Justiz

Eine Ehe voller Dominanz und Unterwerfung

Gutachteraussage im Prozess gegen Ex-Bürgermeister

Seit mehr als einem Jahr steht der frühere Kommunalpolitiker Heinrich Scholl (70) unter Mordverdacht, seit gut fünf Monaten muss er sich in Potsdam vor Gericht verantworten. Der Ex-Bürgermeister von Ludwigsfelde bestreitet, seine Frau Brigitte Ende Dezember 2011 erdrosselt zu haben. Auch das psychiatrische Gutachten des Berliner Mediziners Alexander Böhle beantwortet die Frage nicht, ob Scholl schuldig oder unschuldig ist. „Ich weiß bis heute nicht, ob Herr Scholl es getan hat oder nicht“, sagte der Sachverständige am Dienstag vor dem Landgericht Potsdam.

Der Angeklagte hat mit dem Mediziner Böhle mehrere Stunden lang gesprochen. Ausgesprochen höflich, jedoch distanziert sei Scholl gewesen, so der Gutachter. Weil der Angeklagte die Tat bestreitet, bleibt vieles für den Mediziner Spekulation. „Da ist ein großes Loch“, so Böhle.

Auf Grundlage von Scholls biografischen Angaben, persönlichen Notizen und Zeugenaussagen gelang ihm jedoch eine detaillierte Beschreibung der Ehe, in der Brigitte Scholl den Ton angab: Böhle beschrieb ein Verhältnis von Dominanz und Unterwerfung, von Macht und Ohnmacht. Laut Gutachten ist Scholl von einem dominanten Verhältnis in das nächste gerutscht: Erst gab die Mutter den Ton an, dann seine Frau. Scholl selbst hat laut Gutachten die Neigung, Konflikte zu verdrängen. Sein früheres Amt als Bürgermeister von Ludwigsfelde habe ihm geholfen, Eheprobleme zu kompensieren. „Da hatte er das Sagen“, sagte der Gutachter. Die Pensionierung 2008 war für Scholl ein tiefer Einschnitt. Seine Unfähigkeit, Aggressionen zu bewältigen, habe laut Gutachten letztlich mit zu einer psychosomatischen Störung geführt. Dies habe aber im Falle einer Verurteilung keine Auswirkung auf die Schuldfähigkeit, führte der Gutachter aus. Für eine Affekthandlung sieht er Ansatzpunkte – vorausgesetzt, Scholl wäre tatsächlich der Täter. „Es wird eine sehr angespannte Situation gewesen sein“, meinte er mit Blick Scholls Rückkehr von der Berliner Geliebten ins Haus nach Ludwigsfelde.