Attraktion

Die süßeste Kirche Deutschlands

Ein Gotteshaus aus Bienenwachs - die Honigkirche an der Spree wird neu eingeweiht

- Marianne Stein kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. "Unser Schmuckstück ist ganz toll geworden, sieht aus, wie aus gefrorenen Wassertropfen gemacht", sagt die Neu Hartmannsdorferin und streicht liebevoll mit der Hand über den Deckel des Altars in Deutschlands einziger Honigkirche. Das Besondere an dem sechseckigen Schrein in Neu Hartmannsdorf ist nicht nur, dass er aus Bienenwachs gemacht ist, sondern vor allem, dass ihn die Dörfler im Selbstbau geschaffen haben.

Wochenlang hatte ein Behälter, der an eine Gulaschkanone erinnert, dampfend vor dem Kircheneingang gestanden, in dem das Bienenwachs bei knapp 70 Grad zum Schmelzen gebracht wurde. "Das ist ein alter Waschkessel, der mit Holz beheizt wird", erklärte Felix Handrik, während er unermüdlich mit einem Sieb in der dunkelbraunen, leicht süßlich riechenden Brühe rührte. Mit großen Eimern schöpften weitere Mitglieder des Gemeindekirchenrates etwas von der dampfenden Flüssigkeit ab und eilten damit in das Gotteshaus. Dort gossen sie das Wachs in eine sechseckige hölzerne Verschalung im Altarraum. Nach kurzer Zeit wurde die süßliche Brühe fest. Erst wenn eine Schicht getrocknet war, konnte die nächste darüber gegossen werden. Das zog sich tagelang hin. "Bei so einer kniffligen Sache hilft nur Geduld, sonst gibt es gleich wieder Risse", sagt Rainer Landowsky, der den Altar-Selbstbau der Neu Hartmannsdorfer leitete.

Vorbild für den Neubau war ein etwa ein Meter hoher sechseckiger Schrein, der vor 18 Jahren unter Anleitung der Berliner Künstlerin Brigitte Trennhaus aus Bienenwachs gegossen worden war. In tagelanger Arbeit entstand ein Kunstwerk, das auf den ersten Blick aussah, wie aus hellem Marmor gemacht. Der Altar harmonierte mit der dahinter liegenden goldgelben Wand, die an tropfendes Kerzenwachs erinnert und nach süßem Honig duftet. "Die ist mit Bienenwachs bestrichen, in das gelber Blütenstaub gemischt wurde", erklärt Marianne Stein, die regelmäßig Führungen durch Deutschlands süßeste Kirche macht. Einmal im Jahr würde die Sonne die Wand ganz besonders zum Leuchten bringen, verrät sie: immer Ende Juni gegen 18 Uhr.

Damit Wand und Altar künftig wieder ein harmonisches Ganzes bilden, legten sich die Neu Hartmannsdorfer ins Zeug. Denn der an eine Bienenwabe erinnernde Vorgänger-Altar hatte im Laufe der Jahre immer mehr Risse bekommen, wurde zeitweise nur noch durch Spanngurte zusammen gehalten, bevor er im Frühjahr schließlich ganz zerfiel. "In seiner Zerrissenheit hatte der Altar schon Charme, predigte wie von selbst", erinnert sich Stein. Das Material habe immer irgendwie gearbeitet. "Lediglich den Deckel haben wir wiederholt glatt gebügelt", erinnert sich die Kirchenführerin.

Idee entstand in 90er-Jahren

Der Grund für den endgültigen Zerfall: Das darin eingebettete Holz hatte sich zersetzt, vermutlich durch Feuchtigkeit und Kälte, die im Laufe der Jahre aus dem Steinfußboden in den Altar gekrochen waren. "Dass da so viel Holz drin war, hat keiner von uns vermutet", sagt Stein. Damals sei viel falsch gemacht worden, resümiert auch Christine Meike vom Gemeindekirchenrat. Sie wolle aber niemandem die Schuld geben. Die hatten dafür plädiert, in den Altar neben einer Bibel und Münzen auch Holz-Teile des ursprünglichen Dachstuhls und der Kirchenglocke zu integrieren, um an die einstige Kriegszerstörung des Gotteshauses zu erinnern.

Die Berliner Künstlerin Trennhaus hatte Anfang der 90er-Jahre die Idee für die charakteristische Umgestaltung des Gotteshauses. Der ursprüngliche Altar aus der Bauzeit der Kirche von 1858 existierte nicht mehr. An seiner Stelle stand ein schwarzer Holztisch vor einem düsteren schwarzen Kreuz, erinnert sich Stein. Am Ortseingang von Neu Hartmannsdorf bemerkte Künstlerin Trennhaus damals einige Imker-Schilder. Zudem blühte der Löwenzahn auf den angrenzenden Spreewiesen in kräftigem Gelb. Aus der gesamten Region seien damals Leute mit ihren Bienenwachs-Spenden gekommen, weiß sie noch.

Die Gemeinde brauche einen Altar, der künftig länger als nur ein paar Jahre lang beständig bleibe, meint Meike. Dafür wurde viel Wachs gebraucht, gut 1000 Kilogramm. "Das konnten die Neu Hartmannsdorfer nicht alleine stemmen", sagt der Sprecher des Brandenburger Landesimkerverbandes, Holger Ackermann, der alle Berufskollegen in Berlin und Brandenburg um Hilfe bat. "Bienenwachs ist teuer, es zu kaufen hätte sich die Gemeinde nicht leisten können." Mehr als 600 Kilogramm sind seinen Angaben nach tatsächlich zusammen gekommen - durch Spenden von 56 Imkern aus ganz Deutschland. Zusammen mit den Resten des alten Altars standen damit mehr als 900 Kilogramm zur Verfügung.

Der neue Bienenwaben-Altar hat in der Mitte einen hohlen Kern, der nur sichtbar wird, wenn man den Deckel abnimmt. Im Altar-Inneren schlummern nun Dokumente, Münzen und Beigaben vom aktuellen Altargießen. Für mehr Stabilität sorgen Drahtgeflechte, die beim Gießen mit eingearbeitet wurden. "Das Ganze ist ein Experiment, weil keiner von uns schon bei der Entstehung des ersten Altars dabei war", sagt Stein, die sich freut, dass der neue Schrein an diesem Sonntag, pünktlich zum zweiten Advent, mit einem Festgottesdienst eingeweiht werden kann.