Interview

"Eine produktive Spannung"

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs zieht nach zehn Jahren im Amt Bilanz

Jann Jakobs (SPD) ist seit zehn Jahren Oberbürgermeister in Potsdam. Morgenpost-Redakteurin Gudrun Mallwitz sprach mit ihm über das Lebensgefühl und die Konflikte in der Stadt.

Berliner Morgenpost:

Herr Jakobs, Sie sind in einfachen Verhältnissen im ostfriesischen Eilsum als Ältester von acht Geschwistern aufgewachsen. Nächste Woche sind sie zehn Jahre Oberbürgermeister von Potsdam. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Jann Jakobs:

Ja, natürlich. Ich bin schon stolz darauf, Oberbürgermeister einer Stadt wie Potsdam zu sein.

Die Potsdamer sind nicht einfach zu regieren...

Die Brandenburger Mentalität zeigt sich auch bei uns. Zufriedenheit und selbst Freude wird nur bedingt Ausdruck verliehen. Das größte Lob des Märkers steckt schon in dem Satz: Da kannste nicht meckern. Das kenne ich aber auch von den Ostfriesen. Die sagen gar nichts, wenn sie was gut finden.

Frustriert Sie das manchmal?

Für mich zählt die Grundstimmung. Die Stadt tickt sehr positiv. Das können selbst die größten Miesmacher nicht leugnen. Potsdam ist eine wunderschöne Stadt mit hoher Lebensqualität. Das bescheinigt auch die neueste Prognos-Studie: Nirgendwo sonst in Deutschland lassen sich Beruf und Familie so gut miteinander vereinen wie bei uns. Jedes Jahr kommen etwa 2000 Neu-Potsdamer dazu. Wir haben mittlerweile knapp 160.000 Einwohner. Niemand hätte in den 1990er-Jahren solch eine rasante Entwicklung für möglich gehalten.

Sie sind 1993 von Berlin nach Potsdam gekommen - als Jugendamtsleiter. Zu der Zeit galt Potsdam als Hauptstadt der Jammer-Ossis. Was war damals los?

Potsdam war einst Bezirksstadt, hier wohnten viele alte DDR-Eliten. Gleichzeitig gab es eine starke Bürgerrechts- und damit Oppositionsbewegung. In der mächtigen Umwälzungsphase nach dem Fall der Mauer kam es zu viel Frust bei den politischen Reibungsprozessen. Die Debatten wurden damals bis hin zum Fatalismus geführt. Vor allem um die künftige Mitte der Stadt. Der Sanierungsbedarf in der Innenstadt war enorm. Es mussten unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Ich erinnere mich gut an die Kita-Schließungen. Denn zunächst litt Potsdam wie andere Städte im Osten unter einer niedrigen Geburtenrate und es zogen viele weg. 1998 hatten wir mit 120.000 Einwohnern den niedrigsten Bevölkerungsstand. Als der damalige Umweltminister Matthias Platzeck im Jahr 1998 nach der Abwahl von Horst Gramlich Oberbürgermeister wurde, besserte sich die Stimmung langsam.

Was ist so spannend an Potsdam?

Wir haben eine sehr heterogen zusammengesetzte Bevölkerung. Das zeigt sich an der vornehmen Berliner Vorstadt an der Glienicker Brücke, in der Brandenburger Vorstadt konzentrieren sich die Intellektuellen, in der Teltower Vorstadt leben viele gut verdienende Familien. Etwa ein Viertel der Potsdamer lebt in den sanierten Plattenbaugebieten. Aus all dem erwächst eine produktive Spannung.

Ihr politischer Dauer-Widersacher, der Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg, hat gesagt: Wir müssen uns überlegen, ob wir Politik für die Staatsbürger oder für die Besitzbürger machen wollen.

Dieser Satz von Karl Marx ist doch nur eine von Scharfenbergs vielen Spaltungsversuchen. Das Zusammenleben von Alt- und Neu-Potsdamern, von Gering- und Besserverdienenden funktioniert aus meiner Sicht gut. Es wird miteinander geredet und halt zuweilen auch heftig gestritten. Die Stadt ist zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen.

Vor kurzem wurde bei einer Demonstration auf dem Alten Markt die Zerrissenheit schon deutlich. Prominente Wahl-Potsdamer wie Günther Jauch und Nadja Uhl plädierten dafür, das 17-stöckige frühere Interhotel abzureißen. Stattdessen sollte dort die von dem Milliardär Hasso Plattner in Aussicht gestellte Kunsthalle hin. Dagegen gab es Proteste. Es wurde der Vorwurf laut, in Potsdam hätten die Reichen das Sagen.

Die Diskussion um den Abriss des Mercure wird mit großer Emotionalität geführt. Sie offenbart aber nicht eine grundsätzliche Spaltung der Potsdamer. Plattner will die Kunsthalle jetzt am Jungfernsee auf seinem eigenen Grundstück bauen. Ich bedauere diese Standortentscheidung, bin aber froh, dass er sein Geschenk nicht zurückzieht.

Ihnen wird vorgeworfen, Plattner für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert zu haben. Das Mercure sollte weg, damit es das Stadtbild um das künftige Landtags-Stadtschloss nicht stört.

Ich bin mit Hasso Plattner durch die Stadt gefahren und wir haben uns etwa zehn Standorte für eine Kunsthalle angeschaut. Ich habe ihm nichts aufgeschwatzt. Er hat es entschieden.

Hat Modeschöpfer Wolfgang Joop Recht, wenn er beklagt: "In dieser Stadt gibt es nur Neid und Missgunst?"

Ich schätze Wolfgang Joop sehr. Er hat ein feines Gespür für Strömungen in der Stadt - da höre ich auch immer gerne hin. Allerdings teile ich nicht alle seine Schlussfolgerungen.

Und Günther Jauch? Er wirft Potsdam einen kritikwürdigen Umgang mit Gönnern vor und prangert die Bürokratie an. Er sprach gar von Willkür.

Auch Jauch spitzt gerne zu. So wie er in der Debatte um das Mercure von einer "sozialistischen Notdurft-Architektur" gesprochen hat. Zugegeben - es macht schon einen Unterschied, ob sich Klaus Müller oder ein anderer Normalbürger darüber aufregt, dass er in seinem Haus wegen des Denkmalschutzes dreifach gedrechselte Stäbe in die Kellerfenster einsetzen muss, oder ob das Günther Jauch tut. Das füllt dann gleich die überregionalen Tageszeitungen.

Sind die Promis insofern Fluch oder Segen für die Stadt?

Natürlich ein Segen. Ich empfinde es als Bereicherung, dass auch sie sich in der Stadt einbringen. Sie sind mit die wichtigsten Multiplikatoren und Aushängeschilder für Potsdam. Sie leben trotz allem gerne hier, und das hat nicht nur mit ihren wunderbaren Immobilien zu tun.

Der Stadtverwaltung wird immer wieder mangelndes Feingefühl vorgeworfen, wie jetzt bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes vor dem Totensonntag.

Die Verwaltung hat fast immer sehr gute Antennen. Von 1000 Entscheidungen wird gerade mal ein winziger Bruchteil kritisiert. Ich höre viel Lob für die Einrichtung des Bürgerservice, des Kitaservice und des Wirtschaftsservice und vieler Dinge mehr. Zum Weihnachtsmarkt kann ich nur sagen, dass wir die Hinweise der Kirchen ernst nehmen und sicherlich fürs nächste Jahr eine einvernehmliche Lösung finden werden.

Ihre Amtszeit endet am 27. November 2018. Dann sind sie fast 65. Was haben Sie sich noch vorgenommen?

Die wichtigsten Grundsatzentscheidungen sind gefallen. Sie müssen jetzt umgesetzt werden. Die Gestaltung der Potsdamer Mitte etwa - dazu gehört für mich auch der Wiederaufbau der Garnisonkirche durch die Stiftung Garnisonkirche. Die Stadt hat ein Grundstück bereitgestellt, wird sich aber finanziell nicht weiter beteiligen. Von 2002 bis heute haben wir mehr als 10.000 Wohnungen neu gebaut. Da Potsdam weiter wachsen wird, brauchen wir bis 2020 rund 12.000 weitere Wohnungen. Das Problem sind die steigenden Mieten. Ein Neubau ist unter 8,50 Euro bis zehn Euro netto kalt nicht zu haben. Wir versuchen über unsere kommunale Wohnungsgesellschaft, die Mieten im Bestand zu begrenzen. Auch müssen wir weitere Kitas und Schulen bauen. Die Forschungs- und Wissenschaftsinstitute expandieren und brauchen weiteren Platz, ebenso die Medienstadt Babelsberg.

Was planen Sie für Ihren Ruhestand nach 2018?

(lacht) Ich gründe eine Bürgerinitiative und schreibe viele Briefe an die städtischen Politiker.