Frankfurt (Oder)

Stündlich über die Oder

Seit Sonntag verkehrt wieder ein Bus zwischen dem Frankfurter Bahnhof und Slubice

- Hans-Dieter Wachner kann sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind mit der Straßenbahn von Frankfurt über die Oder ostwärts in die damalige Dammvorstadt fuhr. "Ich wurde 1942 hier eingeschult, hatte einen weiten Schulweg", erzählt der Frankfurter Stadtparlamentarier. Die Fahrt mit der Tram sei für ihn als Kind immer ein Abenteuer gewesen, erzählt Wachner, der 70 Jahre später in einem Linienbus über die Stadtbrücke fährt.

Das klingt zunächst nicht aufregend, doch die Fahrt ist für den Frankfurter und weitere Fahrgäste etwas Besonderes. Denn die Frankfurter Straßenbahn verkehrte nur bis zum Zweiten Weltkrieg über die Oder. Dann war zunächst die Brücke kaputt, später wurde aus der einstigen Dammvorstadt das polnische Slubice, die Oder zur Grenze. Einen öffentlichen Personennahverkehr zwischen beiden Flussufern gab es nicht mehr - bis jetzt. Am Sonntag um 12.11 Uhr unternahm ein Bus der Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft seine Jungfernfahrt - und Wachner war mit dabei.

Vom Slubicer Platz der Helden (Plac Bohaterow) pendelt der Bus der Linie 983 seitdem stündlich zum Frankfurter Bahnhof, täglich zwischen 5 und 22 Uhr. Dort gibt es Anschluss an den Regionalexpress (RE 1) nach Berlin. Denn die neue Nahverkehrsverbindung zwischen Frankfurt und Slubice ist eingebunden in das Netz des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Am Bahnhof startet die Linie 983 immer 35 Minuten nach der vollen Stunde, gut 30 Minuten später ist sie am Platz der Helden. Fußläufig von dort sind Studentenwohnheime und die Slubicer Stadtverwaltung zu erreichen. Zuvor hält der Bus hinter der Brücke an der deutsch-polnischen Forschungseinrichtung Collegium Polonicum, nahe dem Stadion, am Supermarkt "Intermarche" und an der Slubicer Post. Retour gibt es vom Platz der Helden aus nur noch einen Halt auf der polnischen Seite nahe der Brücke. Dann geht es über die Oder, zwei Haltestellen im Frankfurter Zentrum werden angefahren, schon ist der Bus wieder am Bahnhof.

Ungeduldig erwartet

Die Strecke erleichtert zahlreichen Reisenden den Weg, die in Frankfurt aus- oder in den Zug steigen und zuvor den langen Weg über die Oder zu Fuß oder per Taxi zurücklegen mussten: Studenten, Einkaufstouristen, Pendler. Am ungeduldigsten erwartet wurde die grenzüberschreitende Verbindung laut Bürgermeister Tomasz Ciszewicz von den Slubicern selbst, die in ihrer Stadt keinen öffentlichen Personennahverkehr haben.

Zur Feier des Tages verkehrte die neue, grenzüberschreitende Buslinie am Sonntag den ganzen Tag über kostenlos. Ab heute kostet ein Einzelfahrschein zum Transfer über die Oder 1,40 Euro, eine Tageskarte das Doppelte. Wer ohnehin ein VBB-Ticket gelöst hat, für den ist die Fahrt im Preis einbegriffen. Davon profitieren unter anderen die Studenten der Frankfurter Europa-Universität "Viadrina", die nun zwischen den Wohnheimen in Slubice und den Vorlesungen in Frankfurt nicht mehr zu Fuß über die Stadtbrücke zu laufen brauchen. Allerdings müssen sie für diesen Service etwas tiefer in die Tasche greifen - ihr Beitrag zum Semesterticket erhöht sich um 3,50 Euro. Quasi bis zum Schluss hatte das Studentenparlament über diesen Zuschuss mit der Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft gefeilscht.

Denn ursprünglich hatte die Verkehrsgesellschaft eine Erhöhung des Semestertickets um fünf Euro angedacht, schließlich seien die "Viadrina"-Kommilitonen die eigentlichen Nutznießer der Linie 983.

Doch das war den Studenten zu viel, nicht nur, weil der Frankfurter Uni-Komplex lediglich zwischen 9 und 14 direkt angefahren wird. Sie stören sich auch daran, einen "defizitären Bus" zu finanzieren.

Denn die Umsatzerlöse für den grenzüberschreitenden Bus liegen laut Wirtschaftsprognose bei 34.000 bis 80.000 Euro, für den Betrieb werden pro Jahr jedoch 130.000 Euro benötigt. Immerhin 45.000 Euro jährlich kommen nunmehr von den Studenten, freut sich Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke.

Auch Wachner ist froh über die neue Nahverkehrsverbindung über die Oder. "Der Bus ist günstig und flexibel - perfekt", sagt der Stadtparlamentarier und weiß sich darin eins mit den Slubicern, die in einer Bürgerabstimmung für den Bus und gegen eine Tram stimmten. Von einer Straßenbahnverbindung zwischen Frankfurt und Slubice, wie er sie aus seinen Kindertagen kennt, hält Wachner nichts: "Sie würde jeden finanziellen Rahmen sprengen - zumal Gleise östlich der Oder und auf der Brücke komplett neu verlegt werden müssten."

Die Frankfurter Stadtverwaltung hat das Projekt Straßenbahn jedoch vor allem mit Blick auf Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit noch nicht ad acta gelegt. Laut Gutachten könnte eine solche Verbindung nämlich Einnahmen von 118.000 Euro bringen, sei betriebswirtschaftlich sinnvoll und technisch machbar. Für die 1,7 Kilometer lange Strecke bezifferten die Gutachter allerdings Kosten von mehr als zehn Millionen Euro.

Frankfurt hofft auf eine großzügige Unterstützung der Europäischen Union. "Die Straßenbahn wird kommen - der Bus ist nur der Vorläufer", hieß es am Sonntag immer wieder während der Jungfernfahrt der Linie 983. Zu den Befürwortern zählt auch das Studentenparlament.

Seit dem 22. Januar 1888 pendelte eine Straßenbahn zwischen Frankfurt und seiner damaligen Dammvorstadt auf der Stadtbrücke. 1945 war damit Schluss, die Verbindung auf nunmehr polnisches Territorium wurde gekappt, die Stadtbrücke mehr zur Grenze, als dass sie verband. Bereits in den 90er-Jahren entstand in Frankfurt die Idee einer Wiederbelebung der alten Trasse. Spätestens seit dem EU-Beitritt Polens bemühen sich die beiden Partnerstädte aktiv um eine grenzüberschreitende Nahverkehrsverbindung. Mehrere Gutachten wurden dazu schon erstellt.

Hohe Kosten befürchtet

Die Kosten der jüngsten Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse vor einem Jahr öffentlich gemacht wurden, wollten sich Frankfurt und Slubice teilen. Doch die deutsche Kommune wartet noch immer auf den polnischen Anteil in Höhe von 60.000 Euro. Die Slubicer befürchten ohnehin zu hohe, sich womöglich nicht rentierende Kosten einer Straßenbahn, die in der Machbarkeitsstudie favorisiert wird. Aus ähnlichen Gründen hatten die Frankfurter das Projekt bei einem Bürgerentscheid vor sechs Jahren mehrheitlich abgelehnt. Doch die Verwaltung der deutschen Oderstadt hält an der Tram-Version fest - aus existenziellen Gründen. Die Straßenbahn wurde für die Kommune immer mehr zum Zuschussgeschäft, das Defizit liegt bei jährlich drei Millionen Euro. Eine Erweiterung des Netzes nach Slubice könnte sie wieder rentabel machen.