Tourismuskonzept

Goldsucher in der Kohlegrube

Die Lausitz setzt auf Tourismus. Kanäle, Seen und Überbleibsel des Bergbaureviers sollen Tausende Gäste anlocken

- Jahrzehntelang kannten die Menschen in der Lausitz vor allem eins: schwere Arbeit im traditionellen Braunkohleabbau. Als mit der politischen Wende die Industrie der DDR zusammenbrach, gab es kaum mehr etwas für sie zu tun. Auch heute liegt die Arbeitslosenquote im Kreis Oberspreewald-Lausitz mit rund 14 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt von knapp zehn Prozent. Doch anders als damals, Anfang der 90er Jahre, hoffen die Bewohner dieses Landstrichs nun wieder.

Ihre Zukunft soll ausgerechnet im Tourismus liegen, und das nicht nur im bereits boomenden Spreewald. Bis zum Jahr 2016 soll aus der durch den Braunkohleabbau geschundenen Region zwischen Großräschen und dem sächsischen Hoyerswerda die größte künstlich geschaffene Seenlandschaft Europas entstehen.

Nach den bisherigen Plänen werden dann fast alle der 30 ehemaligen Braunkohlegruben mit Wasser gefüllt und zehn über Kanäle miteinander verbunden sein. Bereits heute kommen bis zu einer Million Besucher im Jahr, um einen Eindruck vom spannenden Übergang in eine neue Ära zu bekommen und um die ungewöhnlichen, oft riesigen Industrie-Hinterlassenschaften zu besichtigen.

Umwandlung einer Landschaft

So zieht allein die ehemalige "Drecksmaschine", wie viele Bewohner der Niederlausitz das größte bewegliche Arbeitsgerät Welt nennen, im Jahr bis zu 70.000 Interessierte an. 20 Kilometer von der künftigen Seestadt Großräschen entfernt, werden in Lichterfeld selbst bei Schnee und Kälte auf der kolossalen Förderbrücke Führungen in luftiger Höhe von bis zu 74 Metern angeboten. Das beeindruckende Gerät ist einen halben Kilometer lang. Im Sommer sorgt die Licht- und Klanginstallation jeden Abend für ein unvergleichbares Erlebnis, im Winter leuchtet der Koloss mit der Bezeichnung "F 60" nur auf besondere Bestellung. 80 Scheinwerfer mit farbigem Licht sind direkt an der Brücke montiert. Die Zahl 60 hinter dem F steht für eine Abraumtiefe von 60 Metern im Tagebau.

Die Transformation der Anlage in eine Lichtskulptur hat der Berliner Aktionskünstler Hans Peter Kuhn geplant: Die F 60 erstrahlt dank weißer Streifen und bunten Punkten nachts hell. Dazu sollen Klänge die einstigen Arbeiten auf der Brücke imitieren, allerdings nicht in Originallautstärke. Die lag einst bei 110 Dezibel. Die F 60 diente auch schon als Spielstätte für Open Air-Konzerte und Aufführungen. So standen "Nabucco" mit Sängern der Mailänder Scala auf dem Programm, auch Max Raabe und das Palastorchester.

"Die Förderbrücke wäre verschrottet, wenn es nach den meisten Bewohnern hier gegangen wäre", sagt Rolf Kuhn. Seit der heute 66-Jährige vor fast 15 Jahren in die Lausitz gekommen ist, haben die mittlerweile rostigen Relikte ihrer Vergangenheit wieder eine Bedeutung erhalten.

Kuhn war zehn Jahre lang Direktor des renommierten Bauhauses in Dessau, bis er sich 1998 auf eine Ausschreibung bewarb. Gesucht wurde jemand, der hier die Internationale Bauausstellung IBA im Jahr 2000 vorbereitet. Für das Abenteuer gab der Städtebauer und Gebietsplaner seinen renommierten Posten in Dessau auf. Als Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land brachte er in den folgenden zehn Jahren in der Lausitz 30 Projekte auf den Weg. "Als ich hier anfing, galt Berlin als die größte Baustelle Europas, aber die größte Landschaftsbaustelle, wahrscheinlich sogar weltweit, ist in der Lausitz", sagt Kuhn. Das hat sich herumgesprochen: Intereressierte kommen aus aller Welt hierher. Das Besucherbergwerk F 60 ist von Mittwoch bis Sonntag geöffnet.

Auch die Biotürme in Lauchhammer liegen in der Publikums-Rangfolge weit vorne. Die Anlage wird auch "Castel del Monte der Lausitz" genannt. Mit Romantik haben die Türme aber nichts zu tun. Bei der aus 24 Türmen bestehenden 22 Meter Anlage handelt sich um letzte Relikte der Kohleförderung.

Knapp fünf Milliarden Euro sind bisher in die Sanierung der Lausitzer Braunkohlelandschaft und das Großprojekt "Seenland" geflossen. Mehr als zehn Landes-Minister hat IBA-Chef Kuhn versucht, von dem Projekt zu begeistern. "Ministerpräsident Matthias Platzeck gehörte schon immer zu unseren Unterstützern", sagt er. Kommunen oder Vereine führen die Industriekultur-Projekte weiter, nachdem die Gesellschaft aufgelöst ist. "IBA-Vater" Kuhn ist zufrieden mit dem, was ihm und seinen Mitstreitern gelungen ist: "Innovationen in einer innovationsfeindlichen Gegend zu schaffen", wie ein prominenter Besucher des früheren Tagebauregion es einmal formulierte.

Obwohl er nun offiziell in Pension ist, will Rolf Kuhn nicht weg aus Großräschen. Der Professor hat auch keineswegs vor, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Er bleibt, "weil es doch erst so richtig los gehen wird". Bis zum Jahr 2020 sollen 5000 Quadratkilometer einer neuen Landschaft und mehr als 12 000 Hektar Wasserfläche entstehen, die vorwiegend touristisch genutzt werden sollen. Zuständig ist die Lausitzer und Mitteldeutsche mbH (LMBV). Das Unternehmen ist dem Bundesfinanzministerium unterstellt. "2013 wird das Jahr der Eröffnungen im Lausitzer Seenland", sagt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber. Für 28. März ist die Eröffnung des Stadthafens Senftenberg mit Liegeplätzen für 120 Sportboote und einer 90 Meter langen Seebrücke geplant. Spätestens 2014 sollen die Erschließungsarbeiten für das Lagunendorf Sedlitz beginnen, das hochwertiges Wohnen auf 120 Grundstücken mit Wasserzugang ermöglicht.

Seehotel "im Wartestand"

Auf den IBA-Terrassen in Großräschen wurde bereits 2007 die Flutung der einstigen Grube Meuro gestartet. Der Ilse-See - ist inzwischen zum Großräschener See unbenannt. Von der Victoriahöhe aus kann man aufs Wasser schauen. Noch fehlt dem dort entstandenen Vier-Sterne-Seehotel der Zugang zum See. Denn das Wasser muss erst noch um acht Meter ansteigen. Das muss nach und nach passieren, da nur an wenigen Tagen im Jahr aus dem Fluss Schwarze Elster Wasser in den See geleitet werden darf. Eigentlich sollte schon im nächsten Jahr geflutet werden, jetzt wird mit 2016 gerechnet. Die Seebrücke aber ist schon da.

Infos unter: www.iba-see.de und www.f60.de