen

Die „Big-DD-Ranch“ im havelländischen Rathenow liegt im ländlichen Ortsteil Steckelsdorf auf einem sanften Hügel. „Wir sind so etwas wie die Arche Noah“, sagt Martina Deichsel. „Zu uns kommt kein Wasser.“ Als sie vor zwei Wochen der Anruf eines Reiterhofs in Sachsen-Anhalt erreichte, zögerten sie und ihr Mann keine Sekunde. „Es war klar, dass wir helfen und die Tiere noch am selben Tag aufnehmen“, sagt Martina Deichsel. Zu dem Zeitpunkt war nicht absehbar, ob nach dem Deichbruch bei Fischbeck im nur wenige Kilometer entfernten Sachsen-Anhalt auch das Havelland überflutet wird. Martina Deichsel und ihr Mann fuhren noch am späten Nachmittag los. Ehe alle 40 Pferde aus dem Kreis Stendal abgeholt und in Sicherheit waren, war es Mitternacht geworden. „Wir mussten jedes einzelne Pferd von der Koppel holen und in die Transporter schaffen“, berichtet Martina Deichsel. „Das war der pure Stress – für die Pferde und für uns.“

Doppelt so viel Arbeit

Wann die Pferde aus dem brandenburgischen Asyl zu ihren Besitzern zurückkehren können, ist ungewiss. Der Pegel der Elbe ist gesunken, jetzt muss in den Hochwassergebieten erst einmal aufgeräumt werden. Für die Deichsels und ihre fünf Mitarbeiter bedeutet das doppelt so viel Arbeit. Sonst leben auf der Ranch 55 Pferde, also nur fast halb so viele. Untergebracht sind die „Hochwasser-Flüchtlinge“ im „Notlager“. Der Weg dorthin führt über das weitläufige Gelände. Jeweils zu dritt oder zu viert teilen die Tiere sich eine Box in dem Gebäude, in dem sonst das Heu lagert. Normalerweise kostet eine Nacht mit Verpflegung für ein Pferd auf dem Reiterhof zehn Euro. „Wir nehmen natürlich nichts, wir wollen die Notlage doch nicht ausnutzen“, sagt Martina Deichsel. Auf Facebook aber hat sich das Engagement der Ranch-Betreiber „rumgesprochen“. Die Leute spenden Heu. Aber auch Bares. „Das Geld werden wir einer Familie in Sachsen-Anhalt als Starthilfe nach dem Hochwasser zukommen lassen“, kündigt Martina Deichsel an. Die Trainingskurse auf der Ranch fallen derzeit aus. „Wir schaffen das nicht“, sagt sie. Um 6 Uhr morgens geht es los, um 22 Uhr fallen die Deichsels ins Bett. Trotz der vielen freiwilligen Helfer.

Auch Hunderte von Kühen aus den Hochwassergebieten haben in Brandenburg Unterschlupf gefunden. Bei der Agrargenossenschaft Fiener Bruch in Rosenau (Potsdam-Mittelmark) stehen seit der Nacht zum 11. Juni 48 Milchkühe aus Sachsen-Anhalt im Stall. Zu normalen Zeiten ist der Stall eine Vorratshalle. Auch hier musste es schnell gehen. Reinhard Schlieper, Vorstandschef der Genossenschaft, sagt: „Die Kühe kamen hier mit prallvollem Euter an. Es war allerhöchste Zeit, dass sie gemolken wurden.“ Sie waren im Stall vom Hochwasser überrascht worden und mussten durch das Wasser geführt werden. „Sie sind alle gesund“, sagt Schlieper. „Nur eine Milchkuh erlitt beim Transport eine kleine Verletzung.“ Der Stress sei ihnen nicht anzumerken. Die Gasttiere stammen aus einem großen Betrieb mit 400 Kühen. Die Agrargenossenschaft in Rosenau hat 600 Milchkühe. „Wir haben sie gerne aufgenommen“, sagt Schlieper. „Es ist selbstverständlich, dass wir uns untereinander helfen.“ Mit der Unterkunft, Verpflegung und mehrmaligem Melken am Tag ist es aber nicht getan. „Das Rind ist das wohl meistkontrollierte Tier in Deutschland“, sagt Reinhard Schlieper. Rinder dürfen ohne offizielle Ummeldung nicht einmal die Landkreisgrenzen überschreiten. „Deshalb fragte ich mich dann doch: Ach, du Schande, worauf lässt du dich da ein?“

Im Katastrophenfall gelten aber dann doch andere Regeln, zumindest teilweise. Der hiesige Amtstierarzt fragte beim Kollegen in Stendal nach, ob die Milchkühe gesund sind. Das musste erst mal reichen. Mittlerweile hat sich der Zoll bei Schlieper gemeldet. Denn jeder Betrieb darf bei der Molkerei nur eine ihm zugewiesene Milchmenge abgeben. Diese wird durch die Gäste nun überschritten. „Wir müssen jetzt ganz genau abrechnen, welche Milch von welchen Kühen stammt“, sagt Schlieper. Auf die Frage, ob die Unterbringung kostenlos ist, antwortet er: „Wir werden keinen Profit daraus schlagen.“ Wie lange die Kühe noch bleiben, stehe noch nicht fest. „Der Betrieb im Kreis Stendal hat Anfang der Woche angerufen. Er hat immer noch keinen Strom.“

Hühner des Bürgermeisters gerettet

Allein in Sachsen-Anhalt haben Landwirte, Bundeswehrsoldaten und andere rund 10.000 Rinder und 1000 Schweine vor dem Hochwassertod gerettet. Auch Hühner. So entdeckten die Wasserretter des Roten Kreuzes während des Hochwassers Hühner, die auf Holzstücken über das Wasser trieben. „Es waren nur ein paar, sie sahen aus wie Schiffbrüchige, die sich am Treibholz festhalten“, sagt Gregor Goldenbogen, Leiter der DRK-Wasserwacht Müllrose (Oder-Spree). „Wir haben sie eingesammelt und mit unseren Müsliriegeln gefüttert. Die waren ganz schön ausgehungert.“ Es handelte sich um die Hühner des Fischbecker Bürgermeisters. Nachbarn, bei denen das Wasser nicht so hoch stand, nahmen sich ihrer an.