Kriegs-Gedenkstätte

Trauma Seelower Höhen

Deutschlandweit einmalige Kriegs-Gedenkstätte feiert nach Umgestaltung 40 Jahre Bestehen

- Dutzende russische Namen einstiger Helden der "ruhmreichen Sowjetarmee" in schwarzen Buchstaben dominierten bis zur Wende den Eingangsbereich der Gedenkstätte auf den Seelower Höhen. 1990 wurden sie ausgetauscht gegen ein orthodoxes Kreuz aus Birken-Ästen und ein düsteres Gemälde des Frankfurter Künstlers Günther Neubauer, auf dem ein russischer und ein deutscher Stahlhelm zu erkennen sind. Fünf Jahre später wiederum ist es eine Fotocollage historischer Aufnahmen, kombiniert mit Daten gefallener Soldaten und von zivilen Opfern der schwersten Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden.

40 Jahre Gedenkstätte

Erinnert wird an diesen sichtbaren Wandel im Laufe der Zeit in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte, die in diesen Tagen ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Die anderthalb Jahre dauernde Suche nach einer neuen Identität der traditionsreichen Einrichtung wird am heutigen Sonnabend mit der feierlichen Eröffnung der neuen Schau ihren Abschluss finden. Es geht einerseits um Seelow als ehemaliges Schlachtfeld, andererseits um die Gedenkstätte als Erinnerungsort an die historischen Ereignisse. "Die traumatischen Erlebnisse des Krieges prägten das Leben hier, der Gedenkort wurde schrittweise eingespannt in das politische System", macht der Seelower Museumsleiter Gerd-Ulrich Herrmann deutlich.

Damit Besucher noch besser verstehen, welches Leid die Schlacht um die Seelower Höhen vor mehr als 67 Jahren den beteiligten Soldaten sowie der Zivilbevölkerung brachte, welche Folgen sie hatte und wie die Gedenkstätte entstand, sind vor den entsprechenden Schautafeln insgesamt acht Computermonitore (Medienstationen) postiert. Über einen Fingertipp auf die Bildschirme können historische Fotos und Filmausschnitte aufgerufen sowie Zeitzeugen ausgewählt werden, die dann von ihren Erlebnissen berichten. "Wir wollen Geschichte vermitteln - möglichst objektiv, an einem authentischen Ort", sagt der Gedenkstättenleiter.

Die Einrichtung, die 1945 als sowjetischer Soldatenfriedhof mit dem noch heute weit sichtbaren Soldatendenkmal des russischen Bildhauers Lew Kerbel begann, wurde 1972 zur "Gedenkstätte der Befreiung" erweitert, gehörte von da an zum Pflichtbesuchsprogramm jedes treuen DDR-Bürgers. 1985 wurde sie zum ersten Mal überarbeitet und umgestaltet. Überlieferter böser Kommentar hinter vorgehaltener Hand damals: "Die Einschüsse von 1945 an den Häusern sind noch immer sichtbar. Geld für eine Sanierung gibt es nicht, aber für eine neue Ausstellung." Charakteristisch für die Seelower Höhen blieb, dass die Kämpfe der Roten Armee um den Vormarsch nach Berlin im Frühjahr 1945 geradezu glorifiziert wurden. "Wir wollen nicht verurteilen, sondern die Geschehnisse in die jeweilige politische Situation wissenschaftlich fundiert einordnen", sagt Herrmann.

Nach 1990 drehte sich die historische Betrachtung nach Ansicht des Gedenkstättenleiters "um 180 Grad". Die Aufarbeitung der Schlacht stützte sich demnach vorrangig auf deutsche Quellen, während russische Dokumente und Zeitzeugen in Vergessenheit gerieten. Gesellschaftliche Umstände, die letztlich zur entscheidenden Schlacht um den Vormarsch der Roten Armee nach Berlin geführt hatten, werden in der neuen Schau thematisiert. Die Kunst, sagt Herrmann, sei es angesichts von lediglich 100 Quadratmeter Ausstellungsfläche gewesen, "etwas wegzulassen". Zwei Historiker aus Potsdam und Berlin hatten gemeinsam mit Herrmann und begleitet von einem Beirat aus Wissenschaftlern der zeitgeschichtlichen Forschung die neue Konzeption erarbeitet. Verzichtet haben sie auf eine reine Waffen- und Uniformschau, wie sie lange Zeit auf den Seelower Höhen charakteristisch war. Zwar steht auf der Freifläche unterhalb des Soldatendenkmals und dem Gräberfeld noch immer allerhand inzwischen restauriertes Kriegsgerät. Im Ausstellungsraum selbst sind die wenigen Exponate allerdings gezielt gewählt und teilweise noch nie vorher gezeigt worden. Das betrifft eine kleine Sammlung von Kriegsgerät, das später zu Haushaltsgeräten umfunktioniert wurde - wie Stahlhelme zu Kochtöpfen, Schaumlöffel aus Gasmaskenfiltern oder Tassen aus Panzerfaustköpfen.

Agitationsgranate von 1945

Erst im vergangenen Jahr von Munitionsbergern im Oderbruch entdeckt wurde eine sogenannte Agitationsgranate von Anfang 1945, gefüllt mit inzwischen vergilbten Flugblättern. "Kapitulation ist der einzige Weg zur Rettung", lautet die Überschrift.

Aufgeräumt wird in der neuen Ausstellung auch mit Mythen, die im Zusammenhang mit der Schlacht entstanden sind. Beispielsweise mit der Mär von den Tausenden Flakscheinwerfern, die der Befehlshaber der 1. Belorussischen Front, Marschall Schukow, beim nächtlichen Angriff auf die Seelower Höhen am Morgen des 16. April 1945 hatte aufstellen lassen, um das komplette Oderbruch taghell auszuleuchten. "Das ist totaler Quatsch, belegen Zeitzeugen und Dokumente. Die Scheinwerfer reichten nur drei bis fünf Kilometer weit, außerdem war es in jener Nacht nebelig", stellt der Gedenkstättenleiter klar.

Kaum Ausstellungsstücke gibt es hingegen zur Geschichte der Gedenkstätte. "Da bitten wir erneut um die Hilfe der Bevölkerung, um zu ergänzen - wir suchen Fotos, die berühmten Brigadetagebücher - alles, was deutlich macht, wie DDR- Bürger die Gedenkstätte in sozialistischen Zeiten wahrgenommen haben."

Mehr als 450.000 Euro vom Bund und vom Land Brandenburg flossen laut Herrmann in die Umgestaltung des deutschlandweit einmaligen Museums.