Rechtsextremismus

Wie ein Lokaljournalist im Spreewald gegen Neonazis kämpft

1300 aktive Rechtsextremisten gibt es in Brandenburg, 350 im Süden des Landes. Ihnen haben die Spremberger den Kampf angesagt

- Tierblut und Innereien an den Fensterscheiben einer Zeitungsredaktion - es war ein Angriff auf die Pressefreiheit, der sich in Spremberg ereignete. Und der mit ziemlicher Sicherheit auf das Konto von Neonazis geht. Doch die Tat erzeugte Gegenwehr. Lokaljournalist René Wappler macht mutig weiter. Seine Motivation: die Pressefreiheit zu verteidigen. Dass das mitten in Deutschland nötig sein kann, zeigt der Fall Spremberg.

Die Lausitz ist vor allem wegen sorbischer Folklore, Spreewaldgurken und entspannter Kahnfahrten bekannt. Doch in dieser vermeintlichen Idylle gibt es rechtsextremistische Aktionen, immer wieder. Auch in Spremberg, der "Perle der Niederlausitz", nahe der Landesgrenze zu Sachsen.

Es ist April, als René Wappler über einen gespenstischen Auftritt von Neonazis in der Stadt berichtet. Kaum ist der Artikel in der "Lausitzer Rundschau" erschienen, bedrohen unbekannte Täter die Redaktion, sprühen die Parole "Lügenpresse halt die Fresse!" an die Wand. In der Nacht darauf eine weitere Attacke: Die Scheiben der Redaktion im Erdgeschoss werden besudelt. Die Polizei vermutet, dass beide Anschläge mit den Berichten über rechtsextreme Umtriebe zusammenhängen. Die Täter sind allerdings noch nicht ermittelt.

Doch mit dem Angriff ist auch für viele Einheimische das Maß voll. Einmütig verabschieden die Abgeordneten im Spremberger Stadtparlament eine Erklärung gegen Rechtsextremismus. Im August feiern die Einwohner ein "Fest der Toleranz". Außerdem läuft seit Mai eine Unterschriftensammlung. "Bisher haben sich schon mehrere Tausend Einwohner in die Listen eingetragen", sagt Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU). "Wir sammeln auch im Jahr 2013 weiter Unterschriften für Demokratie und gegen rechts."

René Wappler war es, der über das Treffen der Neonazis auf dem Georgenberg der Stadt berichtete. In der Redaktion zeigt der 41-Jährige auf ein Foto mit etwa 30 schwarz gekleideten Vermummten. Sie posieren mit Fackeln vor dem Wahrzeichen Bismarckturm und halten ein Transparent mit dem Spruch "Deutsche Jugend voran!" in die Kamera. Wappler wird bedroht, nachdem er diesen Auftritt in der Zeitung öffentlich macht. Einmal explodiert ein Böller neben ihm vor der Bürotür. "Angst habe ich aber nicht", betont der Journalist. "Wir lassen uns von den Neonazis nicht einschüchtern, sondern berichten weiter."

Die Vorfälle in Spremberg gehören zu den jährlich mehr als 1000 politisch motivierten Straftaten in Brandenburg, die das Potsdamer Innenministerium registriert hat. Der Verfassungsschutz geht von etwa 1300 aktiven Rechtsextremisten aus, davon 350 im Landessüden. Bundesweit haben rechtsextremistische Organisationen nach offiziellen Angaben etwa 25.000 Mitglieder, davon 9500 gewaltbereite.

"Wir haben in Brandenburg etwa 50.000 Wähler von rechtsextremen Parteien, daran würde sich auch bei einem NPD-Verbot in Deutschland nicht viel ändern", sagt Dirk Wilking, Geschäftsführer des Brandenburgischen Demos-Instituts für Gemeinwesenberatung. Von den acht Brandenburger Kreisverbänden der NPD gilt der Lausitzer nach Einschätzung der Verfassungsschützer als der wichtigste.

NPD-Mandatsträger sitzen in den Kommunalvertretungen von Guben und Cottbus und im Kreistag Spree-Neiße. In Cottbus soll ein NPD-Abgeordneter nach Zeugenangaben mit dem verbotenen Hitlergruß bei einer Abstimmung provoziert haben. Neonazis wurden Kontakte zu gewaltbereiten Motorradrockern, darunter in Spremberg, und zu Lausitzer Kickboxern nachgewiesen. Für Journalisten wie René Wappler gibt es da reichlich Arbeit.

Ausgezeichnet für Zivilcourage

Unterstützung erhält er vom Chefredakteur der "Lausitzer Rundschau", Johannes Fischer. Beide wurden im Herbst für ihren Einsatz gegen Rechtsextremismus mit bundesweiten Preisen ausgezeichnet: Wappler nahm den "Leuchtturm" der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche entgegen, für "hartnäckige Recherchen gegen Rechtsextremismus vor Ort". Fischer erhielt für seine Zeitung den Preis für Zivilcourage des Berliner Holocaust-Mahnmals. "Diese Preise sind für uns Anerkennung und die Ermunterung zum Weitermachen", sagt der Chefredakteur. Die Neonazis bleiben unter Beobachtung.