Forschung

Jeder Stich zählt

Die Müncheberger Biologin Doreen Werner arbeitet an einem Mückenatlas für Deutschland

– Das aktuelle Wetter ist ganz nach Doreen Werners Geschmack – rein beruflich gesehen. „Mücken lieben es nass und warm. In Blumenvasen, Regentonnen und Pfützen legen sie ihre Eier ab. Die brauchen dann Wärme, um sich zu entwickeln“, erläutert die Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Die stechenden Insekten sind das Spezialthema der 44-Jährigen, die sich als Mückenexpertin inzwischen deutschlandweit einen Namen gemacht hat.

Nicht zuletzt durch einen Deutschen Mückenatlas, den Werner betreut. Deshalb zählt für sie jede Mücke. Das Internet-Portal www.mueckenatlas.de soll wertvolle Hinweise für die Verbreitung der heimischen Stechmückenarten in Deutschland und über eventuell „zuwandernde“ exotische Arten liefern. Der Clou dabei ist die breite Bürgerbeteiligung: Jeder kann in seinem Wohnbereich vorkommende Mücken einfangen und an das ZALF schicken. Biologin Werner bestimmt anschließend die Art, spießt die Blutsauger auf, kartiert sie und speist mit den Informationen eine Datenbank.

Zudem beantwortet die Wissenschaftlerin jede Zusendung persönlich. „Die Leute wollen ja wissen, was sie da für ein Exemplar zu uns geschickt haben und wo dessen Verbreitungsgebiet liegt“, sagt sie. Allein in Deutschland gebe es 50 verschiedene Arten, weltweit mehrere Tausend.

Die Bürger-Resonanz war bereits im vergangenen Jahr überwältigend. Insgesamt 6024 Mücken von 33 verschiedenen Arten erreichten in Streichholzschachteln, Pillen- oder Filmdöschen sowie gepolsterten Briefumschlägen das ZALF. Was sie besonders freut: Immer mehr Jungforscher ziehen mit Kescher, GPS-Gerät und Notizblock zur Mückenjagd los. „Das erkenne ich dann an der krakeligen Kinderhandschrift auf den Briefen und Päckchen“, erzählt sie lächelnd. Mittlerweile seien es ganze Schulklassen, die sich beteiligen. „Der Lerneffekt ist echt toll, erfahren die Schüler dabei doch, dass Mücke nicht gleich Mücke ist und nicht jede Art sticht.“

Krankheitsüberträger

Die wissenschaftliche Arbeit der Expertin beschränkt sich nicht nur auf die Kartierung vorkommender Mückenarten und ihrer Verbreitung in Deutschland. In Kooperation mit dem Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) auf der Ostseeinsel Riems untersucht Werner außerdem, welche Krankheiten Mücken übertragen können. Dazu zählt beispielsweise die Blauzungenkrankheit bei Nutzvieh, die vor sieben Jahren in Deutschland grassierte, deren Virenstamm aus Afrika stammt und von Gnitzen übertragen wird. „Inzwischen wissen wir, dass nicht nur exotische sondern auch heimische Arten die Krankheit übertragen können. Ebenso das Schmallenberg-Virus, das Missgeburten bei Kälbern und Lämmern verursacht.“

Noch gefährlicher auch für den Menschen ist, was einwandernde exotische Arten der stechenden Plagegeister an Erregern einschleppen können: West-Nil-Fieber, Chikungunya-Fiebers oder Dengue-Fieber, in den Tropen verbreitet, traten vor Jahren bereits in Europa auf. „Um zu analysieren, was in Deutschland so herumfliegt, haben wir 120 Standorte vor allem in natürlichen Feuchtgebieten ausgewählt und dort Mückenfallen aufgestellt. Aber auch an Autobahnraststätten, da gerade Urlauber ungewollt fremde Plagegeister mitbringen“, erzählt Werner. Der internationale Gebraucht-Reifenhandel funktioniere ebenfalls hervorragend als Mücken-Einschlepper. Per Schiff kommen die Reifen aus Asien nach Europa, wo sie zerschreddert und für den Straßenbau genutzt werden. In den Wasserpfützen der Reifen legen Mücken ihre Eier ab, die dann mit verschifft werden.

Die deutschlandweit aufgestellten Fallen basieren auf Kohlendioxid, wie es in der Atemluft des Menschen vorkommt, in Kombination mit verschiedenen Lockstoffen. „Mücken fliegen darauf“, sagt Werner. So lebend gefangene Exemplare werden tiefgefroren und für die Virendiagnostik genutzt. „Wenn die Mücken nicht konserviert werden, zerfallen die Viren. Von Bürgern eingesendete Mücken können wir dafür also nicht verwenden“, erklärt sie. Die Fallen liefern jedoch nur Ausschnitte, die durch die zugesandten Exemplare ergänzt werden.

Dass die Einstiche näher kommen, wurde so bereits anhand der Mücken-Einsendungen im vergangenen Jahr klar. Die asiatische Tigermücke, in Italien inzwischen etabliert und laut Wissenschaft Überträger von 50 verschiedenen Viren, war bereits in Baden-Württemberg nachgewiesen worden, ebenso die sehr aggressive asiatische Buschmücke, die den West-Nil-Virus überträgt. Einsendungen aus dem Oberrhein-Gebiet bestätigten diese Erkenntnisse.

Dann aber bekam Werner auch acht Exemplare der asiatischen Buschmücke aus dem Köln-Bonner-Raum zugeschickt. „Da sind wir im letzten Sommer hingefahren, haben vor allem auf Friedhöfen gesucht und fanden dort nicht nur fliegende Tiere, sondern auch Larven dieser Art“, berichtet die Wissenschaftlerin. Zwischen Köln und Koblenz hat sich die asiatische Buschmücke etabliert und zudem einheimische Arten flächendeckend verdrängt, weiß Doreen Werner seitdem.

Eingebaute Frostschutzmittel

Auch in diesem Jahr läuft die Mitmach-Maschinerie der Bürger allmählich an. Mücken gibt es nach Ansicht der Experten genügend, daran habe auch der lange Winter nichts geändert. „Die Tiere haben eingebaute Frostschutzmittel.“ Werner ist bereits gespannt, welche neuen Erkenntnisse die Mücken-Einsendungen – 130 waren es bereits – bringen werden. „Jetzt bekomme ich vor allem frische Exemplare, die noch nicht abgeflogen sind“, sagt sie. Denn je länger die Blutsauger herumfliegen, desto zerzauster und schwerer bestimmbar sind sie, fügt sie erklärend hinzu.

Zudem hofft die promovierte Biologin bislang noch „weiße Flecken“ auf der deutschen Landkarte füllen zu können. Denn gerade aus den Bundesländern Thüringen, Rheinland-Pfalz und Hessen gab es bisher nur wenige Einsendungen – und aus dem Saarland noch gar keine. Mücken gibt es aber auch dort