Umwelt

Warten auf die Nesthäkchen

Uhu-Familie stopptdie Sanierung einer Brücke zwischen Deutschland und Polen. Nun fordert der Investor Schadenersatz

Der Fall erinnert an das Debakel um die Waldschlösschenbrücke in Dresden: Eine dort nistende Fledermausart hätte den Bau der Elbquerung um ein Haar verhindert, sorgte zumindest für Verzögerungen. Im Oderbruch ist es nunmehr ein Uhu-Nest auf einem frei stehenden Brückenpfeiler mitten in der Oder, der ein ehrgeiziges deutsch-polnisches Projekt unmittelbar vor dem Start ausbremst.

Pünktlich zum 1. Juni sollten Draisinenfahrzeuge Touristen über die mit mehr als 700 Metern längste Brücke über den Grenzfluss bringen. Die wurde dafür nicht neu gebaut, sondern reaktiviert. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und Anfang der 50er-Jahre wieder aufgebaute und mit Eisenbahnschienen versehene Viadukt nahe Neurüdnitz (Märkisch Oderland) blieb danach allerdings ungenutzt. Fern großer Straßenverbindungen und direkt am Oder-Neiße-Radweg gelegen, soll die Brücke nun vor allem für Radtouristen und Wanderer nutzbar werden – quasi als zusätzliche Möglichkeit der Grenzüberquerung, von denen es in der Region nicht viele gibt: die für Autos und möglicherweise bald auch Transporter zugelassene Oderbrücke in Küstrin-Kietz 40 Kilometer südlich, der Grenzübergang Hohenwutzen im Norden. Zudem pendelt für Touristen die Oderfähre bei Güstebieser Loose. In diesem Jahr ist sie jedoch noch nicht gestartet. Die hohen Wasserstände und die damit verbundene starke Strömung in der Oder verhinderten aus Sicherheitsgründen den Saisonbeginn.

Zwei Junge sind geschlüpft

Deutlich gefahrloser über die Oder kämen Touristen über die nach wie vor für den Eisenbahnverkehr gewidmete Brücke bei Neurüdnitz, für deren Ertüchtigung sich das Amt Barnim-Oderbruch seit vielen Jahren einsetzt, gemeinsam mit einem privaten Investor und den polnischen Gemeinden Moryn und Cedynia. Das Uhu-Nest hat diese Pläne vorerst zunichtegemacht. Der Brutplatz auf dem Brückenpfeiler ist seit Mitte April bekannt, zwei Junge sind geschlüpft. Der Draisinenbetrieb könnte die Wochenstube der streng geschützten und in Brandenburg sehr seltenen Vögel empfindlich stören.

In den vergangenen 20 Jahren gab es landesweit maximal fünf Brutpaare pro Jahr. Da das Artenschutzrecht gerade in der Aufzuchtzeit Störungen verbietet, untersagte das Landesumweltamt die Eröffnung des „Europabrücke Neurüdnitz-Siekierki“ genannten Tourismus-Projektes bis Ende Juni. Zu diesem Zeitpunkt, so die Experten, dürften die Uhu-Jungen flügge sein.

Zu spät für den privaten Investor Axel Pötsch, Investor der Draisinenbahnen Berlin-Brandenburg GmbH & Co. KG., dessen Angaben nach das Projekt nun aus wirtschaftlichen Gründen frühestens im nächsten Jahr starten kann. „Erst ab Juli könnten wir mit unseren Vorbereitungen weitermachen und irgendwann im Herbst starten – vorausgesetzt, es gibt keine neuen Verfügungen“, so der Unternehmer aus Spreenhagen, der bereits touristische Projekte auf stillgelegten Bahnstrecken in Tiefensee und Mittenwalde betreibt.

Er will nun Schadenersatz in Höhe von 100.000 Euro vom Brandenburger Landesumweltamt, mit dem im Vorfeld „keinerlei Kompromiss“ möglich gewesen sei. „Der Uhu hat sich selbst von Bauarbeiten der Bahn nicht vertreiben lassen“, stichelt Pötsch, der eigenen Angaben nach bisher vor allem in Planungs- und Architektenleistungen, aber auch in Tore und eine Kameraüberwachung zur Sicherung der Brücke investiert hat, die zu Fuß aus Sicherheitsgründen nicht überquert werden darf.

Die zu DDR-Zeiten nur für strategische Zwecke vorgesehene Brücke ist stark sanierungsbedürftig. Der letzte Korrosionsschutz an dem technischen Denkmal stammt aus den 70er-Jahren, die Holzbohlen neben dem Schienenstrang sind löchrig. Im November vergangenen Jahres war das binationale Brücken-Projekt Neurüdnitz Siekierki vom Bundesverkehrsministerium und vom polnischen Infrastrukturministerium als „beispielgebend und nachahmenswert“ ausgezeichnet worden. Verbunden waren damit 5000 Euro Preisgeld sowie planerische Hilfestellungen.

EU-Fördermittel für eine Brücken-Sanierung sind inzwischen beantragt, die frühestens in der Förderperiode ab 2014 fließen könnten. Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2009 weist einen Investitionsbedarf in Höhe von vier Millionen Euro aus. Besonders reizvoll in der Flussmitte und damit direkt auf der Grenze gelegen ist eine 115 Meter breite Insel. Pläne für ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum auf dem Eiland scheiterten am polnischen Umweltamt.

Sorgen auch um die Pflanzen

Von polnischer Seite gab es immer wieder Bedenken gegen das Draisinen-Projekt. Naturschützer sorgten sich um die unberührte Flora und Fauna östlich der Brücke. Pötsch strebt eine Reaktivierung der Bahnlinie 15 Kilometer bis in das polnische Naherholungsgebiet am Moryner See an. Das malerisch gelegene klare Gewässer war bereits in den 30er-Jahren bei Ausflüglern beliebt. Und wer weiter nach Szczecin (Stettin) oder Kostrzyn (Küstrin) will, lässt sich bis Goszkow auf den Schienen fahren. Dort besteht Anschluss an die Bahnstrecke. „Wir verbessern also nicht nur die touristischen Verbindungen in der Region, sondern auch zwischen Berlin und Szczecin“, macht der Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch, Karsten Birkholz, die Dimension des Brückenprojektes deutlich.