Interview

Den Meteoriten auf der Spur

Suche nach Steinen aus dem All: Thomas Grau aus Bernau ist Deutschlands einziger hauptberuflicher Meteoritenjäger

Nach dem Meteoritenfall in Tscheljabinsk in Russland muss Thomas Grau aus Bernau viele Fragen beantworten. Der 40-Jährige gilt als Deutschlands einziger hauptberuflicher „Meteoritenjäger“. 2002 fand er das erste Bruchstück des Meteoriten von Neuschwanstein, war später in Spanien und 2009 in Slowenien erfolgreich. Insgesamt kann er auf mehr als 30 Meteoritenfunde verweisen – weil er mit ungewöhnlichen Methoden nach „Post aus dem All“ sucht. Uta Keseling hat ihn danach gefragt.

Berliner Morgenpost:

Herr Grau, sind Sie in Tscheljabinsk, um Meteoriten zu suchen?

Thomas Grau:

Nein, unsere Arbeit beschränkt sich auf den mitteleuropäischen Raum. Dieser Fall ist allerdings schon etwas Besonderes, man kann auch von Berlin aus viel darüber dokumentieren. Die russischen Kollegen werden das sicher gut erforschen. Aber sollten sie mich fragen, bin ich gern bei der Suche behilflich.

Hat Sie der Meteoritenfall überrascht?

Jeder Meteoritenfall, jede Feuerkugel kommt überraschend. Die Gesteinsbrocken aus dem All sind zu klein, als dass man sie schon astronomisch „sehen“ kann. Wir als Spezialisten für Meteorkunde erfahren von solchen Himmelserscheinungen durch Mails, Internetforen und durch automatische Kamerasysteme, die eigentlich etwas ganz anderes beobachten sollten. In diesem Fall hat mich mein neunjähriger Sohn am Freitag geweckt, er hatte die Information im Radio gehört. Da wusste ich sofort, das wird ein heißer Tag. Und ich sah auf den Fernsehbildern, dass es niemals ein Meteoriteneinschlag war, wie es zunächst hieß, sondern ein Meteoritenfall – das ist ein Unterschied. Astronomisch gesehen ist nicht ein Asteroid beobachtet worden, der in dieser Stadt aufschlug. Es gab nur den detonierenden Meteor zu beobachten.

In Russland wird inzwischen mit den Teilchen aus dem All gehandelt, auf Ebay sollen die Stücke mehr als 12.000 Euro kosten. Ist das seriös?

Nach allem, was ich im Internet und im Fernsehen gesehen habe, ist noch gar nicht gesichert, dass diese Funde wirklich Meteoriten sind. Aus der Ferne betrachtet können sie auch Schlacke sein oder Rückstände aus dem Steinkohleabbau in der Gegend. Ein Stück, das ich im Internet gesehen habe, war definitiv Straßenbelag. Diese Angebote ohne wissenschaftliche Bestätigung sind immer unseriös.

Wie sehen echte Meteoriten aus?

Sie haben eine dünne, glasige Kruste, die aber auch rau ist wie eine Feile. Diese Schicht erstarrt im Flug. Innen bestehen Meteoriten aus Stein oder Eisen, eben so, wie der Eindringling im All aussah. Schlacke zum Beispiel sieht äußerlich ähnlich aus, war aber einst auch innen geschmolzen. Das ist dann sozusagen Zivilisationsschrott. Es gibt leider immer Menschen, die Meteoriten anbieten, ohne diese überhaupt klassifizieren zu lassen. Manchmal werden auch Meteoriten aus ganz anderen Fällen als aktuelle Funde ausgegeben. In Deutschland gibt es einen prominenten Fall eines solches Fakes, der „Königsbrück“. Er stammt aus der Wüste, wurde aber als deutscher Meteorit klassifiziert, weil der Finder den Fundort so angab.

Wer untersucht, ob es sich um Meteoriten oder Schrott handelt?

Petrologen können mittels Dünnschliff unterm Mikroskop herausfinden, welche Mineralien enthalten sind. Es sei denn, es ist ein Eisenmeteorit – da braucht man andere Geräte, um festzustellen, dass es sich nicht doch einfach um ein verrostetes Stück Eisen handelt. Um zu bestimmen, wie lange ein Meteorit schon auf der Erde liegt, müssen dagegen Strahlen gemessen werden. Sogenannte Kosmochemiker messen die Radionuklide der Metallisotope oder die Edelgase. Es gibt jedoch nur wenige Labore, die das machen.

Sie gelten als ein Experte im Auffinden von Meteoriten. Wie machen Sie das?

Wir versuchen, möglichst früh da zu sein. Zu hundert Prozent genau vorhersagen kann man Meteoritenfälle nie. Das Gebiet, in dem der Meteor verlischt, ist meist unscharf, Höhenwinde können die Stücke schon mal einen Kilometer weiter tragen. Man muss also schon ein paar Quadratkilometer absuchen. Wir befragen auch Augenzeugen, wenn Kameras nichts aufgezeichnet haben. Man versucht einfach, alle Informationsquellen zu nutzen.

Sie haben Ihren Beruf selbst erfunden.

Als Schüler baute ich mir ein Dobson-Teleskop, so kam ich zur Astronomie. Ich habe eigentlich physikalische Ingenieurswissenschaften studiert und mich dann zum Spezialisten für Meteore und Meteoritenkunde weitergebildet. 2004 gründete ich das ERFM, das European Research Center for Fireballs and Meteorites.

Eine Marktlücke?

Vielleicht. Es gibt Astronomen und Petrologen – die einen wollen die Meteore vermessen, die anderen die Steine haben. Zusammen finden sie nur durch Leute wie zum Beispiel mich. Einer muss eben die Dinger suchen. Scheinbar habe ich etwas richtig gemacht – ich habe je mehrere Meteoritenfälle richtig berechnet.

Glauben Sie an Leben im All?

Grundsätzlich ja, aber nicht, dass es uns besuchen kommt. Aber manchmal kommt man ins Grübeln, etwa bei den Funden, in denen organische Stoffe eingeschlossen sind. Ich erinnere mich an einen Meteoriten, der fürchterlich stank. Ich roch neugierig daran, bis mir einfiel, es könnte ja giftig sein. Man weiß ja nie, welche Post aus dem All man da bekommen hat ...