Immobilien

Grenzgänger der Uckermark

Viele Polen haben Interesse an der Gegend im Norden Brandenburgs und kaufen jetzt in der Region Häuser

- Ohne die Polen sähe es nicht gut aus. So denken manche Leute in Gartz, im äußersten Nordosten Brandenburgs. Dort endet die Bundesrepublik, wenige Kilometer weiter liegt das Nachbarland. Viele Einheimische ziehen weg, der Arbeit hinterher. Auswärtige wollen den nahen Nationalpark sehen und machen lediglich Kurzurlaub. Familie Popiela dagegen wagte in der Region einen Neuanfang: Sie kehrte der gut 400.000 Einwohner großen Stadt Stettin (Sczcecin) den Rücken und ließ sich diesseits der Grenze nieder, in Rosow, das zum Amt Gartz in der Uckermark gehört. Rund 7000 Menschen sind dort gemeldet. Etwa 500 von ihnen sind Polen und haben eine ähnliche Geschichte wie die der Popielas.

Der Trend hält an. "Wir sind am Anfang einer Entwicklung", sagte Amtsdirektor Frank Gotzmann (parteilos). "Wir wollen uns im Speckgürtel von Stettin positionieren." Vom Amt Gartz nach Stettin dauert die Autofahrt gerade einmal 20 Minuten, das ist weniger als die Anfahrt aus manch einem Vorort. "Ich wohne in Deutschland und brauche weniger Zeit ins Stettiner Stadtzentrum als meine Mutter", sagte der 35 Jahre alte Radoslaw Popiela.

Nach Gartz kommen vor allem arbeitende junge Familien mit Kindern. Der Nachwuchs geht in die Kita, später in die Grundschule. Die Eltern kaufen neue Häuser, die auf dem Land günstiger sind als Wohnungen in der Stadt Stettin. Oder sie retten alte Gebäude mit Renovierungen vor dem Verfall. Manche Einheimische sprechen von einer neuen Mittelschicht, die für einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Gegend sorgt.

Neuer Andrang in den Schulen

Amtsdirektor Gotzmann berichtete, dass die Grundschule zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zwei erste Klassen anbieten könne. Demnächst solle es einen muttersprachlichen Unterricht für polnische Kinder geben. Für Erwachsene würden zehn Deutschkurse angeboten, einige wenige Deutsche lernten zudem Polnisch.

Wer hier in der Provinz aufwächst, ist nicht selten zweisprachig und damit bestens für den Arbeitsmarkt gerüstet. Auch wenn die Mehrheit der Neubürger weiterhin in Stettin arbeite, hätten sich einige wenige aber auch beruflich in Deutschland niedergelassen, sagte Gotzmann. Ein günstiger Hauskauf, die gute Luft und Ruhe - Dominika Popiela zählte auf, was die Eheleute und ihre drei kleinen Kinder an Rosow im Amt Gartz schätzen. "Wir sind wirklich zufrieden." Es gibt zahlreiche Einfamilienhäuser, Straßen mit Kopfsteinpflaster und viel Natur.

Das Paar beendete seine Arbeit in Stettin und machte sich selbstständig. Die beiden beraten Landsleute in Immobilienfragen und helfen ihnen, in Deutschland anzukommen - damit es keinen Streit in der Nachbarschaft gibt, falls jemand etwa mal auf die Idee kommt, zu unpassender Zeit den Rasen zu mähen, oder etwas zu tun, für das die andere Seite wenig Verständnis hat.

2007/2008 begann das deutsche Abenteuer für Familie Popiela. Nicht zufällig, denn in dieser Zeit trat Polen dem Schengenraum bei. Polen ziehen aber nicht nur ins brandenburgische Grenzgebiet, sondern auch nach Mecklenburg-Vorpommern. Vor einem Jahr wurden drei Kommunen aus beiden Ländern und aus Nordwestpolen für ihre grenzübergreifende Zusammenarbeit ausgezeichnet. Bei dem Projekt "Die Stadt Stettin (Szczecin) und ihr Speckgürtel" ging es darum, dass die Stadt Pasewalk, das Amt Gartz und der Ort Kolbitzow (Kolbaskowo) die regionale Entwicklung um Stettin gemeinsam planen wollen.

"Für uns ist die Entwicklung schön. Das ist ein zartes Pflänzchen, das wächst und gedeiht", sagte Gotzmann. Von dem rund 120 Kilometer entfernten Berlin profitiere sein Amt nicht, die Hauptstadt ist wie Hamburg zu weit entfernt.

Diejenigen, die in Gartz Vorbehalte gegen die Zuzügler gehabt hätten, sähen, dass diese sich integrierten. Und Gotzmann sagte mit Blick auf Stettin: "Wir haben eine polnische Großstadt mit deutschem Umland."