Immobilie

Bauernhaus mit Pilgerbier

Vom heiligen Jakob bis zu den Musikern von Keimzeit: Das „Landhaus Luckas“ ist Herberge, Bühne und Feriendomizil

Zugegeben, Liebe auf den ersten Blick war es vielleicht nicht. Aber doch schon so etwas Ähnliches. Als Monique und Sven Luckas (beide 38) das lang gezogene, zweistöckige Gebäude aus einem Backstein-Feldstein-Gemisch vor zwölf Jahren erstmals sahen, fühlten sie sich sofort heimisch, wie beide sagen. Und das, obwohl das einstige Bauernhaus mit angegliedertem Stall und Kornlager im Müncheberger Ortsteil Philippinenhof einen wenig einladenden Eindruck machte – marode, leer, schon lange nicht mehr genutzt. Das Dach war dicht, das Grundstück mit 2500 Quadratmetern groß, die Lage zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) ideal. „Genug Raum also, um Ideen zu entwickeln“, sagt Sven Luckas.

Der gelernte Erzieher stammt aus Beeskow, seine Frau Monique, studierte Publizistin, aus Manschnow bei Seelow. Beide hatten jahrelang in Berlin gelebt und wollten nun zurück ins Ländliche, um eine Familie zu gründen und sich etwas Eigenes aufzubauen. Als sie das um 1880 entstandene Bauernhaus entdeckten, das einst zum Gutshof Philippinenhof gehörte, hatten sie bereits eine dreijährige Odyssee hinter sich. „Wir wollten kein Haus von der Stange“, sagt Luckas. Viele alte Gemäuer im Umkreis von Berlin schauten sie sich zusammen an, an jedem fand sich etwas Besonderes, ergänzt Monique Luckas. „Aber hier im Philippinenhof haben wir uns irgendwie sofort heimisch gefühlt.“ Freunde leben in der Nähe, zudem die Eltern in Manschnow und Beeskow.

Stille und Natur

Und bei Bedarf ist Berlin gar nicht so weit weg. Nicht umsonst finden ein wachsendes Berliner Publikum und Musiker aus der Hauptstadt inzwischen wie selbstverständlich zum „Landhaus Luckas“. Die Landromantik aus Stille und Natur beeindruckt wohl jeden, der hier vorbeischaut. Von Beginn an waren sich beide einig, dass ihr neues Zuhause ein offenes Haus werden sollte. Als sie vor zehn Jahren aus der Großstadt herauszogen, wussten beide zwar noch nicht konkret, wie, doch sie waren zuversichtlich, dass sich so was schon entwickelt. Monique Luckas erinnert sich noch an die vielen Türen, die in immer noch einen weiteren Raum führten. Auch der 500 Quadratmeter große Dachboden, das einstige Kornlager, beeindruckte durch seinen Platz, als er endlich leer geräumt war.

Die Wohnräume waren recht schnell wieder hergerichtet, die Nebenräume jedoch noch nicht einmal entrümpelt, da kamen die ersten Pilger. Ein großes, schmiedeeisernes Kreuz am Südgiebel des Landhauses weist ihnen den Weg, am Eingang zum Grundstück steht zudem eine hölzerne Jakobsstele. Studenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina hatten zwischenzeitlich den alten Jakobsweg östlich und westlich der Oder erforscht und veröffentlicht. Echte Pilgerherbergen, spartanisch, einfach und preiswert, wie am berühmten Jakobsweg in Spanien, gibt es allerdings in Ostbrandenburg nicht viele.

„Wir waren begeistert von dem Projekt und wollten uns beteiligen. Und unser Haus wollte einfach Pilgerherberge werden“, sagt Sven Luckas. Ein Raum im einstigen Stalltrakt wurde hergerichtet. Inzwischen gibt es auch eine vollautomatische Küche, Bad und Dusche. Auf dem Hof steht zudem ein riesiges hölzernes Fass – eine urige Holzofensauna. Gefrühstückt wird mit den Gästen am gemeinsamen Küchentisch der Familie. Auch abends sitzt die Familie, zu der inzwischen auch zwei Töchter, elf und acht Jahre alt, gehören, mit den pilgernden Gästen gern zusammen. „Getrunken wird erstaunlicherweise kaum Alkohol“, sagt der Herbergsvater, dessen Angaben nach jährlich etwa 150 Pilger im „Landhaus Luckas“ Station machen. „Die testen hier ihre Ausrüstung, bevor sie den klassischen Jakobsweg in Spanien in Angriff nehmen.“

Für diejenigen, die doch einmal mächtigen Durst nach dem langen Fußweg verspüren, bietet Luckas seit drei Jahren ein Pilgerbier. In den Versionen Hell, Dunkel und Alkoholfrei entwickelte es die Neuzeller Klosterbrauerei für ihn. „Kloster und Pilgern passt doch zusammen“, sagt der 38-Jährige.

Die meisten Pilger kommen im Frühjahr und Herbst. Doch auch zu Weihnachten hat Familie Luckas häufig Pilgergäste und eine ganz besondere Atmosphäre, wie Monique Luckas beschreibt, deren Traum es ist, gemeinsam mit ihrem Mann einmal durch die spanischen Pilgerherbergen zu laufen. Gepilgert sind sie bereits auf dem alten Wallfahrtsweg nach Bad Wilsnack. „Der kreuzt in unserer Nähe den Jakobsweg“, sagt die Hausherrin. Mittlerweile sind die alten Pilgerstrecken in Ostbrandenburg auch ausgeschildert, sodass sich Wanderer zwischen der Oder und Berlin eigentlich nicht mehr verirren können. Viele Bauernhöfe bieten inzwischen Fremdenzimmer auch zur Übernachtung für Pilger an. Doch nach wie vor steht Sven Luckas „Gewehr bei Fuß“, um nach einem Hilfeanruf Pilger aus der Ostbrandenburger Wildnis zu retten. „Erst neulich waren drei Männer einfach mal im Schnee stecken geblieben“, erinnert er sich. Der 38-Jährige hat seinen eigentlichen Beruf inzwischen an den Nagel gehängt. Denn neben der Pilgerherberge – wer mit eigenem Schlafsack kommt, zahlt zwölf Euro pro Nacht – gilt es inzwischen auch, drei Ferienwohnungen zu betreuen, die auf dem Dachboden entstanden sind. Zwischen 50 und 70 Euro zahlen Paare für eine Übernachtung, wahlweise im Lavendel-, Sommerblüten- oder im Vier-Sterne-Rosen-Appartement. Doch damit erschöpft sich das luckassche Angebot noch längst nicht. Hat sich der Landhof doch mit seinen Kaminsaalkonzerten einen Namen gemacht, nicht zuletzt, weil bekannte Künstler wie Dirk Zöllner, Manfred Maurenbrecher, Klaus Hoffmann oder Axel Prahl hier auftreten. „Wir beide mögen Musik, haben uns schließlich einst in einem Plattenladen kennengelernt“, sagt der Landhof-Chef, der vor gut drei Jahren von einem Musiker angerufen wurde, weil der im Philippinenhof spielen wollte. Die Geschichte wurde zum Selbstläufer, vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn weniger Pilger kommen und die 80 Quadratmeter große Herberge inklusive Kamin ungenutzt bleibt.

Lesungen und Kino

Nicht nur für Konzerte kommt ein inzwischen treues Publikum hier gern zusammen, sondern auch für Lesungen, Gesprächsabende und Kinovorführungen. „Der Reiz ist wohl, Künstler hier in einem recht privaten Rahmen hautnah erleben zu können“, glaubt Luckas. Und für die Musiker gebe es die Gelegenheit, neue Songs auszuprobieren. Alljährlicher Höhepunkt sei in jedem Jahr das Open-Air-Sommerkonzert, diesmal wird am 27. Juli Keimzeit auftreten. Rund 350.000 Euro hat Familie Luckas auch mithilfe von EU-Fördermitteln für den ländlichen Raum inzwischen in ihren Lebenstraum auf dem Lande investiert.

Ausgereizt ist das Potenzial des Landhofes damit noch längst nicht. Mal abgesehen davon, dass die Außenfassaden und das Freigelände noch aufgehübscht werden müssen, arbeiten Sven und Monique Luckas derzeit an ihrem Hofladen in einem weiteren der vielen Räume des Gebäudekomplexes.

Als ob das nicht reicht, haben sie das neben stehende ehemalige Gesindehaus des einstigen Gutshofes gekauft – ein ebenso marodes Gebäude, für das die beiden eine Leidenschaft zu haben scheinen. „Das sanieren wir, um Seminarräume einzurichten sowie einen Raum der Stille für die Pilger“, erzählt Luckas.

Infos unter www.landhaus-luckas.de