Flughafenbau

„Wir können nur Fragen stellen“

Rainer Bretschneider ist Chef der Task Force für den BER im Land Brandenburg. Doch deren Möglichkeiten sind begrenzt

– Eigentlich könnte er als Pensionär jetzt in Neuseeland sein. Oder in Tibet, vielleicht auch in der Mongolei. Denn dort war er noch nicht auf seinen vielen Reisen. Statt dessen soll er dafür sorgen, dass die Flugzeuge am Hauptstadtflughafen BER möglichst bald abheben. Rainer Bretschneider leitet seit vier Wochen in der Potsdamer Staatskanzlei den Krisenstab, der den BER-Aufsichtsratsvorsitzenden und Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) unterstützt. Eine Task Force, nicht im Krieg, aber im Kampf gegen die Pannen-Technik, das Chaos-Management und die fehlende Kontrolle beim wichtigsten Projekt in der Region.

„Die Truppe ist bis auf einen komplett“, sagt Bretschneider. Zehn Mitarbeiter sind es, darunter ein Jurist, eine Betriebswirtin, ein früherer Bauleiter, zusammengewürfelt aus mehreren Ministerien. Sie sichten Unterlagen, fragen bei der Flughafengesellschaft nach. Zum Beispiel, warum sich das Licht am Flughafen-Terminal laut BER-Technikchef Horst Amann nicht aus- und anschalten lässt. Auch auf diese Frage gibt es bisher keine Antwort.

Mit Samba klappt es noch nicht

Rainer Bretschneider ist kein großer Mann und er schleppt einige Kilos zu viel mit sich herum. Seine Augen sind olivfarben, sein Haar ist grau, der weiße Bart ein wenig struppig. Oft kämpft er mit dem Sitz der Krawatte, seine guten Manieren vergisst er nie. Die Damen bekommen einen Handkuss, so wie es sich gehört: Die Lippen berühren den Handrücken nicht. Bretschneider hat ein feines Lächeln und kann herzhaft lachen. Schwer vorstellbar allerdings, dass er mit seiner Leibesfülle gern tanzt: schnellen Foxtrott. Er überlegt, ob er mit seiner Frau wieder einmal einen Tanzkurs besuchen sollte. Lateinamerikanisch. Mit Samba klappt es noch nicht so recht, sagt er.

Sein Büro liegt nur wenige Türen von Platzecks Dienstzimmer entfernt. Bald zieht er in andere Räume, die Task Force rückt zusammen. Es wird viel herumtelefoniert, Akten werden gewälzt. Die Koordinierungsgruppe steuerte auch Informationen für Platzecks Rede zum Volksbegehren für ein erweitertes Nachtflugverbot bei. Der Landtag hat das Begehren von 106.000 Brandenburgern in der vergangenen Woche mit der rot-roten Mehrheit angenommen. Der Regierungschef soll nun mit Berlin und dem Bund verhandeln. Experten in Bretschneiders Team haben auch geprüft, inwieweit die Forderungen nach mehr Nachtruhe überhaupt umsetzbar sind. Ohne die beiden anderen Gesellschafter Berlin und Bund ist nach Einschätzung der Experten ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr nicht möglich. Und die reagierten entsetzt auf Platzecks Kehrtwende. Der hofft nun auf einen Kompromiss.

„In der Flughafengesellschaft arbeiten 1000 Leute“, sagt Breitscheider. „Wir hier können nur Fragen stellen, Platzeck als Aufsichtsratschef beraten und uns über Probleme auf dem Bau zeitnah informieren.“ Es sieht so aus, als wolle Platzeck nichts mehr dem Zufall überlassen, seit er im Januar den Vorsitz von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) übernommen hat. Platzeck wird vorgeworfen, dass auch er als langjähriger Vize-Aufsichtsratschef versagt hat – die Eröffnung viermal verschoben, die Kosten auf bald fünf Milliarden Euro explodiert.

Vor Platzecks Flughafenkoordinator liegen viele Zwölf-Stunden-Tage. Dabei war er schon in Pension. Im einstweiligen Ruhestand, wie man das bei Staatssekretären nennt, wenn sie vor dem 65. Geburtstag ausscheiden. Das neue Leben dauerte drei Monate lang. Rainer Bretschneider weiß jetzt, wie es sich anfühlt, sich seine Zeit einteilen zu können. Mehr bei der Familie zu sein, bei seiner elf Jahre jüngeren Frau und den beiden 17 und 19 Jahre alten Söhnen. Er weiß aber auch, wie schön es ist, noch gebraucht zu werden. Denn freiwillig war sein Abschied aus dem Arbeitsleben nicht. Als Platzeck ihn heimschickte, traf ihn das völlig unvorbereitet. Natürlich tat das auch weh, nach über 35 Jahren als loyaler Staatsbeamter. In Brandenburg war Rainer Bretschneider ein Mann der ersten Stunde: Als Aufbauhelfer aus Nordrhein-Westfalen baute der Volljurist das Verkehrsministerium in Potsdam mit auf. Diente vier Ministern in diesem Haus und zwei Ministerpräsidenten.

Platzeck hat ihn in den Dienst zurückgeholt, als die neue Superministerin Lieske im Jahr 2010 nach nur wenigen Wochen hinwarf. Beide konnten nicht ahnen, dass das Schicksal des einen einmal so sehr auch vom Geschick des anderen abhängen wird. Denn geht es auf dem Flughafen nicht voran, sind Platzecks politischen Tage gezählt. Bretschneider hingegen hat außer seinem guten Ruf nicht viel zu verlieren. „Probleme stacheln mich an, ich bin ehrgeizig“, sagt er.

Die Möglichkeiten sind seiner Ansicht nach auch für Platzeck begrenzt. „Das Schicksal des Flughafens entscheidet sich auf der Baustelle.“ Laut einer internen Liste wurden auf dem Flughafen 20.000 kleine und große Mängel entdeckt. Ein neuer Eröffnungstermin ist nicht in Sicht. Technikchef Horst Amann will erst die Bestandsaufnahme abschließen. Nachdem die drei staatlichen Gesellschafter der Planungsfirma gekündigt haben, fehlt immer noch der Überblick. Die Brandschutzanlage funktioniert weiterhin nicht.

Es gibt schon Nächte, da kann Rainer Bretschneider nicht einschlafen. „Manchmal wälze ich mich herum und stehe um 3Uhr auch noch mal auf.“ Er weiß um die Verantwortung, die als Flughafen-Koordinator auf ihm lastet. Er will keine Fehler machen.

Das Projekt kennt er von Anfang an. Das Infrastrukturministerium ist für die luftrechtliche Genehmigung zuständig und damit für das Planfeststellungsverfahren. „Der Standort Schönefeld war von Anfang an umstritten“, erinnert sich Bretschneider. Bislang hat die Fachbehörde alle Prozesse gewonnen. Beim Lärmschutz für die Anwohner wurden nach einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts die Vorgaben allerdings nicht eingehalten. „Wir gingen davon aus, dass die Schallschutzmaßnahmen der Entwicklung des Flughafens stufenweise angepasst werden können und nicht von vorneherein das Niveau von 2023 haben müssen. Diese Ansicht wurde nach dem Gerichtsbeschluss verändert“, sagt er. Fakt bleibt: Die Flughafengesellschaft hat viel zu wenig Geld für den Schallschutz in Häusern eingeplant und muss noch einmal kräftig drauflegen. Bretschneider muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass das Infrastrukturministerium zu wenig insistiert hat. Er habe „keine Zweifel daran, dass der Schallschutz bis zur Eröffnung sichergestellt ist“, sagt Bretschneider.

Feige ist er nicht. Er hat sich bei Bürgerversammlungen beschimpfen lassen, nachdem die Deutsche Flugsicherung im Herbst 2010 die Flugrouten vom BER bekannt gab. Viele haben ihre Häuser dort gebaut, wo es nun lauter wird. Bretschneider kann die Wut und die Ängste verstehen. „Der Bürger hat einen Anspruch darauf, dass die Verantwortlichen nicht weglaufen“, sagt er.

Angespannte Stimmung

Momentan ist die Stimmung in Platzecks Regierung angespannt. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in Berlin stellt sich beim Arbeitsvertrag für den neuen Flughafen-Chefberater Wilhelm Bender quer. Was passiert, wenn Bender abspringt? Er soll Horst Amann solange zur Seite stehen, bis ein neuer Vorstandschef gefunden ist. Von Eifersüchteleien Wowereits auf Platzeck ist die Rede. Bretschneider schweigt natürlich zu solchen Vorgängen.

Am 13. Dezember wird Rainer Bretschneider 65 Jahre alt, sein Dienstverhältnis wurde bis Ende 2015 verlängert. Er stellt klar: „Das Datum sagt nichts über die Fertigstellung des Flughafens aus.“ Bretschneider sagt nicht Flughafen, sondern Fluchhafen. Es ist aber nur das typische Ruhrpott- „ch“.