Diebstahl

Friedhof fast leergeräumt

Metalldiebe zerstören die historisch wertvollen Grabstättenin Stahnsdorf

– Seit drei Jahren herrscht auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) der Ausnahmezustand. Diebesbanden vergreifen sich systematisch an historisch wertvollen Grabstätten und montieren alles an Buntmetall ab, das ihnen in die Hände fällt. „Wir wissen nicht mehr, wie wir unsere kulturhistorisch wertvollen Grabstätten schützen sollen“, sagt Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeld. Auch Sicherheitsdienst und Polizei sind ratlos. Was Weltkriege und die deutsche Teilung nicht geschafft haben, scheint den Dieben nun zu gelingen. „Es bedeutet für uns fast das Ende“, sagt der Friedhofsverwalter verzweifelt.

1909 wurde der Südwestkirchhof als einer der größten europäischen Waldfriedhöfe gegründet. „Berlin platzte um die Jahrhundertwende aus allen Nähten. Es gab kam noch freie Begräbnisplätze und so ging die Evangelische Kirche vor die Stadttore“, erklärt Ihlefeld.

Garteningenieur Louis Meyer legte den Friedhof als großen Landschaftspark an. Obwohl das Areal direkt an der Berliner Stadtgrenze bereits mit einem enormen Baumbestand aufwartete, wurden noch Tausende von Birken, Ahorne und Buchen gepflanzt. Efeu, Eibe, Buchsbaum, Wacholder, Rhododendren kamen als Symbole für Unsterblichkeit hinzu. Es entstand eine immergrüne Synthese aus Landschaft und Friedhofsarchitektur.

Mit der Inbetriebnahme eines eigenen S-Bahn-Anschlusses, der sogenannten Friedhofsbahn 1913 stieg der Gottesacker in der Gunst der Berliner. Gut betuchte Familien errichteten ihren Verstorbenen in Stahnsdorf Kupfer-verzierte Mausoleen und prachtvolle Grabanlagen mit Bronzeskulpturen. „Innerhalb weniger Jahre stieg der Kirchhof neben Venedigs Toteninsel San Michele, dem Wiener Zentralfriedhof und Père Lachaise in Paris zu den Grandhotels der internationalen Begräbnisstätten auf“, sagt Ihlefeld.

Viele Prominente ließen sich hier beisetzen. So fanden neben dem Berliner Original und Zeichner Heinrich Zille auch der Komponist Engelbert Humperdinck, die Verleger Gustav Langenscheidt und Louis-Ferdinand Ullstein, der Industrielle Werner von Siemens, Stummfilm-Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau hier ihre letzte Ruhestätte.

Monumentale Mausoleen

1938/39 wurden auf Veranlassung Hitlers 30.000 Tote samt ihrer opulenten Grabanlagen von Schöneberger Friedhöfen nach Stahnsdorf umgebettet, wodurch eine riesige Ansammlung monumentaler Grabmale und Mausoleen entstanden ist.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden täglich 10 bis 15 Menschen hier beerdigt. Danach waren es gerade einmal 150 bis zu 200 im Jahr. Nach dem Mauerbau 1961 verwilderte der Südwestkirchhof. Viele wertvolle Anlagen waren dem Verfall preisgegeben. „Die DDR hat sich nicht um den Erhalt des Friedhofs gekümmert“, so Ihlefeld Nur mit großer Mühe habe die Kirche nach der Wende alles wieder in Ordnung gebracht, berichtet der Friedhofsverwalter. Nach der Wende drohte dann wirtschaftlich das Aus. Nur 80 Beisetzungen pro Jahr waren nicht mehr kostendeckend. Jetzt sind es wieder 800 bis 1000, sagt Ihlefeld. 2010 wurde auf dem Südwestkirchhof sogar der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff bestattet. Insgesamt sind in der 104-jährigen Geschichte mehr als 120.000 Menschen in Stahnsdorf beigesetzt worden.

„Wir haben fast immer die Kurve bekommen.“ Aber heute kämpf Ihlefeld fast auf verlorenem Posten. „Der Großteil an Figuren, Kupferabdeckungen von Mausoleen ist schon weg, gestohlen, ins Ausland geschafft“, sagt Ihlefeld. Mehrere Tonnen Buntmetall im Wert von mehreren 10.000 Euro sind schon abtransportiert worden. So ist das Kupferdach des Mausoleums der Verleger-Familie Langenscheidt schon dreimal abmontiert worden. Ein ähnliches Schicksal teilt das Christusdenkmal. Mit Spendengeldern konnte vieles immer wieder hergerichtet werden. Jetzt aber hätten viele abgewunken. Es hätte keinen Sinn mehr, es werde doch wieder alles abgebaut, wurde Ihlefeld mitgeteilt.

Der 45 Jahre alte gelernte Gärtner, der auf dem 206 Hektar großen Areal direkt an der südwestlichen Stadtgrenze Berlins lebt, stemmt sich mit aller Macht gegen die Diebesbanden. Allabendlich fährt er mit seinem Privatauto auf den befestigten Wegen des Friedhofes Streife. „Ich kann nicht tatenlos zusehen und muss was tun“, sagt er. Ihm ist dabei bewusst, dass das wenig bringt. „Wenn ich im vorderen Teil unterwegs bin, hantieren die Diebe eben im hinteren Teil und umgekehrt“, sagt er achselzuckend.

Die Diebe seien absolut dreist. Sie reißen Zäune nieder und fahren mit Lastern auf den Friedhof. Als „Andenken“ ließen sie im vergangenen Jahr sogar eine abgerissene Auspuffanlage zurück. Vor Kurzem hätten sie sogar das Haupttor aufgebrochen und innerhalb einer Stunde ein 20-Quadratmeter-Kupferdach abgeräumt. „Um 18 Uhr hatte ich abgeschlossen; gegen 19 Uhr war das Tor offen und das Dach geplündert“, so Ihlefeld.

Polizei auf Streife

Mitte März haben sich Polizei und Friedhofsverwalter an einen Tisch gesetzt. „Wir haben vereinbart, dass unsere Einsatzkräfte den Südwestkirchhof jetzt auch auf Streifen kontrollieren“, sagt Polizeisprecherin Ingrid Schwarz. Die Beamten hätten Kartenmaterial bekommen, „damit wir einen besseren Überblick haben und die Zufahrten kennen, die die Diebe nutzen könnten“.

Olaf Ihlefeld zweifelt aber, dass die Polizei die Trendumkehr schafft. Es müsste ein ganzneuartiges elektronisches Sicherheitssystem her. „Vielleicht könnte dies Hasso Plattner mit seinem Potsdamer Institut für uns entwickeln“, sagt der Friedhofsverwalter. Er ist sich nicht zu schade, hierfür auch beim Milliardär und Kunstmäzen zu betteln: „Hasso Plattner, bitte helfen Sie uns!“