Familie

Ein Klingelton für jedes Kind

In Brandenburgs Landesregierung sitzen Minister mit vielen Söhnen und Töchtern. Wie die Politiker Familie und Beruf vereinen

Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) erkennt schon am Klingelton ihres Handys, ob eines ihrer sieben Kinder anruft. Trotz des engen Terminplans als Spitzenpolitikerin will sie für ihre Familie möglichst häufig erreichbar sein. "Manche Dinge lassen sich nicht aufschieben", sagt die 50-Jährige. Wenn ein Kind Zahnschmerzen hat zum Beispiel. Oder schnelle Entscheidungen gefragt sind. Schlechte Noten werden aber meist spätabends gebeichtet, wenn die Mutter nach Hause kommt. "Das ist dann leider oft zwischen 21 und 22 Uhr", sagt Martina Münch. Mit sieben Kindern ist sie als Spitzenpolitikerin eine Ausnahme, wäre nicht auch noch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Der Bildungsministerin verdankt das neunköpfige märkische Kabinett unter Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) das Etikett "Kinderreichste Landesregierung". Insgesamt haben die Minister 31 leibliche Söhne und Töchter.

Mit durchschnittlich 3,1 Kindern liegt die Landesregierung im bundesweiten Vergleich an der Spitze. Nicht ein Kabinettsmitglied ist kinderlos. Ministerpräsident Platzeck mit drei erwachsenen Töchtern - darunter Zwillinge - sagt: "Natürlich ist das ein schönes Gefühl. Viel wichtiger aber ist, dass wir uns im brandenburgischen Kabinett nicht nur über unseren eigenen Nachwuchs freuen." Und Platzeck, der seit dem vergangen Jahr einen Enkel hat, fügt hinzu: "Schließlich will auch ich noch mehrfach Opa werden."

Die siebenfache Mutter Martina Münch hat mit ihren Ministerkolleginnen und -kollegen eins gemeinsam: Sie muss jeden Tag damit ringen, dass die Familie bei dem zeitraubenden Beruf nicht völlig zu kurz kommt. "Bis auf wenige Ausnahmen fahre ich jeden Abend nach Hause", sagt sie. Wenn sie bei der Familie in Cottbus ankommt, liegt bereits ein langer Arbeitstag hinter ihr: Besprechungen im Ministerium in Potsdam, zahlreiche Termine im Land Brandenburg verteilt, dazu kommen Fraktions- und Kabinettsitzungen sowie Plenarsitzungen. Martina Münch ist auch noch stellvertretende SPD-Vorsitzende. Der älteste Sohn studiert mit 21 Jahren Medizin in Leipzig. Martina Münch und ihr Mann sind beide Ärzte. Der Zweitälteste ging nach dem Abitur erst einmal für ein Jahr nach Israel. Somit wohnen nur noch fünf Kinder zu Hause. Die beiden Jüngsten sind acht und elf Jahre alt, die beiden Töchter 15 und 17 und ein weiterer Sohn 14 Jahre alt. Weihnachten feiert die neunköpfige Familie stets gemeinsam. "Am besten geht es mir, wenn wie früher alle da sind", sagt Martina Münch. "Den Sonntag halte ich mir so gut wie immer frei", sagt sie. "Meine beiden Töchter haben häufig aber andere Pläne." Martina Münch und ihrem Mann geht es nicht anders als allen anderen Eltern, deren Kinder in der Pubertät lieber mit Freunden zusammen sind. Zum gemeinsamen Einkaufen ist die Mutter aber immer noch willkommen.

Schuhkauf ist Chefsache

Münchs haben zuhause eine Haushaltshilfe, sonst wäre der Alltag gar nicht zu organisieren. "Manche Dinge kann und will ich aber nicht delegieren", sagt Martina Münch. Schuhe kaufen zum Beispiel. Der Achtjährige brauchte jüngst dringend neue Winterstiefel. "Es gelang mir gerade noch welche auszusuchen, bevor das Geschäft am Abend zumachte." Dass die Mutter Politikerin und dann auch noch die Bildungsministerin ist, ist für die Kinder nicht immer einfach. "Stolz sind sie schon", sagt Martina Münch. "Aber sie finden es manchmal auch ein bisschen peinlich." Kinder wollen in der Regel nicht auffallen. Zu den Elternabenden geht meist der Vater. "Ich bekomme wie alle anderen Mütter aber auch hin und wieder einen Anruf von einem Lehrer", sagt die Ministerin. Auf die Frage, ob sie auch als Mutter mit dem brandenburgischen Bildungssystem zufrieden ist, sagt Münch: "Im Allgemeinen schon. Natürlich müssen wir weiter an Verbesserungen arbeiten." Der viel kritisierte, angeblich zu hohe Unterrichtsausfall an Brandenburgs Schulen sei zuhause jedenfalls selten Thema.

Ein schlechtes Gewissen hat Martina Münch nicht, weil sie oft erst spät abends für die Familie da sein kann. "Meine Kinder geben mir Kraft für den Beruf und der Beruf schenkt mir Kraft für die Kinder." Die Kinder wissen um ihre Zeitknappheit. Der Älteste hat seinen Weihnachtswunsch per E-Mail gesendet - "er schickte mir gleich den passenden Link mit", sagt Martina Münch. "Ich musste den Link nur noch anklicken, um das Geschenk zu bestellen". Über so viel Rücksicht hat sie sich gefreut. "Das war sehr mutterfreundlich", sagt sie.

Die schwierige Frage nach dem Job

Wirtschafts- und Europaminister Ralf Christoffers (Linke) hat fünf Kinder. Vier von ihnen sind erwachsen. Die Jüngste ist sechs Jahre alt. Wenn der Vater nach einem langen Arbeitstag abends zu Hause in Bernau ankommt, schläft die Kleine oft schon. Mitunter fragt sie ihn, was ein Politiker denn so mache. "Das ist gar nicht einfach zu beantworten", sagt Christoffers. Er versucht es zum Beispiel damit: "Ein Politiker muss den Menschen Dinge erklären und oft Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen."

"Ich hatte immer wenig Zeit für die Kinder", bedauert Arbeits- und Sozialminister Günter Baaske (SPD). "Als die Älteste klein war, haben meine Frau und ich gerade studiert, danach kamen die unruhigen Wendejahre." Der Mathematik- und Physiklehrer und frühere Manager der Musikband "Keimzeit" war als stellvertretender Landrat und Sozialbeigeordneter im damaligen Landkreis Belzig viel auf Achse. Der 55-Jährige hat vier Kinder. Der Ältester ist 31, eine Tochter 24, ein Sohn 21 Jahre alt, die Jüngste zehn Monate. Zwei Kinder wohnen bei Baaske zuhause in Lütte in Bad Belzig: Der 21-Jährige, der noch in der Ausbildung ist, und die kleine Schwester. Nimmt er sich heute mehr Zeit als früher? "Ich habe ein verständnisvolles Büro", sagt der Minister. "Da bekomme ich wenigstens ein Wochenende im Monat frei." Baaske ist sehr gerne Vater. Er sagt: "Ich hatte mit allen meinen Kindern viel Glück: Keines machte Ärger, keines ist krank."

Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) und Finanzminister Helmuth Markov (Linke) haben jeweils drei erwachsene Kinder. Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) ist Vater zwei Töchter. Die 24-Jährige studiert in Berlin Medizin, die 15-jährige geht aufs Gymnasium. Vogelsänger wohnt in Erkner und ist "glücklich verheiratet", wie er sagt. In diesem Jahr feierte das Paar silberne Hochzeit. Auch er würde sich mehr Zeit für die Familie wünschen. "Wir nutzen aber jede Gelegenheit, zusammen etwas zu unternehmen", sagt der 48-jährige. Bei Umweltministerin Anita Tack (Linke) sind die Kinder längst aus dem Haus: Sie hat einen 38-jährigen Sohn und eine 34-jährige Tochter.

Innenminister Dietmar Woidke (SPD), der eine leibliche erwachsene Tochter hat, lebt in Forst in der Lausitz in einer Patchwork-Familie. Seine zweite Frau brachte eine Tochter mit. Auch die Lebensgefährtin von Brandenburgs Justizminister Volkmar Schöneburg (Linke) hat eine Tochter (15). Sie wohnen zu dritt in Potsdam. Sein Sohn Karl ist 25 Jahre alt. Er hat es als Judoka bis in die Bundesliga geschafft und lebt unter der Woche in Frankfurt (Oder). Dort trainiert der Leistungssportler am Olympiastützpunkt. Sie sehen sich häufig an den Wochenenden. Dann ist Karl Schöneburg meist in Potsdam - bei der Freundin. Nach der Scheidung lebten Vater und Sohn "zehn Jahre in einer Männer-WG", wie Schöneburg es nennt. Die Mutter wohnte aber nur einige Straßen entfernt. "Wir verstehen uns sehr gut", beschreibt der Jurist das Verhältnis zu seinem Sohn. Er ist sehr stolz auf ihn.

Vater Schöneburg sagt: "Trotz meiner Verpflichtungen als Minister versuche ich, bei allen seinen wichtigen Wettkämpfen dabei zu sein."