Viadrina

Pendeln zur Europa-Universität

Mehr als die Hälfte der Studenten leben nicht in der Oderstadt. Es fehlen lukrative Jobs und ein attraktives Kulturangebot

– Jenny Schroths Entscheidung war rein pragmatischer Natur. „Ich lebe mitten im Zentrum von Frankfurt, bis zur Uni ist es nur ein Katzensprung“, sagt die gebürtige Sächsin. Vom Studentenleben hat sich die Absolventin der Frankfurter Europa-Universität „Viadrina“ eigentlich schon längst verabschiedet, doch noch immer lebt sie im „Verbündungshaus fforst“, einem deutschlandweit bisher einmaligen Studentenprojekt.

In dem eigentlich schon auf der Abrissliste stehenden Plattenbau in der Frankfurter City entstand vor sieben Jahren ein internationales, selbstverwaltetes Studentenhaus, in dem bis zu 35 Studenten aus unterschiedlichen Ländern zusammen leben. Der für das ehrgeizige Pilot-Projekt ausgewählte Fünfgeschosser in der Forststraße steht strategisch geradezu ideal – auf dem Weg zwischen dem deutsch-polnischen Grenzübergang und der Frankfurter Europa-Universität „Viadrina“.

137 Euro Miete im Monat

„Ich wollte in eine Gemeinschaft ziehen. Hier bist du tatsächlich nie allein und trainierst noch Deine Fremdsprachenkenntnisse“, erzählt Jenny, die sich für 137 Euro monatlich eine Wohnung mit Studenten aus Kanada und Polen teilt. Die studierte Kulturwissenschaftlerin entschied sich bewusst für den Studienort Frankfurt. „Das auf Alltagssoziologie und Lebenskultur ausgerichtete Kuwi-Konzept gefiel mir.“ Für Jenny war klar: Wo sie studiert, will sie auch leben.

Doch das sehen längst nicht alle „Viadrina“-Studenten so, der guten verkehrstechnischen Anbindung und dem Semesterticket sei Dank. Frankfurt ist nicht nur eine Berufs-Pendler-Stadt, sondern auch ein lediglich zeitweiliges Domizil für Studenten. Die meisten von ihnen pendeln auch 20 Jahre nach der Aufnahme des Studienbetriebes an der „Viadrina“ mit dem Zug. Der Regionalexpress aus Richtung Berlin ist morgens voll von jungen Leuten, die in Bücher vertieft sind, in dicken Kladden kritzeln oder unentwegt in Klarsichtfolien wühlen. Am späten Nachmittag pilgert die studentische Karawane zurück zum Bahnhof – ein wochentags alltägliches Bild, das nicht jedem gefällt.

„Viadrina“-Absolventin Jenny kann sich noch gut daran erinnern, dass die Mittagspausen zwischen Lehrveranstaltungen ausfielen, um früher Schluss zu machen – weil der Zug fährt. „Da waren die, die in Frankfurt blieben, oft in der Minderheit und wurden überstimmt“, sagt sie und schätzt die Zahl der täglichen Pendler unter den Studenten auf „mindestens 50 Prozent“. Zwar gibt es keine Statistik, doch laut Frankfurter Studentenwerk gibt es in der Stadt 1300 Wohnheimplätze, rund 1000 weitere in Frankfurts polnischer Nachbarstadt Slubice östlich der Oder. „Und die sind alle gut ausgelastet, ab und zu gibt es auch Wartezeiten bis zu einem Monat“, sagt Studentenwerk-Chefin Ulrike Hartmann. Hinzu kommen viele von Studenten gemietete Zimmer und Wohngemeinschaften über den freien Markt.

Das kann auch Michaela Grün bestätigen, seit Jahresbeginn Sprecherin der Europa-Universität. Die gebürtige Düsseldorferin hat selbst an der „Viadrina“ studiert und währenddessen in einer WG gelebt. „Natürlich gibt es einen großen Teil Studenten, die aus der Region stammen und noch Zuhause wohnen, schon aus Kostengründen“, sagt Grün. Laut den Beobachtungen von Jenny Schroth sind es vor allem Jura-Studenten, die in Frankfurt „sesshaft“ sind. „Die leben mehr oder weniger in der Uni-Bibliothek, weil viele Bücher dort nur einsehbar, aber nicht auszuleihen sind“, erklärt sie. Bei den Kulturwissenschaften hingegen sei das Studium so flexibel, dass man sich alle Vorlesungen und Seminare auf zwei, drei Tage in der Woche legen könne. „Das sind eher Leute, die pendeln“, sagt die „Viadrina“-Absolventin. Und ein weiterer Umstand treibt die Studenten aus der Oderstadt. Viele bräuchten einen gut bezahlten Job, um ihr Studium zu finanzieren. „Schüler-Nachhilfe oder Aushilfe in einer Fast-Food-Kette für fünf Euro je Stunde reichen da nicht aus.“ Der Mangel an Studentenjobs, der schwachen wirtschaftlichen Lage Frankfurts geschuldet, sei schon ein großes Manko, bestätigt Viadrina-Absolvent Mario Quast, der seit seinem Abschluss vor 13 Jahren das deutsch-polnische Kooperationsbüro der Sparkassen leitet. „Da bietet Berlin eindeutig die besseren Möglichkeiten, mit 13 Euro für studentische Hilfskräfte“, sagt der Wirtschaftsexperte.

Viele bleiben nach dem Abschluss

Doch immerhin blieben viele nach den Studienabschluss in der Region – so wie die Gründer des Unternehmens „Wir kaufe’s“, das alte Mobiltelefone recycelt und inzwischen auf 80 Mitarbeiter angewachsen ist. Wer sich für die Stadt am deutsch-polnischen Grenzfluss entscheide, tue das ganz bewusst, ist Universitätssprecherin Grün überzeugt. „Frankfurt ist spannend, weil noch nicht so gesättigt und etabliert, wie Berlin. Die Stadt ist ein Ort im Entstehen“.

Studenten würden sich in den Vereinen Frankfurts engagieren, seien bei Festen dabei, gehörten inzwischen zum Stadtbild, lobt Quast. „Die Viadrina-Studenten werden wahrgenommen, wenn sie selbst kreativ werden, etwas entwickeln“, glaubt der Künstler Michael Kurzwelly, der den gemeinsamen Stadtraum „Slubfurt“ erfunden hat und diesen gemeinsam mit Studenten in zahlreichen Aktionen lebendig werden lässt. In Berlin bestünden vielfältige Möglichkeiten, Kultur zu konsumieren, in Frankfurt könne man eigene Idee umsetzen, so Kurzwelly.

Das sieht auch die gebürtige Eisenhüttenstädterin Nina Riedel so. Nach dem Bachelor-Abschluss will die angehende Kulturmanagerin jetzt noch ihren Master an der „Viadrina“ machen, ist inzwischen aber vom überzeugten Frankfurt-Bewohner zur Berlin-Pendlerin geworden. „Wenn man in Frankfurt ausgewählte Kultur genießen will, muss man sie sich selbst organisieren. Ich will jetzt endlich mal genießen, ohne selbst mit anzupacken. Da ist in Berlin einfach mehr los“, sagt die ehemalige Bewohnerin des „Verbündungshauses fforst“, das Universitätssprecherin Grün „eine Erfolgsgeschichte“ nennt.