Gerichtsverfahren

Opfer wütender Rocker

Prozess gegen Mitglieder des MC Gremium wegen versuchten Mordes an einem 16-Jährigen

– Sie hielten den jungen Mann für einen Feind und wollten ihn töten. Dann schlugen und stachen die Rocker brutal zu. Das 16-jährige Opfer überlebte nur durch eine Notoperation. Die brutalen Schläge und die Messerattacke auf den jungen Mann waren beinahe tödlich. Wegen des lebensgefährlichen Übergriffes müssen sich vier Mitglieder eines Rockerclubs seit Freitag vor dem Landgericht Cottbus wegen versuchten Mordes verantworten. Die Männer wurden in Handschellen zum Gericht geführt. Einige von ihnen sind sehr muskulös. Im Saal gelten während des Prozesses strenge Sicherheitsregeln.

Die Angeklagten vom Club MC Gremium sollen den Jugendlichen aus einer größeren Rockergruppe heraus in der Nacht zu Silvester 2011 in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) lebensgefährlich verletzt haben. Sie hielten ihn laut Anklage für ein Mitglied der verfeindeten Hells Angels. Der Schüler konnte nur mit einer Notoperation gerettet werden. Die vier Männer, die unbewegt schienen, äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Die Anklage lautet auch auf räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung, schweren Hausfriedensbruchs und Waffendelikten.

Beim Verlesen der Anklageschrift wurde deutlich, dass der Überfall auf den 16-Jährigen ein Vorspiel hatte. Vor dem Übergriff seien etwa 40 Rocker des MC Gremium in eine Diskothek eingedrungen ohne zu bezahlen, sagte der Frankfurter Staatsanwalt Peter Graupner. „Sie wollten die Gäste einschüchtern, darunter auch Anhänger der Hells Angels.“ Anlass für das bedrohliche Auftreten war demnach eine Auseinandersetzung von Anhängern beider Rockerclubs wenige Tage zuvor. Dabei wurde ein 26-jähriges Mitglied des Gremium MC in Königs Wusterhausen niedergestochen und schwer verletzt.

Als die wütenden Gremium-Rocker die Diskothek verließen, sahen sie draußen den 16-jährigen Schüler, den sie für ein Mitglied des gegnerischen Clubs hielten. „Eine Gruppe von etwa 20 Männern verfolgte den jungen Mann mit der Absicht, ihn zu töten“, berichtete der Staatsanwalt. „Durch seine Tötung wollten sie ihre Macht gegenüber den Hells Angels demonstrieren.“ Graupner nannte Details der Attacke, so dass etlichen Zuschauern der Atem stockte. „Die Angeklagten traten den Jugendlichen, einer schlug mit einem Schlagring sechsmal auf dessen Kopf. Zwei Männer stachen mit Messern auf ihn ein, ein anderer schlug ihn mit einer Taschenlampe“, sagte der Staatsanwalt. Als der Schwerverletzte mit klaffenden Wunden ohnmächtig wurde und am Boden lag, hätten noch andere aus der Gruppe auf ihn eingeprügelt. Erst als sie das Opfer für tot hielten oder von seinem baldigen Tod ausgingen, sollen die Rocker von ihm abgelassen haben. Das lebensgefährlich verletzte Opfer konnte nur durch eine mehrstündige Notoperation gerettet werden.

Kontrollen aller Besucher

Als Zuschauer des Prozesses waren auch etwa 25 teils tätowierte und glatzköpfige Rocker in ziviler Kleidung aus Brandenburg und Sachsen angereist. Sie wurden im Gerichtssaal durch Polizeibeamte von den anderen Besuchern getrennt, verhielten sich aber ruhig. Der Prozessbeginn hatte sich wegen Kontrollen aller Besucher verzögert. Etwa 50 Polizisten waren im Einsatz, die Zuhörer mussten alle metallischen Gegenstände abgeben und ihre Personalausweise zeigen.

Die Verteidiger beantragten weitere Akteneinsicht und deshalb die Aussetzung des Prozesses. Darüber soll noch entschieden werden. Die ersten Zeugen will die Kammer an diesem Montag hören. Das inzwischen 17-jährige Opfer des Übergriffes ist vorerst nicht dabei.

Die Region Berlin-Brandenburg gilt als eines der Zentren der Rockeraktivitäten. Die Polizei geht von 1000 Mitgliedern aus, die vor allem den Hells Angels und Bandidos zuzuschreiben sind. In Brandenburg sind die drei Motorradrocker-Clubs Hells Angels, Bandidos MC und Gremium MC aktiv. Sie haben nach Angaben des Polizeipräsidiums Brandenburg insgesamt rund 400 Mitglieder. Die Geschäfte der Rocker drehen sich um Drogen, die Kontrolle von Clubs und Diskotheken, Türsteherdienste, Prostitution und Waffen. Dabei kommt es zu teils blutigen Auseinandersetzungen.

Die Polizei hat kriminelle Rockerbanden zuletzt schwer unter Druck gesetzt – jetzt löste sich eine Gruppe der Hells Angels in Cottbus auf. Die Motorradrocker wollten damit vermutlich einem Verbot ihres Charters durch die Behörden zuvorkommen, sagte eine Sprecherin der Polizei Cottbus am Freitag. Dass sich die Rocker nun aus Cottbus zurückziehen, gilt als unwahrscheinlich. Das zeigt ein Fall aus Potsdam: Dort hatte sich im Juni 2012 ein Hells-Angels-Club aufgelöst. Elf Tage später gründete sich das neue Charter East Area, in dem sich die Rocker bis heute in der Landeshauptstadt treffen.