Portrait

Roggenbrötchen statt Party

Judy Härchen ist mit 21 Jahren die jüngste Bäckermeisterin Deutschlands

Judy Härchens Arbeitstag beginnt um Mitternacht. „Mein Bruder Ben beginnt mit dem Siedegebäck wie unseren Kirschentaschen, Pfann- und Spritzkuchen. Ich mache den Brotteig. Während der gärt, widme ich mich unseren Spezialbrötchen, später dann dem Kuchenteig“, erzählt die eigenen Angaben nach jüngste Bäckermeisterin Deutschlands. Die 21-jährige Fürstenwalderin ist zudem die jüngste Handwerksmeisterin in Berlin und Brandenburg und damit Chefin im eigenen Familienbetrieb.

Täglich – außer montags und sonntags – um 6 Uhr öffnet die kleine Bäckerei mit ofenfrischer Ware aus dem Steinbackofen. Ursprünglich hatte Judy Härchen Lehrerin werden wollen, sie ging aufs Gymnasium, merkte aber in der 10. Klasse, dass ihr das Büffeln keinen Spaß macht und sie beruflich eher etwas tun möchte, das sie nicht nur geistig, sondern auch körperlich fordert. „Seit meiner Jugend habe ich in unserer Familienbäckerei mitgeholfen, ebenso wie meine drei Brüder, und das hat Spaß gemacht“, sagt die junge Frau.

Mit dem Abschluss nach der zehnten Klasse verließ Judy Härchen die Schule und begann eine Bäckerlehre. Seitdem sind das Brotewirken, Teiganrühren und Kuchenglasieren ihr Berufsalltag. „Ich war der erste Azubi meines Vaters“, sagt die Jung-Meisterin mit hörbarem Stolz. Gelernt hat sie damals mit rund 20 anderen Lehrlingen in der Berufsschule. Tatsächlich Bäcker geworden und geblieben sind mit ihr sechs. Inzwischen geht der 18 Jahre alte Bruder Bill selbst bei seiner großen Schwester in die Lehre.

Ihr Vater starb zu Beginn ihrer Lehre

Dass sie nach erfolgreicher Gesellenprüfung so schnell, also im vergangenen Jahr, ihren Meister machen würde, ist eher tragischen Umständen geschuldet. Vor vier Jahren starb unerwartet Vater Werner Härchen, da war Judy Härchen gerade im ersten Lehrjahr und der 1992 begründete Familienbetrieb plötzlich führerlos. „Ohne Meistertitel darf in Deutschland keine Bäckerei geleitet werden oder umgekehrt – jede Bäckerei braucht einen Meister.“ Bruder Ben (33) war zwar schon Geselle, hätte er sich aber für die Meisterqualifikation entschieden, wäre niemand mehr da gewesen, der backt. Übergangsweise vermittelte die Bäckerinnung einen Leihmeister – solange, bis Judy Härchen soweit war und den Betrieb rettete.

Die kleine Familienbäckerei liegt am nördlichen Stadtrand von Fürstenwalde. „Zu uns kommen viele Kunden aus den umliegenden Dörfern und aus der Wohnsiedlung in der unmittelbaren Nachbarschaft. Sie sind alle froh, nicht erst in die Innenstadt fahren zu müssen“, sagt die Bäckermeisterin. Doch nicht nur die Lage sichere eine treue Stammkundschaft und guten Absatz, sondern auch die Kreativität, das vielfältige Sortiment, ist sie überzeugt. Eine Härchen-Spezialität beispielsweise zu Ostern ist ein Osternest, bestehend aus einem Mürbeteigkranz mit einem Buttercreme-Schokoring, das der Kunde dann individuell bestücken kann. „Hier sind Sie echt beim Bäcker, wo die Fahne des traditionellen Handwerks hoch gehalten wird, weil wir täglich frisch backen – von Mitternacht bis in den frühen Nachmittag hinein“, sagt Mutter Ilona Härchen, die hinter dem Verkaufstresen steht. Kühlanlagen und Backautomaten wie in vielen Backshops gebe es hier nicht.

Judy Härchen bereut die Berufswahl nicht. Es mache ihr auch nichts aus, dass ihr Arbeitsbeginn um Mitternacht ist und sie spätestens gegen 17 Uhr schlafen geht, sagt sie. „Ich bin das frühe Aufstehen von Klein auf gewöhnt.“