Hochwasserschäden

Die Kähne legen wieder ab

Fast eine Woche lang konnten die Boote im Spreewald wegen des Hochwassers nicht fahren. Jetzt wartet die Region auf Touristen

Es ist zehn Uhr vormittags und der große Kahnfährhafen von Lübbenau sieht aus wie beinahe leergefegt. Obwohl die Sonne scheint, obwohl Freitag ist. Die Kähne liegen abgedeckt im Wasser, nicht ein Fährmann ist zu sehen. Wo sonst die Touristen Schlange stehen, hat die Kahnfährgenossenschaft eine Tafel platziert. Handgeschrieben ist zu lesen: „Sperrung der kompletten Schifffahrt im Spreewald – Landesamt für Bauen, Wohnen und Verkehr“. Seit etwa einer Woche ist der Kahnverkehr im beliebten Spreewald lahmgelegt – wegen der großen Fließgeschwindigkeit des Wassers und des gestiegenen Pegels der Spree und ihrer Zuflüsse. Das sorgt für heftigen Unmut. „Es ist unverhältnismäßig, den Spreewald komplett zu sperren“, sagt der Chef der Fährgenossenschaft, Steffen Franke. Er ist auch der Sprecher der 300 Lübbenauer Kahnfährleute. „Das Wasser hier bei uns ist total ruhig, das sieht man doch.“ Tatsächlich kräuselt sich die Spree im Hafen nur ganz leicht.

Unmut ist groß

Steffen Franke ist nicht mehr ganz so aufgebracht wie noch vor einigen Tagen. In anderthalb Stunden sind er und andere Kahnfährvertreter zu einer Besprechung im Landratsamt in Lübben geladen. Dabei sein werden die drei Spreewald-Landräte, Vertreter des Landesumweltamtes sowie des Landesamtes für Bauen und Verkehr. Franke rechnet damit, dass dabei ein Kompromiss gefunden wird. Gegen 13 Uhr steht fest: Es dürfen wieder Kähne fahren. Die Behörden geben ab sofort einzelne Routen in Burg, Lübbenau, Lübben und Schlepzig frei. Allerdings gilt die Genehmigung nicht für den gesamten Spreewald – und auch nur für die Personenkähne, die gewerbsmäßig betrieben werden. Paddeln bleibt wegen der starken Strömung und des teilweise noch hohen Wasserpegels verboten. Sportboote dürfen also nicht ins Wasser gelassen werden. Für die sogenannten Insulaner gilt eine Ausnahmeregelung. Auch Landwirte dürfen aus Härtefallgründen wieder mit ihren Booten aufs Wasser. „Zu rechtfertigen ist dies damit, dass jetzt weniger Wasser durch die Talsperre Spremberg Richtung Spreewald fließt – etwa 70 Kubikmeter pro Sekunde“, sagt der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude.

Doch die Entscheidung fiel nicht ohne politische Erwägungen: Denn der Unmut der etwa 600 Kahnfährleute und anderer Tourismusanbieter im Spreewald war von Tag zu Tag größer geworden. Sie fürchteten hohe Einkommensausfälle. „Wir hätten die Zwei- und die Drei-Stunden-Touren problemlos fahren können“, zeigt sich Fährmann Bernhard Filko überzeugt. Er ist sich sicher: „Für Lübbenau war die Sperrung eine eklatante Fehlentscheidung.“ Landesumweltamtschef Freude weist das zurück. „Es wäre kreuzgefährlich gewesen, die Kähne überall fahren zu lassen.“ Hinter den Kulissen waren sich aber auch die zuständigen politischen Akteure alles andere als einig. Der Landrat von Dahme-Spreewald, Stephan Loge (SPD), hatte angesichts des unruhigen Wassers als erster auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Die Feuerwehrleute hätten Alarm geschlagen, berichtet Loge. Es sei unverantwortlich, die Fährleute mit ihren Kähnen und die Paddler weiter unterwegs sein zu lassen. Seine Landratskollegen Harald Altekrüger (CDU, Spree-Neiße) und Siegurd Heinze (parteilos, Oberspreewald-Lausitz) drängten schließlich darauf, den Spreewald zumindest in Teilen freizugeben. Nach Informationen der Berliner Morgenpost warb auch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) für eine Kompromisslösung.

Denn jährlich kommen bis zu drei Millionen Besucher in die beliebte Region. Im Spreewald-Tourismus arbeiten schätzungsweise mehr als 8000 Menschen. Viele Besucher haben ihre Buchungen aus Furcht vor dem Hochwasser im Spreewald bis in den Herbst hinein storniert. Der Leiter der Jugendherberge Lübben, Siegfried Gunkel, hat Verständnis für die Entscheidung der Behörden, den Wasserverkehr zu untersagen. „Seit voriger Woche sind bei uns in der Jugendherberge 800 Übernachtungen ausgefallen“, sagt Gunkel. Nur die 6. Klasse der Grundschule Am Botanischen Garten in Frankfurt an der Oder hat sich ins „Hochwassergebiet“ getraut. Klassenlehrerin Anja Bartz sagt: „Die Eltern waren dafür, dass wir die lange geplante Abschlussfahrt machen.“ Die vor der Jugendherberge aufgeschichteten Sandsäcke sind am Ende trocken geblieben. Es sei sehr schön gewesen, sagen Benjamin, Tom und Andy zum Abschied. Auch wenn die 20 Kinder die einzigen Gäste in der Jugendherberge waren. Gestört hat das nur beim Discoabend.

Wittenberger kehren zurück

In der Prignitz hat sich die Hochwasserlage weiter stabilisiert. Am Vormittag gab Landrat Hans Lange (CDU) bekannt: Die Bewohner von Wittenberge dürfen in ihre Häuser zurückkehren. In Wittenberge war Bahnchef Rüdiger Grube zu Besuch. Er sprach von mehreren hundert Millionen Euro Schaden für sein Unternehmen. Dem RBB-Sender „Antenne Brandenburg“ sagte Grube, durch das Hochwasser seien 1000 Züge ausgefallen, auf den Strecken kam es zu 13.000 Behinderungen.