Tiere

Massage und Magnetfeldtherapie

Pferde müssen nicht zum Schlachter. Eine Pension nahe Seelow kümmert sich um ältere Tiere

Angewärmtes Wasser, Luftfilter, gelenkschonende Matten, Schallwellenmassage oder Magnetfeldtherapie – was sich anhört wie ein Wellnessprogramm für gestresste Zeitgenossen, ist in diesem Fall nicht für Zwei-, sondern für Vierbeiner gedacht. Auf dem Pferdehof von Claudia und Peter Karl Wirth in Görlsdorf bei Seelow werden betagte Rösser umsorgt wie in einem Seniorenheim. „Das Pferd ist bei uns König“, sagt die 48 Jahre alte Hausherrin.

Das Ehepaar hat sich auf die fachgerechte Betreuung alter und lungenkranker Pferde spezialisiert; es hat den bundesweit ersten zertifizierten Betrieb dieser Art. Und das nicht ohne Grund. „Alte Tiere, die für den Menschen keinen Gebrauchswert mehr haben, enden oftmals beim Schlachter oder Abdecker. Dabei haben sie sich einen geruhsamen Lebensabend verdient“, sagt Peter Karl Wirth. Bei dieser Einstellung verwundert es nicht, dass Wirths selbst vier ausgediente Reit- und Springpferde kauften und so vor dem sicheren Tod retteten. Eines der Tiere ist zwar inzwischen aus Altersgründen verstorben, doch die anderen drei tummeln sich auf der Koppel hinter dem um die Jahrhundertwende erbauten Backstein-Bauernhaus. Platz ist für mindestens sieben Tiere.

Helle Holzwände

Peter Karl Wirth zeigt im ausgebauten alten Stall auf große, geräumige Boxen, die durch helle Holzwände voneinander getrennt sind. Das großzügig eingestreute Stroh liegt auf gelenkschonenden, rutschfesten Matten, die den Boden zudem isolieren, wenn sich die Tiere hinlegen. „Alte Pferde legen sich ungern hin, aus Angst , wegzurutschen und nicht wieder hochzukommen“, sagt der 52 Jahre alte Mediziner. Lüftungsschächte und bei Bedarf Ventilatoren sorgen für eine stetige Luftzirkulation, Luftfilter für eine reine Luft, Tageslichtlampen für die nötige Helligkeit. Gitter, die die Boxen in herkömmlichen Pferdeställen häufig bis zur Decke voneinander trennen, gibt es hier nicht. „Pferde sind Herdentiere. Sie brauchen soziale Kontakte untereinander, sind dadurch ausgeglichen und friedlich“, hat der Hausherr beobachtet.

Drei „Fremd“-Pferde haben Wirths bisher betreut, zwei von ihnen sind inzwischen verstorben. Der 21 Jahre alte Ben steht mit den hauseigenen Pferden auf der Koppel, galoppiert freudig einen Hang hinauf und kommt neugierig heran, sobald sich jemand der Weide nähert. Das Pferd gehört einer Familie aus der Nähe von Berlin und war aufgrund einer schweren Lungenerkrankung eigentlich schon dem Tode geweiht. Wirths zogen eine Tierheilpraktikerin hinzu, und binnen eines Jahres schafften sie gemeinsam, dass Ben wieder sichtbar Spaß am Pferdeleben hat.

Gern hätten die Wahl-Görlsdorfer noch mehr betagte Pensionsgäste, doch da fehle es Pferdebesitzern wohl am Bewusstsein, mutmaßen beide. „Viele Besitzer betrachten ihre Tiere als Sportgeräte. Für Pferde, die dafür nicht mehr taugen, will niemand mehr Geld ausgeben“, sagt Claudia Wirth. Mit einem herkömmlichen Gnadenhof habe ihre Pferdepension ohne Reitbetrieb nicht viel zu tun, sagt Claudia Wirth. „Gnadenhöfe sind in der Regel auf Spenden angewiesen. Je nachdem, wie viel Geld da ist, werden die Tiere betreut. Wir aber umsorgen unsere Schützlinge rund um die Uhr auf gleichbleibend hohem Niveau.“ Denn Wirths leben nicht vom Hof, müssen dort nicht gewinnbringend wirtschaften. Sie gehen wochentags ihren normalen Berufen nach, um den Hof finanzieren zu können. In der Zeit kümmert sich ein Mitarbeiter um die Pferde, führt sie jeden Tag auf die Koppel, damit sie sich bewegen und gelenkig bleiben. „Bei uns ist das Futter nicht rationiert, sie können so viel fressen, wie sie wollen“, sagt der Hausherr. Der Verdauungstrakt von Pferden brauche die regelmäßige Nahrungszufuhr. „Pferde sind eigentlich Nomaden, die durch die Steppe ziehen und dabei fortwährend fressen.“

Dass es den Pensionsleuten nicht auf das Geld ankommt, zeigen die Behandlungen mit der Magnetfeld- sowie der Schallwellenmassagetherapie, die zur Schleimlösung in den Lungen der Pferde genutzt werden, wie Wirth berichtet, der als Arzt in Eberswalde arbeitet. „So ein Schallwellengerät gibt es eigentlich nur für Menschen, wir haben uns eines für die Pferde speziell anfertigen lassen. Und mit dem haben wir alle unsere Schützlinge wieder hinbekommen“, berichtet er.

Eine weitere Besonderheit: Gefüttert wird nur aufgeweichtes Futter. „Das ist besser für die Pferdezähne, und wir sorgen gleichzeitig für die notwendige Flüssigkeitszufuhr“, sagt Wirth. Viel Zeit nehmen sich die Pensionsleute zudem für das Beobachten der Tiere. „Dadurch merken wir schnell, wenn mit einem unserer Pferde etwas nicht stimmt.“

100.000 Euro investiert

Claudia und Peter Karl Wirth sind seit ihrer Jugend von Pferden begeistert. Die gebürtige Berlinerin und ihr aus Bayern stammender Mann stellten ihr Hobby aber zunächst wegen ihrer Berufe zurück. „Erst vor ein paar Jahren wollten wir zurück zu diesen Ursprüngen, fingen wieder an zu reiten“, erinnert sich die pharmazeutisch-technische Assistentin. Als sie sich entschieden, wieder eigene Pferde zu haben, gerieten sie an ihre „Problem“-Tiere: den schwarzen Pedro, der biss und trat, keinen Menschen an sich heranließ, an Bengelchen, der vor Schmerzen keinen Reiter tragen konnte und zudem große Konzentrationsprobleme hat, und schließlich an das ehemalige Polo-Pferd Mignon, den mit geschätzten 35 Jahren Methusalem auf dem Hof.

„Wir konnten es nicht mitansehen – niemand kümmerte sich um diese alten oder kranken Tiere“, erinnert sich Frau Wirth, wie die Idee für ihre Pferdepension entstand. In Görlsdorf fanden sie vor fünf Jahren einen geeigneten Bauernhof mit gut drei Hektar Land. Rund 100.000 Euro haben sie in den pferdegerechten Aus- und Umbau gesteckt.

Manchmal sind auch schwierige Entscheidungen zu treffen. Als bei Mignon ein Krebsgeschwür entdeckt wurde, kommentierte der hinzugezogene Tierarzt: „So ein altes Pferd operiert man doch nicht mehr.“ Wirths ließen den Tumor vor anderthalb Jahren dennoch entfernen, der zudem auch noch herzkranke Mignon blühte sichtbar wieder auf. „Der ist hier wieder richtig zum Pferd geworden“, sagt Claudia Wirth.