Ausstellung

Zeitreise durch Potsdam

Von der Kaiserzeit bis zum Nationalsozialismus: Die Fotos von Ernst und Walter Eichgrün werden vor dem Verfall gerettet

Auf dem Kuppeldach von Schloss Sanssouci weht die Hakenkreuzfahne. Ein ungewohntes und erschreckendes Bild. Heutzutage sehen Besucher die Kuppel des Potsdamer Wahrzeichens nur noch im flaggenlosen Zustand. Doch 1937, als Walter Eichgrün das Schloss fotografierte, hatten es die Nationalsozialisten für ihre Propaganda vereinnahmt.

Zahlreiche solcher seltenen historischen Ansichten von Potsdam liefern die nun digitalisierten 1300 Glasplattennegative der Hoffotografenfamilie Ernst und Walter Eichgrün. Die Sammlung ist ein wahrer Schatz: Die Fotos aus dem Atelier der Fotografen stammen aus den Jahren zwischen 1890 bis 1947. Während der Vater, Ernst Eichgrün, Hoffotograf war und viele Bilder im Auftrag der Kaiserfamilie gemacht hatte, war sein Sohn Walter Eichgrün als Bildberichterstatter für die Potsdamer Tageszeitung und andere Publikationen im Einsatz.

Noch bis vor Kurzem waren die Glasplattennegative in einem sehr schlechten Zustand. Die meisten Negative sind durch chemische Einflüsse und Umwelteinflüsse verändert – auf einer der Glasplatten, die bei der Präsentation an die Wand projiziert werden, sind nur noch schemenhafte Umrisse zu erkennen.

Bildband ist vergriffen

„Die Digitalisierung ist besonders notwendig, um die Bildmotive zu sichern und für die Nachwelt zu bewahren“, sagte Judith Granzow vom Museum Potsdam bei der Vorstellung des gemeinsamen Projekts des Potsdam Museums und seines Fördervereins am Montag. Seit November ist die Potsdamer Fotokünstlerin Anja Isabel Schnapka mit der Digitalisierung des Bildmaterials beschäftigt. „Die schwierige technische Arbeit können die Museumsmitarbeiter nicht leisten“, sagte Markus Wicke, Vorsitzender des Fördervereins des Potsdam Museums.

Ein paar Hundert Fotos sind bereits in dem Bildband „Spaziergänge durch Potsdam 2010“ erschienen. Das Buch von Peter Rogge, das in die zweite Auflage gegangen und mittlerweile vergriffen ist, war ein so großer Erfolg, dass nach der Veröffentlichung immer mehr Bildanfragen im Museum gestellt wurden. Allerdings wurden die im Bildband veröffentlichen Fotos nicht systematisch erfasst. Erst jetzt konnte das Museum dank Spenden der Baudenkmalpflege Roland Schulze und von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden des Verlags Axel Springer, die Sammlung aufarbeiten, speichern und ordnen.

Was diese Sammlung von allen anderen Fotos im Besitz des Museums unterscheide, seien die einmalige fotografische Qualität der Bilder, die dank des handwerklichen Könnens der Eichgrüns entstanden ist, und die Tatsache, dass die Bilder über Generationen hinweg von einer Familie gemacht wurden, sagte Judith Granzow. „Die Fotos zeigen einzigartige Detailaufnahmen von Schlössern, Gärten, Luftschiffen und Kirchen, aber auch zeitgeschichtlich wertvolle Aufnahmen aus den Jahren des Nationalsozialismus.“ Besonders unter den Bildern von Walter Eichgrün, der auch von Luftschiffen aus fotografierte, finden sich viele zeitgeschichtlich bedeutende Aufnahmen aus der Nazizeit.

Beeindruckend ist etwa die Dokumentation eines Trauergottesdienstes aus dem Jahr 1933 in der Friedenskirche, wo uniformierte Parteianhänger mit Hakenkreuzbinden und -flaggen zu sehen sind. „Dieses ist eines von vielen Fotos, das die Gelegenheit bietet, weiter zu recherchieren“, sagte Markus Wicke. „Hier ist nämlich unklar, wer beerdigt wurde.“

Viele der Bilder geben den Experten Rätsel auf. So etwa die Nahaufnahmen von Luftschiffen mit kurioser technischer Ausstattung. Andere bringen aber auch neues Wissen ans Licht: Zum Beispiel befindet sich in der Sammlung das erste bekannte Bild von dem Stadtverordnetenvorsteher Felix Rosbund, der auf einer Treppe mit anderen Stadtverordneten und NSDAP-Anhängern abgebildet ist.

Auch Kaiser Wilhelm II. haben die Fotografen ins Visier genommen. Ein heiteres Bild zeigt, wie der Kaiser auf dem kutschenartigen Rücksitz in einem Automobil durch Potsdam fährt.

Andere wiederkehrende Personen werfen weitere Fragen auf. Was es mit dem „ollen Freese“ zum Beispiel auf sich hat, können Judith Granzow und Markus Wicke nicht genau sagen. Eine ganze Kiste mit Glasplattennegativen des bärtigen Mannes haben die Fotografen der Nachwelt hinterlassen. „Der ‚olle Freese‘ war wohl archäologisch interessiert, er ist auf den Fotos mit Funden und Mitbringseln aus aller Welt abgebildet“, sagte Judith Granzow.

Reproduktionen von Gemälden

Da viele Fotos Reproduktionen von Gemälden aus Schlössern zeigen, ist die nun digitalisierte Sammlung ein wichtiges Archiv für die Schlösserstiftung und deren Restauratoren. Auch Historiker und geschichtlich Interessierte können von der Datenbank profitieren. „Auf den Fotos sieht man viele Ecken, wo man schon immer wissen wollte, was denn da früher stand“, so Wicke.

Wer Einblick in die Sammlung haben möchte, kann dies beim Potsdam Museum beantragen. Das Prozedere sei unkompliziert, versicherte Judith Granzow. Geplant ist auch die Veröffentlichung eines zweiten Bildbands mit Eichgrün-Fotografien. In diesem Buch sollen vor allem Babelsberg und das Potsdamer Umland eine besondere Rolle spielen. „Es sollen aber auch Aufnahmen aus der Potsdamer Innenstadt zu sehen sein“, so Judith Granzow.

Auch die Digitalisierungsarbeit geht weiter: Zwischen 80.000 und 100.000 Bilder, teils von unbekannten Fotografen, zählt das Museumsarchiv. Einer davon ist Max Bauer, der die Stadt als Kunstfotograf ins Visier nahm. „Auf seinen Bildern sind niemals Menschen zu sehen, das ist der große Unterschied zu den Eichgrüns“, sagte Wicke.

Lediglich rund 15.000 Aufnahmen seien bisher aufbereitet und digitalisiert. „Vor diesem Hintergrund scheinen die 1300 Bilder der Eichgrüns wie ein Tropfen auf einem heißen Stein“, sagte Judith Granzow. „Aber dieses Projekt ist sehr wichtig und gibt uns Mut für die noch bevorstehenden Herausforderungen.“