Gerichtsverfahren

Mordprozess ohne Leiche

Vor 16 Jahren verschwindet die schwangere Maike Thiel. Jetzt beginnt vor dem Landgericht das Verfahren gegen die mutmaßlichen Mörder

Spatzen zwitschern in den Forsythien. Es riecht nach Flieder und nach geharkter Erde. Es riecht nach heiler Welt in Leegebruch. In jener Siedlung bei Oranienburg, die einst die kinderreichste der DDR war, weil es sich schon damals so gut hier lebte in den Einfamilienhäusern mit den Gärten.

In diesen Tagen aber liegt ein Schatten über der Idylle. Am heutigen Montag beginnt vor dem Neuruppiner Landgericht ein Prozess, der alte Wunden aufreißt, die noch nicht ganz verheilt sind. Zwei Männer stehen vor Gericht, Michael S. (34) und Manfred S. (79). Ihnen wird vorgeworfen, eine junge Frau aus Leegebruch ermordet zu haben.

Angeklagt ist auch Christine S., (60). Sie soll ihren damals 18-jährigen Sohn Michael angestiftet haben, gemeinsam mit Manfred S. Maike zu töten. Eine Leiche gibt es nicht. Nur Indizien. „Eine lückenlose Beweiskette“, so die Staatsanwaltschaft. Und die traurige Tatsache, dass Maike Thiel nie mehr nach Hause gekommen ist.

16 Jahre ist es her, dass die damals 17-Jährige verschwunden ist. Am 3. Juli 1997, gegen 10 Uhr, wurde sie zum letzten Mal an der Bushaltestelle vor dem Henningsdorfer Krankenhaus gesehen. Sie kam gerade von der Vorsorgeuntersuchung. Am 12. August sollte ihr Kind zur Welt kommen. Ein Mädchen, Maike hatte schon einen Namen für sie, Charleen sollte die Kleine heißen.

Seit 16 Jahren quälen sich Maikes Eltern mit der Ungewissheit. Wurde ihre Tochter entführt? Ist sie tot? „Es ist so schlimm für die Eltern“, sagt eine Frau im Ortskern von Leegebruch. Die Mittfünfzigerin kommt gerade vom Einkaufen. „Natürlich habe ich die Maike gekannt“, sagt sie. Und lächelt, wenn sie an das fröhliche Mädchen mit den rotbraunen Locken denkt. „Die Thiels sind doch alte Leegebrucher.“

Das fehlende Grab

Die Frau mit der Einkaufstasche hat alles Mitleid der Welt mit Maikes Eltern. „Es ist grauenhaft“, sagt sie, „wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Aber noch grauenhafter muss es sein, wenn man nicht weiß, was mit ihm passiert ist. „Maike hat ja kein Grab.“ Keine Stelle, auf die man eine Blume legen, an der man mit ihr reden kann, wo man vielleicht auch ein bisschen träumen kann, wie es hätte werden können mit der kleinen Charleen, die jetzt schon fast so alt wäre wie ihre Mama, als sie schwanger war.

Die Dame winkt eine Bekannte zu sich. Auch ihr ist anzusehen, dass sie wirklich betroffen ist. „Wie kann man nur mit so einer Schuld leben?“, fragt sie. Sie hofft, dass jetzt endlich herauskommt, wer die Schuld hat. Sie spricht nicht davon, dass sie den Tätern die schlimmsten Strafen wünscht. Davon spricht hier keiner im Ort. Sie spricht nur davon, dass sie will, dass endlich Klarheit herrscht. Und dass sie das besonders den Eltern wünscht. Auch die drei älteren Männer, die sich in dem Eiscafé neben dem großen Supermarkt zum Bierchen treffen, grölen keine Stammtischparolen, als sie auf den Fall angesprochen werden. Auch sie kennen die Familie seit Jahrzehnten und hoffen, dass sie endlich erfahren, was passiert ist. „Wenn das mit meinem Enkel geschehen wäre“, sagt einer der Herren, „ich würde irre werden.“ Dann fängt er plötzlich an, von seinen eigenen schlimmen Erlebnissen als Kriegskind zu erzählen. So, als würde die Geschichte von Maike etwas lösen in ihm. Und dann weint er.

Ein früher Verdacht

Michael S. war von Beginn an im Visier der Kripo. Der Ex-Freund von Maike und Vater ihres Kindes wollte das Baby nicht. Aber Maike wollte keine Abtreibung. Sie war sogar schon im Krankenhaus für den Schwangerschaftsabbruch. Sie ging wieder nach Hause. Ihre Eltern freuten sich. Sie richteten ein Kinderzimmer ein, sie wollten alles dafür tun, dass Maike nach dem Schulabschluss ihre Ausbildung zur Altenpflegerin antreten konnte – und dass Charleen einen guten Start ins Leben bekommt. Die Polizei konnte Michael S. nichts nachweisen. Auch der Privatermittler, den die Thiels auf eigene Kosten beauftragt hatten und der davon ausging, dass Michael S. Maike getötet hat, fand keinen Beweis. Auf seine Vermutung hin ließen die Thiels in Hennigsdorf vor zwölf Jahren auf eigene Kosten eine Straße aufreißen. Michael S. hatte dort auf einer Tiefbaustelle gearbeitet. Hatte er die Leiche dort vergraben? Die Suche blieb ergebnislos.

Die Thiels hofften, dass im Fall ihrer verschwundenen Tochter Licht ins Dunkel kommen könnte, weil sich jemand endlich entschließen könnte zu reden. Aber sie musste noch sechs Jahre warten, bis Menschen ihr Schweigen brachen. Nachdem der Fall im vergangenen Jahr Thema bei „Aktenzeichen XY“ war, kam es zu überraschenden Zeugenaussagen. Darunter die von einer Ex-Freundin. Ihr soll der Mann, der heute als Sozialarbeiter arbeitet, die Tat gestanden haben. Demnach soll er Maike damals in das Auto gelockt haben, sein Komplize aber hätte sie von hinten erdrosselt. Michael S. und seine Mutter, so der Verdacht, wollten keinen Unterhalt zahlen.