Naturschutz

Seeadler statt Bomben

Auf dem ehemaligen Abwurfplatz fühlen sich seltene Tier wohl. Doch das Areal bleibt gefährlich

Ruhe und Weite – auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Bombodrom Wittstock in Nordbrandenburg gibt es davon mehr als genug. 85 Kilometer entfernt von der Metropole Berlin wird eine Heidelandschaft gepflegt, wie es kaum etwas Vergleichbares in Europa gibt. Die Heinz-Sielmann-Stiftung kümmert sich seit Herbst 2012 um rund 4000 Hektar des insgesamt 12.000 Hektar großen, einstigen Schießplatzes des Militärs. Die Bundeswehr wollte das Gelände in der Kyritz-Ruppiner Heide übernehmen, scheiterte aber am Widerstand der Bürger. Von 2009 an war Schluss mit der militärischen Nutzung.

„Betreten verboten gilt auch heute noch“, sagt Lothar Lankow, Projektbetreuer der Heinz-Sielmann-Stiftung. Die Bürger hätten für die freie Heide gekämpft, frei zugänglich ist das Areal aber wegen der Blindgänger nicht. Über Jahrzehnte wurden Bomben abgeworfen, explodierten Granaten und vernichtete immer wieder Feuer nachwachsende Pflanzen. Dadurch entstand im Sperrgebiet die trockene europäische Heide als außergewöhnliche Landschaft. „Seit Abzug des Militärs kann sich die Flora ungehindert entwickeln“, berichtet Lankow. Birken und Kiefern schießen jetzt in die Höhe, aus einzelnen Bäumchen werden schnell Baumgruppen, die Schatten auf den Boden werfen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Heidelandschaft verschwindet, wenn nicht der Mensch eingreift“, sagt der Naturschutzexperte.

Im Herbst blüht die Heide und leuchtet in vielen Schattierungen – rosa, lila und dunkelrot. Im Frühsommer sieht das Areal unspektakulär aus: kniehohe, braune Sand- und Besenheide, offene Grasflächen und Bäume. Dann aber sind Flächen mit verkohlten Stämmen zu sehen. „Alles in Ordnung“, beschwichtigt Lankow. Hier sei kontrolliert Feuer gelegt worden im Kampf gegen die Verholzung der Heide. Dabei werden auch Kiefern als „Störenfriede“ beseitigt. Der Erfolg zeigt sich mit ersten zarten grünen Spitzen: Die Heide erneuert sich. Langsam wandelt sich auch die Kiefernmonokultur in einen Naturwald.

Eine herbe Schönheit

Zwei Revierförster, vier Waldarbeiter und ein Feuerwerker sind für die Stiftung im Einsatz. Neben den Lohnkosten fallen auch eine Reihe von Sachkosten an. Die Heinz-Sielmann-Stiftung muss mit Unterstützung von Spendern rund 320.000 Euro pro Jahr aufbringen. In Brandenburg hat die Stiftung bereits drei Naturlandschaften mit rund 8000 Hektar Fläche. Dazu gehört die Döberitzer Heide westlich von Berlin. Auf dem einstigen Truppenübungsplatz siedeln Wisente und Przewalski-Wildpferde.

Lankow weiß, dass die Heide-Landschaft nicht jeden anzieht. Die Schönheit und das Besondere ihrer Flora offenbarten sich erst bei genauem Hinsehen. Doch dem Betrachten aus der Nähe legt die Belastung durch Kampfmittel einen Riegel vor: Ohne fachkundige Begleiter darf niemand aufs Gelände.

Für die Stiftung ist die Beseitigung der Altlasten ein Problem. Rechts und links der geplanten Wanderwege muss ein 200 Meter breiter Sicherheitsstreifen geschaffen werden, auf dem oberflächig Munition beseitigt wird. Ein Quadratmeter kostet 18 Cent. Eine vollständige dauernde Räumung von Munitionsresten würde nach einem Gutachten der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben 595 Millionen Euro kosten. Ihr gehört das Bombodrom. Laut Wirtschaftsministerium stehen in Brandenburg in der noch bis 2013 laufenden Förderperiode für die Umwandlung militärischer Hinterlassenschaften 21 Millionen Euro allein aus EU-Mitteln zur Verfügung. Von rund 100.000 Hektar militärischer Liegenschaften, die das Land seit 1994 vom Bund übernommen hat, werden 93 Prozent zivil genutzt. Weitere 600 Hektar zivil genutzte Fläche kommen in diesem Jahr hinzu. In der künftigen Sielmann-Naturlandschaft Kyritz-Ruppiner Heide gibt es mit Ausnahmegenehmigung auch schon einige Kutschfahrten – auf oberflächig gesicherten Forstwegen. Künftig soll es auch thematische Wanderungen geben. „Hier ist eine sternenklare Sicht möglich“, sagt Lankow. Hobbyastronomen könnten ungehindert Sternschnuppen beobachten. 2015 soll es dann eine zentrale Aussichtsplattform geben und entlang der Wanderstrecken auch Schutzhütten.