Zeitumstellung

Zoo-Händlerin boykottiert die Sommerzeit

Sittiche schlafen zu früh ein. Das ist schlecht fürs Geschäft

Die Sommerzeit ist nicht jedermanns Sache. Eine Stunde früher aufstehen als bisher, weil die Uhren vorgestellt wurden – das kann sogar geschäftsschädigend sein. Jedenfalls für Renate Stahn, die in Prenzlauer Berg eine Zoo-Handlung betreibt. Denn die Wellensittiche, Kanarienvögel, Diamanttauben und Reisfinken in ihrem Geschäft werden früher müde und gehen eine Stunde früher schlafen. Eine Stunde, in der viele Kunden kommen und zwitschernde, flatternde, muntere Tiere erleben möchten. Doch die sitzen am späten Nachmittag auf der Stange, schlafen oder dösen vor sich hin. Wer will so einen Vogel kaufen?

Deshalb hat Renate Stahn der Sommerzeit den Kampf angesagt. Auf den Plakaten vor ihrem Laden steht zu lesen: „Ich boykottiere diese Zeitumstellung und mache sie nicht mit. Meine Zeit bleibt die ganz normale mitteleuropäische Zeit.“ Die Geschäftsfrau hat seit Beginn dieser Woche ihre Öffnungszeiten geändert. Jetzt kann man den Laden am Helmholtzplatz von Montag bis Freitag zwischen 11 und 18 Uhr aufsuchen – zuvor öffnete sie von 12 bis 19 Uhr. Nur die Öffnungszeit am Sonnabend bleibt bei 9 bis 14 Uhr – mit Rücksicht auf die Anwohner, die am Wochenende gern später aufstehen.

Der Protest gegen die Zeitumstellung findet nicht nur vor dem Geschäft, sondern auch drinnen statt. Die Wanduhr, die Armbanduhr am Handgelenk und die kleinen Standuhren zeigen die mitteleuropäische Winterzeit. „Das ist mein Widerstand“, sagt Renate Stahn. Die Kunden hätten am Montag positiv reagiert. „Kann ich verstehen“, hätten die meisten gesagt. Es gehe ihnen ähnlich. Für verrückt habe sie niemand gehalten. Dass die Vögel mit der Zeitumstellung nicht zurechtkommen, „das liegt an der biologischen Uhr“, sagt Stahn. Schon in früheren Jahren hat die gelernte Zoo-Fachverkäuferin das veränderte Verhalten der Tiere bemerkt. In diesem Frühjahr ist es besonders auffällig. Auch sie selbst leide, sagt die 65-Jährige. Sie habe Schlafstörungen. „Ich werde genauso früh wach wie vor der Zeitumstellung.“ Nun müsse sie sich immer beeilen, um rechtzeitig im Geschäft zu sein, das belaste Herz und Kreislauf. „Dann komm ich hier an und bin fix und fertig.“ Anders die Vögel in den Volieren an der Dunckerstraße 12. Sie sind vormittags putzmunter. Doch die meisten Kunden kommen am späten Nachmittag. „Vor allem Eltern, die nach der Arbeit ihre Kinder abholen“, sagt Renate Stahn. Zu dieser Zeit stecken Wellensittiche und Kanarienvögel den Kopf unter die Flügel. Sie wirken träge und teilnahmslos. „Die Kunden denken, die Vögel sind krank oder anderweitig nicht in Ordnung.“ Dann sucht sich niemand ein Tier aus. Mit den geänderten Öffnungszeiten will die Händlerin zum normalen Leben zurückkehren – ein Leben, das seit ihrer Kindheit von der Liebe zu Tieren bestimmt ist. Angefangen habe sie als Putzfrau, erzählt die 65-Jährige. „Aber es war immer mein Traum, mit Tieren zu arbeiten.“ Später habe sie eine Erwachsenenqualifikation gemacht, bei einem Zoogeschäft an der Schönhauser Allee. 1976 hatte sie den Facharbeiterbrief in der Tasche. Sie züchtete Fische, hatte einen Hund, einen Kanarienvogel und einen Nymphensittich. Jetzt leben zwei Katzen bei ihr zu Hause. Zeitlebens hat Renate Stahn in Prenzlauer Berg gewohnt. Als sie arbeitslos war, bewarb sie sich in Zoogeschäften als Urlaubsvertretung. 2002 bekam sie das Angebot, das Geschäft an der Dunckerstraße zu übernehmen.

Jahrelang konnte man bei ihr auch Hamster, Kaninchen und Meerschweinchen kaufen. Heute findet sie dafür keine Abnehmer mehr. „Die Leute suchen sich Tiere im Internet aus oder fahren nach Polen“, sagt die Geschäftsfrau. Jetzt wird bei ihr vor allem Zubehör gekauft. Doch ohne die Sittiche und Kanarienvögel wäre es für Renate Stahn zu langweilig im Laden. Wie es ihnen geht, hört sie am Zwitschern. Bis Ende des Jahres will sie das Geschäft noch führen. Ihre jahrelangen Erfahrungen mit Tieren und Menschen möchte Renate Stahn weitergeben. „Vielleicht schreibe ich ein Buch.“