Offiziell

Wildau wird Stadt – obwohl 76 Einwohner fehlen

Doch der Ort südöstlich von Berlin hat ansonsten alles, was nötig ist. Bürgermeister Malich: „Ein besonderer Tag“

Heute gibt es die Urkunde. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) wird sie im kleinen Saal des Rathauses an Bürgermeister Uwe Malich (Linke) übergeben. Damit ist es besiegelt: Wildau ist nicht länger Gemeinde, der prosperierende Ort im Kreis Dahme-Spreewald südöstlich von Berlin darf sich offiziell Stadt nennen. Zwar fehlen laut neuester Statistik von Ende 2012 noch 76 Einwohner für die eigentlich notwendige 10.000er-Marke. Doch die rot-rote Landesregierung in Potsdam sah darin kein Hindernis. Sie verwies in ihrem Kabinettsbeschluss darauf, dass Wildaus Einwohnerzahl sich seit 1990 kontinuierlich entwickelt, und erklärte es schon zum 1. April zur Stadt. „Wäre der Hauptstadtflughafen in Schönefeld wie geplant eröffnet, hätten wir die 10.000 vermutlich schon erreicht“, sagt Bürgermeister Malich.

Anerkennung für Aufbau

Wer den Ortsnamen Wildau hört, denkt vor allem an das A-10-Center mit seinen 200 Geschäften, manche noch an das Luft- und Raumfahrtzentrum und an die Technische Fachhochschule. Mit 4400 Studenten ist sie die größte im Land Brandenburg. Und an den Schwermaschinenbau.

„Dass Wildau sich jetzt Stadt nennen darf, ist schon eine Anerkennung“, sagt Uwe Malich. Denn Wildau mit seiner 100-jährigen Industrietradition hat durchaus auch Krisenzeiten hinter sich. Von 1900 bis 1945 stand hier eine der größten und modernsten Lokomotivfabriken in Deutschland. Von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur politischen Wende hatte in Wildau einer der wichtigsten Schwermaschinenbaubetriebe seinen Sitz.

Doch in der Nachwendezeit brach auch hier die Industrie weitgehend zusammen, der Schwermaschinenbaubetrieb „Heinrich Rau“ mit seinen 3500 Mitarbeitern machte dicht. „Das war damals eine schwere Krise“, erinnert sich der Bürgermeister. Malich war zu DDR-Zeiten Wirtschaftshistoriker und unterrichtete an der Berliner Hochschule für Ökonomie. Anfang der 90er-Jahre macht er sich als Unternehmensberater selbstständig. Sein Schwerpunkt: die Beratung von Existenzgründern. Seit 2002 ist Uwe Malich Bürgermeister von Wildau.

„Auch der städtebauliche Verfall war einst erschreckend“, sagt Malich. „Mittlerweile sind wir wieder gut nach vorne gekommen.“ Vor allem die Unternehmen und die Fachhochschule hätten sich den Aufstieg zur Stadt gewünscht. Aus Imagegründen. Denn mehr Fördergeld gibt es deshalb weder für sie noch für die Stadt. „Rechtlich bleibt alles beim Alten“, sagt der Bürgermeister. Wildau bekommt ohnehin schon länger mehr Fördergeld des Landes als viele andere Orte in Brandenburg. Denn die bisherige Gemeinde gilt zusammen mit Schönefeld und Königs Wusterhausen als einer von 15 sogenannten Regionalen Wachstumskernen. Das sind Regionen, auf die das Land die Fördermittel konzentriert. Sie will nicht mehr wie zu Zeiten des früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) mit der Gießkanne fördern. Im Klartext heißt das: Auf Wildau setzt die Landesregierung. Und das nicht zu Unrecht: Viele der hier ansässigen Unternehmen sind international erfolgreich. 1000 Gewerbebetriebe werden inzwischen gezählt, im Internet sind die „Top 20“ von Wildau nachzulesen. Darunter auch sogenannte Weltmarktplayer wie die Wildauer Schmiedewerke. Sie fertigen als eine der führenden Gesenkschmieden in Europa Komponenten mit Stückgewichten bis zu 3500 Kilogramm an. Abnehmer sind unter anderen die Automobil- und die Nutzfahrzeugindustrie. Geschäftsführer Marc Martin sagt: „Mit der Ernennung Wildaus zur Stadt sind unsere Chancen, qualifiziertes Personal in der Region zu bekommen, sicherlich gestiegen. Wir begrüßen das sehr.“

Vier Schulen hat Wildau, zwei öffentliche und zwei private. Die künftig städtische Grundschule ist mit über 400 Schülern eine der größten im Landkreis Dahme-Spreewald. Gut von der S-Bahn aus zu erreichen ist die ebenfalls kommunale Ludwig-Witthöft-Oberschule. In freier Trägerschaft sind die Grundschule und das einzige Gymnasium Wildaus, Villa Elisabeth. Gegründet wurden sie von dem Ehepaar von Platen. „Wir profitieren nicht direkt von der Stadterhebung“, sagt Holger Köhler, der Vertreter des Schulträgers, der Privaten Schulgesellschaft in der Mark Brandenburg mbH. „Doch damit wird Wildau als Stadt für noch mehr Firmen interessant werden, die sich hier ansiedeln wollen.“ Damit zögen auch weitere Familien nach Wildau. „Wir merken schon jetzt die zunehmende Attraktivität Wildaus als Bildungs- und Wissenschaftsstadt“, sagt Köhler. „Wer hierher will, für den sind gute und vielfältige Schulangebote für die Kinder wichtig.“

Auch die Besitzer des einzigen Hotels in Wildau freuen sich über die Ernennung zur Stadt. „Das hebt auf alle Fälle das Image des Ortes“, sagt Dana Baschin, die Juniorchefin des Familienunternehmens. Das kleine Hotel „Seeblick“ mit Restaurant an der Fontaneallee verfügt über sieben Zimmer und wird laut Dana Baschin gern von Lufthansa-Mitarbeitern gebucht, die hier im Luft- und Raumfahrtzentrum geschult werden. Aber auch von Partnerfirmen der ansässigen Unternehmen. Oder Mitarbeitern der Firmen im A-10-Center.

Das kleine Hotel „Seeblick“ gibt es seit vier Jahren, Konkurrenz hat es im Ort direkt nicht. Das „Seehotel Zeuthen“ ist aber ganz nah. Die Bewohner der Fontaneallee haben zwei Postleitzahlen. Das Hotel „Seeblick“ hat die Wildauer Postleitzahl 15745, wer auf der anderen Straßenseite wohnt, hat die Zeuthener Postleitzahl. Eine Besonderheit, die oft für Verwirrung sorgt.

Im Haushalt stehen 10.000 Euro bereit – für neue Briefbögen, Visitenkarten, das Stadtwappen und neue Ortsschilder. „Wir werden alles schrittweise umstellen“, sagt der Bürgermeister. „Ganz ohne Hektik.“ Auch mit den Wohnungen für weitere Einwohner wolle man sich Zeit lassen. „Wir haben noch Platz für 2000 Wohnungen“, sagt er. „Es gibt schon Wartelisten.“ Das Problem aber sei, dass die Erwartungen der Investoren und der Mieter noch auseinandergehen. Neubauten seien fast so teuer wie in Berlin. Auch in den Gewerbegebieten der Stadt ist noch Platz, allerdings nicht viel. Malich erwartet sich vom künftigen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld für die Region mehr Vor- als Nachteile. Doch auch Wildau hat vor dem Oberverwaltungsgericht wegen der neuen Flugrouten geklagt, die Bewohner fürchten eine größere Lärmbelästigung.

Dritte Stadterhebung

Wildau wird die 113. Stadt in Brandenburg. Seit 1990 sind nur zwei andere Gemeinden „aufgestiegen“: Hohen Neuendorf 1999 und Erkner im Jahr 2007. Zwei Jahre hat das Genehmigungsverfahren gedauert. Mehrere Ministerien haben die Voraussetzungen geprüft. Um 17.30 Uhr wird Bürgermeister Malich nun am heutigen Mittwoch die Urkunde überreicht bekommen. Richtig feiern wollen die Wildauer das Ereignis der Stadtwerdung erst im Sommer – wenn die sanierte Landesstraße durch den Ort fertig ist. „Geplant ist das für den 30. Juni, doch durch den langen Winter kann es sein, dass die Straße erst 14 Tage später fertig wird“, sagt Malich. Dann wird die Feier eben so lange verschoben. Er sagt: „Heute ist aber schon mal ein besonderer Tag.“