Immobilie

Schulterklopfen als Dank - "das war's dann aber auch"

Rosemarie Arenstedt verhinderte ein NPD-Schulungsheim in Rauen. Das Anwesen gehört ihr nun. Aber sie findet keinen Mieter

- Auf den ersten Blick ist das Gut inmitten von Obstplantagen ein Anwesen zum Verlieben. Die auf dem weitläufigen Grundstück stehenden Gebäude mit den weißen Fassaden wirken wie frisch geputzt. Die Herbstsonne taucht die Anlage in goldenes Licht. Würde Besitzerin Rosemarie Arenstedt gerade in diesem Moment Besucher über Gut Johannesberg am Rande von Rauen führen, sie hätte wohl im Handumdrehen interessierte Mieter. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das liegt wohl vor allem an der heiklen Vorgeschichte. Denn der ursprüngliche Besitzer, der die 20 Hektar große, um 1900 errichtete Anlage mit zweistöckigem Wohnhaus, Gaststätte, Diskoscheune und Stallungen 2007 aus Altersgründen verkaufen musste, geriet dabei ausgerechnet an die NPD. Über eine schwedische Firma als Tarnung hatten die Rechtsextremen Gut Johannesberg erworben, um daraus ein nationales Schulungsobjekt zu machen. Als das bekannt wurde und der öffentliche Druck wuchs, stornierte der Alteigentümer den Verkauf. Dabei hatte er Glück: Die eigentlich neuen Besitzer waren noch nicht ins Grundbuch eingetragen.

Rosemarie Arenstedt und ihr Schwager Johannes Stelten sprangen in die Bresche und kauften Gut Johannesberg. Die gebürtige Berlinerin Arenstedt ist in Rauen bei den Großeltern aufgewachsen, war selbst nach der Wende jahrelang Bürgermeisterin des 2000-Seelen-Ortes nahe Fürstenwalde und konnte es nicht mit ihrem Gewissen vereinen, ein Schulungsobjekt der Nazis in ihrer Nähe zu wissen, durch den "ihr" Ort bundesweit in Verruf geriet. Was folgte, war ein jahrelanger Rechtsstreit mit der NPD, die schließlich per Räumungsklage vom Gut vertrieben wurde.

Doch die Freude über den Erfolg wich bei Arenstedt und Stelten schnell der Ernüchterung. "Zwar haben uns von Platzeck über Schönbohm bis hin zum damaligen Bundespräsidenten Wulff alle auf die Schultern geklopft, in Anerkennung unserer Zivilcourage - das war's dann aber auch", sagt Arenstedt mit bitterem Unterton. Sie und ihr Schwager fühlen sich mittlerweile allein gelassen mit dem Gut am Alten Postweg, für das sie einen Kredit über 210.000 Euro aufnahmen und für das offenbar niemand Verwendung hat.

Gemeinde legt Veto ein

Selbst nutzen wollten beide das Anwesen nicht, das hatten sie von Anfang an deutlich gemacht. Die 76-Jährige lebt auf dem von den Großeltern geerbten Grundstück in Rauen und praktiziert noch immer als Zahnärztin in der eigenen Praxis in Fürstenwalde - "ich habe bisher keinen Nachfolger gefunden". Stelten ist Steuerberater mit Büros in Köln und Dresden.

Zu Beginn waren sie noch guten Mutes, schnell einen neuen Mieter zu finden. Sie vertieften Kontakte zum Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Die unter dem Dach der Diakonie arbeitende gemeinnützige AG aus der Bundeshauptstadt wollte Gut Johannesberg als Heim für Problemjugendliche aus Berlin nutzen - das aber war wiederum den Anwohnern nicht recht. Die Angst ging um in Rauen, vor kleinkriminellen Mädchen und Jungen, die ausreißen und ihr Unwesen treiben. Die Gemeindevertreter legten schließlich vor gut einem Jahr ihr Veto gegen diese Pläne ein.

"Im Endeffekt war es die richtige Entscheidung", sagt Rauens Bürgermeister Sven Sprunghofer, der selbst in einer Diakonie-Einrichtung für Behinderte arbeitet. Doch Arenstedt ist wütend: "Die von der Kirche sind die schlimmsten - und sich untereinander nicht mal grün", schimpft die Frau, die parteilos ist, sich aber als "SPD-nah" bezeichnet. Erst seien sie und ihr Schwager die Helden gewesen, nun plötzlich die "Bösen". Und so sitzen Arenstedt und Stelten noch immer auf dem ungenutzten Gut.

"Mein Schwager träumt ja immer noch von einer sozialen Einrichtung, doch das ist illusorisch", sagt die Zahnärztin. Sie ist noch immer Mitglied der Rauener Gemeindevertretung und kennt den Flächennutzungsplan des Ortes nur zu gut. "Das hier draußen ist Außenbereich - da gibt es nur Freizeit und Erholung", sagt Arenstedt. Eine Änderung des Flächennutzungsplanes würde dauern "und vor allem kosten." Gebühren, die sie und ihr Schwager nicht aufbringen könnten. Schön sei der lange Leerstand auf dem Gut nicht, sagt der Bürgermeister. "Wir als Gemeinde können da aber wenig machen."

Mieter, die aus dem Gut ein Feriendomizil "mit Pferden, Ziegen und anderen Tieren" machen, wären Arenstedt am liebsten. Schließlich hatte der inzwischen verstorbene Alteigentümer hier auch jahrelang eine Pension betrieben. Beim Rundgang durch das Gutshaus sind die Türen zu Zimmern mit kleinem Bad noch immer nummeriert. Ansonsten wirkt das Gebäude heruntergekommen und abgewohnt. Das liege nicht nur an dem langen Lehrstand, sagt die 76-jährige Besitzerin und weist auf die Reste eines Kamins. "Die Rechten haben alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war - auch die Kupferplatten des Ofens."

Untätig waren die neuen Gutsbesitzer seit der Übernahme des Anwesens nicht. Ihre beiden Söhne hätten "für viel Geld" die Fassaden aufgemöbelt, die Fenster gestrichen, die Dächer wieder dicht gemacht, Heizungen repariert, Stromleitungen verlegt und neue Sanitäranlagen gebaut. Und so macht das Anwesen zumindest äußerlich einen passablen Eindruck. "Sonst sind potenzielle Interessenten ja gleich verschreckt." Verkaufen will die Zahnärztin Gut Johannesberg trotz allem nicht. "Es war so schwer, ins Grundbuch zu kommen - da gehen wir nicht wieder raus", sagt sie entschlossen. Bereut hat sie es dennoch nicht, Gut Johannesberg gekauft zu haben. "Hätten wir das nicht gemacht, säßen jetzt die Rechten drin."